Interview „Auch mit Größe 42 sieht man schön aus“

„Ein wichtiges Bild“, sagt Kera Rachel Cook: das Model mit Speckröllchen. Foto: Silvana Denker
„Ein wichtiges Bild“, sagt Kera Rachel Cook: das Model mit Speckröllchen. Foto: Silvana Denker

Vor fünf Jahren wollte sie noch Germanys Next Topmodel werden, mittlerweile hat Kera Rachel Cook eine ganz andere Mission. Sie macht ihren Master und will andere Mädchen von ihrer Meinung nach falschen Schönheitsidealen bewahren.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
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Böblingen – - Bereits nach zwei Folgen musste sie gehen: In der fünften Staffel von Germanys Next Topmodel bekam Kera Rachel Cook das vernichtende Urteil, sie sei „nicht spannend genug“. Damals war sie fasziniert von dem Beruf Fotomodell, heute hat die 26-Jährige ihre Essstörungen überwunden, bald einen Master in Literatur und Kulturtheorie – und das Ziel, andere Mädchen von ihrer Meinung nach falschen Schönheitsidealen zu bewahren.
Frau Cook, können Sie Germanys Next Topmodel noch sehen? Gerade läuft die zehnte Staffel.
Durchaus. In meinem Freundeskreis ist es Tradition, dass wir immer donnerstags zusammen kochen und fernsehen – und die Show läuft donnerstags. Allerdings sieht man sie anders, wenn man dort gewesen ist.
Inwiefern?
Mit viel Abstand, recht kritisch. Das große Problem für mich ist: Ich glaube, solche Sendungen haben eine starken Einfluss auf die Selbstwahrnehmung von Mädchen. Laut einer Studie waren im Jahr 2006 noch 66 Prozent der Mädchen mit ihrem Aussehen zufrieden, drei Jahre später waren es noch 56 Prozent. Diese Entwicklung kann man nicht nur auf Germanys Next Topmodel zurückführen, einen Teil allerdings schon. Zu Zeiten von Facebook und der Selfie-Macherei, ­dieser ständigen Selbstdarstellung, ist die Unzufriedenheit sicher größer geworden.
Sie haben es immerhin über das Casting in die Show geschafft. Gibt so ein Auftritt kein Selbstbewusstsein?
Hinter den Kulissen wurde mir gesagt, ich hätte zu breite Schultern und Hüften. ­Damit haben sie zwar recht, aber das ist nichtsdestotrotz fürs Selbstbewusstsein nicht gut. Ein Prozent der Show dreht sich darum, dass Germanys Next Topmodel gekürt wird, der Rest besteht aus einer Demütigung nach der anderen. Die Sendung entspricht den Vorgaben der Modeindustrie: Es geht nur darum, nach seinem Äußeren beurteilt zu werden.
Trotzdem hat es Sie fasziniert...
Gerade Germanys Next Topmodel vermittelt die Illusion, dass ich als ganz normales Mädchen ins Fernsehen kommen kann und zum Star werde. Man muss nicht singen können und nicht tanzen. Ich finde das nicht verwunderlich: Unsere ganze Gesellschaft ist doch darauf ausgerichtet, zu konsumieren, sich unterhalten und ablenken zu lassen – und sich schlecht zu fühlen. Die ganzen Mode- und Lifestyle-Magazine vermitteln ständig, wie man sich optimieren könnte. Es geht immer darum, jemand anders zu sein und nicht man selbst. Wenn man sich akzeptiert, wie man ist, dann braucht man das alles nicht.
Dieses Urteil klingt noch härter als jenes der Jury Ihnen gegenüber.
Menschen, die Öffentlichkeit suchen, suchen Bewunderung und Anerkennung. Sie tun das meiner Meinung nach, weil sie nicht ganz mit sich im Reinen sind. Ich war ein Scheidungskind. Als ich 15 Jahre alt war, kam eine Agentur auf mich zu und bot mir einen Modelvertrag an. Allerdings sollte ich abnehmen, und plötzlich gab es verbotene Lebensmittel. Damals hatte ich die ersten Fressanfälle. Mit Null-Diäten und übertriebenem Training reagierte ich darauf. Das ist auch eine Form von Bulimie. Mit diesen Essstörungen kämpfte ich sehr lange. Ich war mir selbst nicht genug. Um zu verhindern, dass ich wegen meines Aussehens eingebildet werde, hat meine Mutter mich immer „mein hässliches Entlein“ genannt. Das war sicherlich ein Auslöser für diese Sucht nach Anerkennung.
Sie meinen, Ihre Geschichte ist die Regel?
Heutzutage ist der Gedanke, berühmt werden zu müssen, doch allumfassend geworden. Ich bin dankbar, dass ich noch ohne das heutige Internet groß geworden bin. Wenn sogar die Realität nicht mehr schön genug ist, kommt Photoshop. Diese Bildbearbeitung ist wie Gehirnwäsche. Wenn man ständig Bilder von perfekten Körpern sieht, muss es die Selbstwahrnehmung verändern. Früher hat man sich mit seinem Nachbarn verglichen!
Jetzt zeigen Sie sich als Curvy Model oder so genanntes Übergrößen-Model. Gibt es dafür Nachfrage?
In Deutschland ist es noch ein Randphänomen, aber es verändert sich. In England oder in den USA gibt es schon Modestrecken in Magazinen mit Plus-Size-Models, ohne dass explizit darauf hingewiesen wird. Ich finde es wichtig, dass es mehr unterschiedliche Körpertypen zu sehen gibt. Ich finde es wichtig, zu zeigen, dass man mit der Kleidergröße 42 oder 44 ebenfalls schön und gesund aussieht. Wenn ich sitze, habe ich Speckröllchen. Ich habe Cellulitis und Dehnstreifen. Das macht mich nicht hässlich. Mir geht es darum zu zeigen, wie die Wirklichkeit aussieht.
Warum ist Ihnen die Aufklärungsarbeit so wichtig?
Ich hätte mir jemanden wie mich als Jugendliche gewünscht. Essstörungen sind zwar kein Tabuthema, viel wird aber auch nicht darüber geredet. Meistens ist es nur Theorie. Wenn jemand erzählen kann, wie die Modeindustrie krank machen kann, hat es doch eine ganz andere Wirkung. Und für mich läuft alles, was in meinem Leben passiert ist, auf diesen Punkt zu. Meine Schauspiel-Ausbildung, mein Versuch, Model zu werden, mein Studium mit dem Bachelor in Rhetorik: Ich will eine Botschafterin für Gesundheit und Selbstliebe sein.
Das Gespräch führte Kathrin Haasis.




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