InterviewInterview Andreas Stoch Bürgerentscheid in Bad Saulgau

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Wie geht es weiter mit der Gemeinschaftsschule? Beim Bürgerentscheid in Saulgau hat die CDU zum Angriff geblasen.
Bei der CDU habe ich wie so oft das Gefühl, dass sie zum letzten Gefecht bläst. Wir wissen – auch von vielen Verantwortlichen in den Kommunen mit CDU-Parteibüchern – dass die Gemeinschaftsschule nicht als Bedrohung sondern als Chance betrachtet wird. Die Gemeinschaftsschule ist ein Angebot. Wir zwingen niemanden. Aber viele haben erkannt, dass die Gemeinschaftsschule was die Schulstruktur angeht, aber vor allem aus pädagogischen Gründen der richtige Weg ist. Wir können es uns bei zurückgehenden Schülerzahlen nicht leisten, im alten System weiter zu denken. Wir wollen die bestmöglichen Zukunftschancen für die Kinder eröffnen. Die Gemeinschaftsschule ist ein Mittel, um diese Ziele zu erreichen.

Es gibt ja durchaus Vorbehalte gegen die Gemeinschaftsschule. Werden Sie möglichst viele dieser Schulen einrichten oder sagen Sie, lasst mal einige mit gutem Beispiel vorangehen?
Die Debatte wird weniger aggressiv, sobald die Menschen eine Gemeinschaftsschule von innen gesehen haben. Das gilt sogar für den CDU-Fraktionschef Peter Hauk, der bei einem Besuch von der Begeisterung an den Schulen begeistert war. Mancher Abwehrreflex ist sicher auch aus der Unsicherheit über die weiteren Planungsschritte entstanden. Wir müssen die Umsetzung nun konkret definieren. Natürlich haben wir den Anspruch, dass Gemeinschaftsschulen, die jetzt neu entstehen erfolgreich arbeiten können. Deswegen haben wir als Mindestgröße eine stabile Zweizügigkeit definiert. Denn im Mittelpunkt steht nicht die Rettung von Schulstrukturen. Im Mittelpunkt stehen Qualität und Bildung.

Bleibt es unumstößlich dabei, dass 40 Schüler pro Jahrgang das Minimum sind?
Ich habe in dieser Debatte immer davor gewarnt, mit starren Zahlen zu operieren. Ich plädiere dafür, pragmatisch die richtige Lösung vor Ort zu suchen. An einem Ort, von dem ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine dreiviertel Stunde bis zur nächsten weiterführenden Schule unterwegs bin, kann die Entscheidung auch bei weniger als 40 Schülern anderes aussehen als in einem Ballungsraum, wo die nächste Schule keinen Kilometer entfernt ist. Wir müssen die regionalen und lokalen Unterschiede beachten. Dann werden wir mit den kommunalen Verantwortlichen in großen Teilen einheitliche Entscheidungen hinbekommen.

Wollen die Kommunen nicht klare Ansagen und umsetzen, was das Ministerium sagt?
Die Eckdaten werden gemeinsam mit den kommunalen Landesverbänden formuliert. Mir geht es darum, dass die regionalen Besonderheiten nicht von vornherein durchs Raster fallen. Ich glaube nicht, dass man am Reißbrett in Stuttgart Bildung für das ganze Land Baden-Württemberg bis ins Detail planen kann.

Die Koalition will ein Zweisäulenmodell. Wie sieht die zweite Säule neben dem Gymnasium aus?
In der zweiten Säule ist vieles möglich. Wir wollen neben der Gemeinschaftsschule sehr wohl auch die anderen erfolgreichen Schulen ihre Arbeit machen lassen. Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass Zwang hinter unserer Leitidee steht. Wir wollen aber gemeinsam mit den Schulen Entwicklungsprozesse anstoßen. Wir wollen bei allen Schulen das Thema individuelle Förderung viel stärker verbreiten und die Ganztagsangebote ausbauen. Mir ist es ehrlich gesagt egal, welches Schild außen an der Schule hängt, wenn in der Schule gute Arbeit geleistet wird.

Gibt es in zehn Jahren noch Realschulen?
Die Dauer eines solchen Umwandlungsprozesses ist nicht absehbar. Aus meiner Sicht gibt es deshalb in zehn Jahren auch noch Realschulen.

In diesem Jahr sollen 1000, nächstes Jahr 1200 Lehrerstellen gestrichen werden. Ist an den Vorgaben noch etwas zu machen?
Die Entwicklungsprozesse müssen trotz der Einsparungen möglich bleiben. Wir können nur sparen, wenn die Unterrichtsversorgung nicht beeinträchtigt wird. Ich nehme die Vorgabe der Stelleneinsparungen sehr ernst und will sie auch umsetzen. Aber oberste Leitlinie ist, dass das nicht zu Lasten der Unterrichtsversorgung gehen darf.

Wie verstehen Sie sich mit Nils Schmid?
Sehr gut.

Mit Claus Schmiedel?
Sehr gut.

Ihre Vorgängerin hatte Probleme mit der Fraktion. Sind Sie zu nahe an der Fraktion?
Die Fraktion ist ein sehr guter Seismograf für die Stimmung im Land. Jeder Abgeordnete hat vor Ort damit zu tun, wie die Auswirkungen der Politik bei den Adressaten ankommen. Das große Vertrauen, mit dem mich die Fraktion ausgestattet hat, zeigt, dass sie mir auch zutraut zu wissen, was die Adressaten der Bildungspolitik brauchen.

Sie haben im Landtag eine Blitzkarriere hingelegt. Was kommt als nächstes?
Wenn ich eine neue Aufgabe übernommen habe, habe ich noch nie gefragt, was als nächstes kommt. Mein einziges Streben liegt darin, diese Aufgabe, die man mir übertragen hat, und auf die ich sehr stolz bin, bestmöglich zu machen. Soziale Gerechtigkeit und vor allem Bildungsgerechtigkeit sind Kernelemente der Sozialdemokratie. Von daher ist ein Kultusministerium für einen Sozialdemokraten das oberste Ziel.

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