Bernd Konrad macht sich Sorgen „Viele Künstler leben an der Armutsgrenze“
Wenn Kunstschaffende krank werden, kann das verheerende Folgen haben – so beschreibt es der emeritierte Professor Bernd Konrad. Für Büdi Siebert gibt es deshalb ein Konzert.
Wenn Kunstschaffende krank werden, kann das verheerende Folgen haben – so beschreibt es der emeritierte Professor Bernd Konrad. Für Büdi Siebert gibt es deshalb ein Konzert.
Am Sonntag wird um 18.30 Uhr im Theaterhaus ein großes Jazzkonzert mit dem Titel „Friends for Büdi“ stattfinden. Der Saxofonist wurde krank und kann nicht mehr spielen. Bernd Konrad sagt, was es mit der Solidarität auf sich hat und was die Probleme vieler Künstler sind.
Herr Konrad, wie kam es zu dem Konzert für Büdi Siebert? Und was ist für Sie Solidarität?
Das große Jazzkonzert „Friends for Büdi“ wird als Solidaritätskonzert für unseren Musikerkollegen im Theaterhaus Stuttgart stattfinden. Büdi Siebert, Saxophonist, Flötist und Meister auf der chinesischen Zither Guzheng, studierte an der Stuttgarter Musik-Hochschule klassische Flöte. Er konzertierte auf der ganzen Welt, war Dozent an der Filmakademie Ludwigsburg und gab Workshops an der Musikhochschule Stuttgart. Heute ist er 72 Jahre alt, wurde so krank, dass er nicht mehr spielen kann. Für ihn ist dies eine existenzielle Bedrohung, da er damit rechnete, noch lange in seinem Beruf arbeiten zu können. Wir Musiker fühlen uns unseren Kollegen, die krank geworden sind und die unsere Unterstützung brauchen, zugehörig.
Sechzehn namhafte Musikerinnen und Musiker aus dem ganzen Land von Uli Gutscher bis Michael Kersting, von Ramesh Shotham bis Frank Kuruc werden in verschiedenen Formationen, in kleinen und größeren, auftreten. Wie kam das Programm zustande?
Als ich Büdi vor einigen Wochen besucht habe und seinen Zustand sah, war mir klar, dass wir handeln müssen und ich begann, ein Benefizkonzert mit dem Pianisten Matthias Frey zu planen. Nahezu alle musikalischen Freunde wollten bei dieser Aktion ohne Gage mitmachen. Werner Schretzmeier, Chef des Theaterhauses, unterstützt uns dabei tatkräftig. So wurde auch ein Spendenkonto für Büdi eröffnet.
Welchen musikalischen Bezug haben Sie selbst zu Büdi Siebert?
Bevor der Studiengang Jazz und Pop 1986 an der Stuttgarter Hochschule unter meiner Leitung entstand, erteilte ich Büdi Saxofonunterricht. Später spielte er in der Hochschul-Big-Band von Erwin Lehn. Daneben spielte ich in Büdis Formation „Herrgottsax“, ging mit ihm auf Deutschlandtournee und nahm mit ihm drei Alben auf. Büdi Siebert gehört zu den interessantesten Musikern seiner Generation. Er hat mit Andreas Vollenweider, Ralf Illenberger, Anne Haigis, Zupfgeigenhansel, Hölderlin, Elephant, Cochise und vielen anderen gearbeitet. Dass er nun nicht mehr spielen kann, belastet ihn sehr. Deshalb soll dieses große Konzert die finanzielle Lage unseres Freundes ein wenig verbessern.
Wird Büdi Siebert beim Konzert im Theaterhaus Stuttgart eigentlich anwesend sein?
Wir hoffen, dass es Büdis Zustand zulässt, anwesend zu sein. Er hat es jedenfalls vor und freut sich sehr darauf.
Gibt und gab es außer ihm weitere ähnlich Betroffene in der Jazzszene? Büdi Siebert ist leider kein Einzelfall. Solch ein Schicksal trifft immer wieder ältere Kunstschaffende, die erkranken und deren finanzielle Mittel ausgeschöpft sind.
Ja, die gibt es. Leider! Gerade die ältere Generation über 70 ist davon betroffen. Viele leben an der Armutsgrenze. Ich kenne Musiker, die ihr Leben gearbeitet haben, die in Clubs und Konzerten spielten, die Aufnahmen machten, Platten herausgaben und jungen Musikern geholfen haben. Viele haben ihr Geld in den Kauf von Instrumenten, eines Studios für Platten- und CD-Aufnahmen investiert. Ihre Gagen haben für das tägliche Leben gereicht, aber eben nicht für einen gesicherten Lebensabend. So gibt es Kunstschaffende, die sogar an der Krankenversicherung gespart haben und viel zu wenig in die Rentenversicherung einzahlen konnten.
Nicht für alle Betroffenen sind solche Solidaritätsveranstaltungen möglich. Welche Absicherungen und Unterstützungsmaßnahmen könnten helfen?
Die Künstlersozialkasse übernimmt – Gott sei Dank! – für die selbstständigen Künstler pflichtweise die gesetzliche Kranken-und Rentenversicherung. Allerdings erst seit 1983 und mit strengen Kriterien. Die Künstlernothilfe in der Schweiz gibt es seit 1919.
Werden Studierende in den Hochschulen heute auf die Gesetze des künstlerischen Marktes und auf potenzielle Notsituationen vorbereitet?
Ich habe schon in den 80er Jahren bei unserem Studiengang das Seminar Berufskunde eingeführt, in dem alle Möglichkeiten von der GEMA bis zur Altersvorsorge von Fachleuten erklärt wurden. Damals war das ein Vorgang, der Vorbildfunktion hatte und später auch in den klassischen Fächern eingeführt wurde.
Beim Konzert am 18. Mai bilden alle Musikerinnen und Musiker ein großes Jazzorchester. Unter Ihrer Leitung?
Wir werden am Anfang und am Ende unserer Veranstaltung mit allen Musikern des Abends spielen. Frei nach Büdis Leitsatz: „Ohne Musik wäre alles nichts, Musik hält mich am Leben.“
Bernd Konrad
Der Holzbläser und Komponist Bernd Konrad gründete 1981 mit Jiggs Whigham das Jugendjazzorchester Baden-Württemberg. Er hatte als Gründer des Instituts für Jazz und Pop von 1986 bis 2012 eine Professur an der Stuttgarter Musikhochschule inne. Konrad erhielt 2001 das Bundesverdienstkreuz und wurde 2018 mit dem Jazzpreis des Landes ausgezeichnet. Er lebt in Konstanz.
Büdi Siebert
Heißt mit bürgerlichem Namen Jörg-Peter Siebert. Der 72 -Jährige ist Musiker, Komponist, Lehrer und Produzent und spielte Saxofon, Klarinette, Flöten, Marimba, Guzheng, Keyboard und Gitarre. 2009 wirkte er mit bei einem Konzert in der Oper Kairo, in der erstmals christliche und muslimische Musiker gemeinsam auftraten.
Konzert
Unter dem Titel „Friends for Büdi“ findet am Sonntag um 18.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart ein Jazzkonzert statt.