Respekt vor Gott und allem Existierenden haben die Religionen gemeinsam
Muslimische, jüdische und christliche Vertreter kommen in Esslingen regelmäßig zum Austausch zusammen. Jetzt fand der interreligiöse Dialog erstmals als öffentliche Veranstaltung statt. Das stieß auf großes Interesse, rund 80 bis 90 Menschen kamen zu dem Abend, der sowohl Überraschendes als auch viel Gemeinsames ans Licht brachte und von Markus Geiger vom Evangelischen Bildungswerk moderiert wurde. Alle drei Religionen können das Gebot der Nachhaltigkeit aus ihren Schriften ableiten, weil der Respekt vor Gott auch den Respekt vor allem Existierenden umfasst – „weil jedes Geschöpf eine Manifestation unseres Schöpfers selbst ist“, wie es Israel Itzhak Schmitt auf Basis der jüdischen Kabbala formulierte. Das Judentum sei, auch mit seinen verschiedenen Festen, eng mit der Landwirtschaft verbunden. Tierrechte und ein Verbot der Tierquälerei seien bereits in der Thora verankert, auch wenn Menschen die Nutzung von Tieren erlaubt ist.
Verantwortung für die Schöpfung
Der Koran sehe die Welt als dem Menschen „anvertrautes Gut“, sagte Ridvan Sarikaya, daraus ergebe sich eine „moralisch-ethische Verantwortung gegenüber allen Lebewesen und der Natur“. Verschwendung gelte als große Sünde. Der Imam verwies auf verschiedene Aussagen des Propheten Mohammed, die vom Nachhaltigkeitsgedanken geprägt sind, ebenso wie auf aktuelle Projekte wie den Bau „grüner“ Moscheen mit ressourcenschonenden Konzepten. Ebenso sieht sich das Christentum in der Verantwortung für die Schöpfung, auch wenn das Bibelwort, dass der Mensch die Erde unterwerfen soll, lange anders interpretiert wurde. Stefan Möhler leitet nachhaltiges Verhalten aber auch aus dem neuen Testament ab: daraus, dass Jesus sich den Armen und Benachteiligten zugewendet hat, dass er das Reich Gottes auf Erden in Frieden und Gerechtigkeit sah. Christen hätten deshalb die Pflicht, konkret zu handeln und das „nachhaltige oder maßhaltende Leben auch in die Mitte unserer Gesellschaft zu bringen.“ Das betreffe nicht nur den Einzelnen, sondern „eine Umkehr, auch in der Wirtschaftspolitik“.
Sehr lebendig wurde die Diskussion bei den konkreten Fragen. Wie stehen die Religionsgemeinschaften beispielsweise zur Empfängnisverhütung? Schließlich hat das Bevölkerungswachstum einen Bezug zur Ausbeutung des Planeten. Im Islam gebe es zunehmend Gelehrte, die „weniger Kinder und eine sorgsame Erziehung“ höher bewerteten als die reine Kinderzahl, erklärte Sarikaya. In der Thora sei Kinderreichtum nicht nur ein Wert, sondern sogar ein Gebot, so Itzhak Schmitt, deshalb sei zumindest in orthodoxen Kreisen „noch viel Überzeugungsarbeit notwendig“. Er selbst gehört zu den Chassiden, einer traditionell orientierten Glaubensrichtung. Und betonte dennoch mit Vehemenz: „Wir haben alle von unserem Schöpfer ein eigenes Gehirn bekommen!“ Das solle man nutzen, man könne nicht einfach immer weitermachen wie bisher.
Ist Massentierhaltung koscher?
Diese Haltung, dem eigenen Verstand zu folgen, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, zeigte er auch in der Frage nach dem hohen Fleischkonsum in der jüdischen Kultur. Fleisch zu essen sei sogar ein Gebot, vor allem am Schabbat und bei den Festen; darauf zu verzichten, sei „ein Problem“. Dennoch gebe es vegetarisch lebende Rabbiner, dennoch sei er selbst „ganz sicher gegen täglichen Fleischkonsum“. Und nein, er halte Massentierhaltung nicht für koscher. Das sahen die anderen Redner ähnlich. Nach der Podiumsrunde und Segenswünschen folgten, ganz ohne Fleisch, Häppchen aus der muslimischen Gemeinde und Gespräche.
Die heiligen Schriften
Judentum
Der Tanach ist die Sammlung der heiligen Schriften des Judentums. Er umfasst verschiedene Teile, darunter die Thora. Der Talmud, eine weitere wichtige Grundlage des jüdischen Glaubens, enthält selbst keine biblischen Gesetzestexte, sondern gibt Hinweise zu deren Verständnis und Auslegung.
Christentum
Die Christen haben den jüdischen Tanach übernommen und als Altes Testament neu sortiert und kanonisiert. Die fünf Bücher Mose entsprechen dabei der Thora. Das Neue Testament ist dagegen eine Schriftensammlung aus dem Urchristentum, die vom Leben und Wirken Jesu erzählt.
Islam
Der Koran ist aus muslimischer Sicht die Offenbarung Gottes an den Propheten Mohammed. Er umfasst 114 Suren mit unterschiedlich vielen Versen. Die Sunna beschreibt die Lebensweise des Propheten als Vorbild für Muslime, sie ist eine Art Handlungsanweisung und Orientierung.