InterviewDer Pink Floyd-Schlagzeuger Nick Mason tourt wieder „Ich mache keine Soloprojekte“

Von Bernd Haasis 

Seine neue Band heißt Saucerful of Secrets wie das zweite Pink Floyd-Album von 1968, und der Name ist Programm: Nick Mason erinnert auf seiner aktuellen Tournee an das weniger präsente Frühwerk der späteren Rockstars. Im Interview erklärt er mit englischer Ironie, warum.

Nick Mason 2005:  durch und durch ein Elder Statesman des Rock’n’Roll Foto: AFP
Nick Mason 2005: durch und durch ein Elder Statesman des Rock’n’Roll Foto: AFP

Stuttgart - Nick Mason, der Schlagzeuger von Pink Floyd, geht mit deren frühem Material und einer ungewöhnlichen Band auf Tournee – um nicht als Museumsstück zu enden, wie er selbst sagt.

Mr. Mason, an dieses alte, teilweise sehr experimentelle Material hat sich lange niemand gewagt – wieso tun sie es nun?

Eine weitere Australian-Roger-Waters-Pink-Floyd-Cover-Band hätte wirklich niemand gebraucht. Dieses ältere Material hingegen hat mich sehr gereizt, weil so viel drinsteckt. Leider ist es ein wenig in Vergessenheit geraten. Das ist übrigens kein Nick Mason Soloprojekt, ich mache keine Soloprojekte, sondern eine Band mit fünf Mitgliedern, die bis zu einem gewissen Grad konsequent tun, was sie tun wollen. Wir spielen Songs, die wir uns gemeinsam ausgesucht haben und von denen wir uns vorstellen, dass sie interessant sein könnten – für uns zum Spielen und fürs Publikum zum Hören.

Sie spielen Britpop-Songs des ersten Pink Floyd-Sängers und Gitarristen Syd Barrett wie „Arnold Layne“, aber auch experimentelle Stücke von Roger Waters wie „Set the Controls for the Heart of the Sun“ – das ist eine sehr große stilistische Bandbreite . . .

Wir haben alle diese Songs damals mit Pink Floyd live gespielt, sie sind nicht nur im Studio konstruiert worden. Wir wussten also, dass Live-Versionen möglich sind. Wir wollten vor allem das Gefühl der Songs treffen, nicht eine absolut akkurate Wiedergabe der Originale. Und wir wollten Raum finden, zu improvisieren. Jede Show ist also ein bisschen anders, es wird an jedem Abend Überraschungen geben – und ich hoffe, es sind positive.

An der Gitarre ist Gary Kemp zu hören, der einst mit Spandau Ballet bekannt wurde – ist das nicht sehr weit weg von Pink Floyd?

Gary ist für mich die größte Überraschung. New Romantic und Psychedelik finden sonst tatsächlich nicht unbedingt zueinander. Aber er ist ein guter Musiker, und die können alles mögliche spielen. Er ist außerdem ­enthusiastisch – ihm gefallen die Songs.

Das Album „A Saucerful of Secrets“ markiert bei Pink Floyd den Übergang von Syd Barrrett, der psychische Probleme hatte, zu David Gilmour. Das war nicht einfach, oder?

Natürlich ruft das Erinnerungen wach, das war eine turbulente Zeit. Syds Abschied zog sich über Monate hin und wir hatten kein Repertoire für ein neues Album, weil er unser Hauptsongwriter war. David musste eine Weile Syd imitieren, sogar in Fernsehshows. Bemerkenswert war, wie schnell wir dann die Kurve gekriegt haben, obwohl wir unseren Frontmann verloren hatten. Besonders interessant finde ich, wie Roger als Songwriter in die Bresche gesprungen ist – binnen sechs Monaten hatten wir ein völlig neues Repertoire. Solche Übergänge sind gar nicht unüblich, man muss nur Fleetwood Mac nach dem Abgang von Peter Green anschauen, die sich mit Lindsey Buckingham und Stevie Nicks zusammentaten, oder ­Genesis nach dem Abgang von Peter Gabriel, wo dann Phil Collins – ein Schlagzeuger! – die Verantwortung übernommen hat. Manchmal scheinen Bands zu kollabieren und dann tauchen in ihren eigenen Reihen Leute auf, die die Lücke füllen.

Sie wiederveröffentlichen nun ihre drei vergriffenen Soloalben in einer Box. Besonders das erste, „Fictitious Sports“, ist eine echte Wiederentdeckung – wie kam es zustande?

Diese Alben werden als Nick Mason-Soloalben geführt, aber auch sie sind Kooperationen mit anderen Musikern. Natürlich trage ich eine gewisse Verantwortung als Initiator, denn ich bekam die Möglichkeit, ein Soloalbum aufzunehmen – aber ich habe dazu Leute eingeladen, die Entscheidendes beigetragen ­haben. „Fictitious Sports“ war eine echte Gemeinschaftsleistung. Ich habe Carla ­Bleys Arbeit immer geliebt und war froh und glücklich, ihre Stücke aufnehmen zu dürfen mit einigen meiner Lieblingsmusiker, ­Robert Wyatt, Chris Spedding, Steve Swallow. Es ist ein sehr humorvolles Album, ­Robert Wyatts Texte sind einfach großartig.

Wieso heißt die CD-Box heißt „Unattended Luggage“, „unbeaufsichtigtes Gepäck“?

Weil es Alben sind, die ich am Bahnhof vergessen haben könnte, sie sind spurlos verschwunden. „Fictitious Sports“ kam zur selben Zeit heraus wie „The Wall“, deshalb hat sich logischerweise niemand dafür interessiert – es ist einfach hinten runtergefallen.

Beide Alben sind 1980 entstanden, „The Wall“ in England, „Fictitious Sports“ in New York – sagt das etwas aus über den damaligen Zerrüttungszustand von Pink Floyd?

Nein, das hatte damit nichts zu tun. Ich hatte alle Schagzeuparts für „The Wall“ eingespielt, dann begann die Vorproduktion für die Show mit Michael Kamen, da musst eich nicht dabei sein. Ich konnte also nach New York fahren und mit Carla und den anderen mein eigenes Album aufnehmen.

Sie hatten vorher schon ein Album von Robert Wyatt produziert, „Rock Bottom“ von 1974. Später dann haben Sie Platten von Gong und das zweite Album der Punkrocker The Damned aufgenommen – wie sind Sie zum Produzenten geworden?

Wir Musiker hatten großes Glück, dass die Beatles uns den Weg freigemacht haben, selbst zu produzieren. Vorher durften Bands nie selbst an die Regler, sie haben ihre Songs aufgenommen und der Produzent hat das Album im Alleingang fertiggemacht. Am meisten gelernt habe ich mit The Damned. Sie waren wahnsinnig schnell. Sie haben schneller einen ganzen Song eingespielt, als es bei Pink Floyd gedauert hätte, allein das Schlagzeug einzurichten. Leider waren The Damned selbst ihr größter Feind – sie waren dabei, sich aufzulösen. Ich bin also von einem Schlachtfeld aufs nächste geraten.

Waren Pink Floyd zu perfektionistisch?

Nach Perfektion zu streben, ist in Ordnung, aber das ist heute eine andere Welt. Vor 30 Jahren hatten wir unbegrenzte Studiozeit und ein großes Budget, heute verdient man mit Alben so wenig Geld, dass sich niemand mehr ein Studio leisten kann.

Was hat Sie nun geritten, nochmal auf Tournee zu gehen?

Zum Teil liegt das daran, dass ich zwei Jahre lang mit der Planung der Pink-Floyd-Ausstellung „Their Mortal Remains“ beschäftigt war, die voriges Jahr im Victoria & ­Albert Museum in London zu sehen war. Danach habe ich mich selbst wie ein Museumsstück gefühlt und mich daran erinnert, wie sehr ich es liebe, mit Gleichgesinnten live zu spielen. Also habe ich mir welche gesucht, einen Proberaum gemietet und herausgefunden: Ja, wir können es! Das hat sich ­bestätigt, als wir drei Nächte hintereinander im Half Moon Pub im Londoner Stadtteil Putney gespielt haben. Da passen 250 Leute rein, und die waren alle begeistert.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an Pink ­Floyd? Der Filmdreh im Jahr 1972 in Pompeji?

Das war eine dankbare Kulisse, aber bis zu einem gewissen Grad war das eher wie eine Studiosession, es war ja kein Publikum da, das auf uns reagiert hätte. Viel großartiger war der Auftritt, bei dem wir das „Dark Side of the Moon“-Album zum ersten Mal vor Leuten komplett live gespielt haben. Das war auch 1972 im Rainbow in London, noch vor der Veröffentlichung – damals waren ­illegale Mitschnitte noch kein Problem, weil es technisch so schwierig war.

Pink Floyd gehören zur Gründergeneration des Rock – haben Sie die Vibes der späten 60er in vollen Zügen genossen?

Das denken immer alle. Wir waren tatsächlich mittendrin in dieser psychedelischen „Summer of Love“-Revolution, aber die Realität sah so aus: Wir waren eine Profiband und mussten spielen, um zu leben. Wir fuhren also in einem Lieferwagen Richtung Norden zu ­irgendwelchen Gigs, während ­alle anderen in London waren, bunte Kaftans trugen und Seifenblasen machten. Wir haben da einiges verpasst, fürchte ich.