Interview „Es wird ein Klima der Angst erzeugt“

Hans-Dieter Beller versucht die Wogen zu glätten. Foto: privat
Hans-Dieter Beller versucht die Wogen zu glätten. Foto: privat

Hans-Dieter Beller von der Vinzentiuspflege Donzdorf erklärt, warum Anwohner keine Angst vor zwei neuen Mädchen-Wohngruppen haben müssen .

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Die Vinzentiuspflege plant in Donzdorf die Einrichtung zweier geschlossener Wohngruppen für Mädchen. Anwohner versuchen, das Projekt zu kippen. Der Geschäftsführer der Franz von Assisi Gesellschaft in Schwäbisch Gmünd, die die Vinzentiuseinrichtungen betreibt, versucht die Wogen zu glätten. Die Ängste müsse man ernst nehmen, sie hätten aber nichts mit den Tatsachen zu tun.
Herr Beller, in Donzdorf kocht die Volksseele hoch. Nun wollen sie in einer Bürgerversammlung aufklären. Was ist passiert?
Es handelt sich um Missverständnisse. Ausgelöst worden ist die ganze Unruhe durch ein Gespräch unserer Mitarbeiter mit Ärzten, bei dem es allgemein darum ging, wie wir besser zusammenarbeiten könnten. Dabei wurden auch die künftigen Pläne angesprochen, aber offensichtlich ist da einiges vermischt worden, was nichts mit dem zu tun hat, was wir planen.

Die Anwohner, darunter eine Ärztin, sprechen von einer Wohngruppe für Mädchen, die auch gewalttätig und kaum zu bändigen seien. Es kursieren Hassbriefe, in denen von vergitterten Fenstern die Rede ist und Ihnen vorgeworfen wird, Sie täten das nicht aus sozialem Engagement heraus, sondern nur, um Geld zu verdienen.
Das stimmt alles nicht. Durch solche Aussagen werden wir und unsere Schützlinge in ein falsches Licht gesetzt. Aber bekanntlich sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wie es dazu kommen konnte, kann ich nicht erklären. Tatsache ist, dass eine Atmosphäre der Angst erzeugt wird. Ich muss das ernst nehmen, aber sie ist nicht berechtigt.

Aber die Vorbehalte, dass schwer erziehbare Kinder und Jugendliche mitten in der Stadt neben einer Grundschule betreut werden, kommen ja nicht von ungefähr. Manche Anwohner klagen, sie seien von Jugendlichen der Einrichtung angepöbelt worden.
Natürlich ist klar, dass diese Kinder nicht zu uns kommen, weil bei ihnen zu Hause alles in Ordnung ist. Sie tanzen aus der Reihe, aber wir alle kennen pubertierende Jugendliche. Pöbeleien kann ich nicht ausschließen, das gilt jedoch ebenso für Jugendliche aus Donz­dorf. Aber Jugendliche provozieren eben auch, weil sie nach Grenzen fragen. Schon Sokrates hat sich über die schlechten Manieren von Jugendlichen beklagt, die ihren Eltern widersprächen und ihre Lehrer tyrannisierten. Das ist ein Generationsproblem, seit es Menschen gibt. Schön wäre, wenn wir hierüber einen Bürgerdialog starten könnten. Hierzu ist aber die Bereitschaft aller notwendig.

Sie haben klare Regeln in Ihrer Einrichtung?
Wir verlangen Respekt vor den anderen, Gewaltfreiheit gegenüber Menschen und Sachen und ebenso Drogenfreiheit, also auch nicht rauchen und kein Alkohol. Wichtig ist aber für die Kinder zu wissen, dass sie, egal was sie tun, angenommen werden. Und wenn man sie integrieren will, geht das eben nicht irgendwo außerhalb. Das muss mitten in der Gesellschaft sein.

Die Wohngruppen, die eingerichtet werden sollen, richten sich an welche Klientel?
Es sind auf gut Deutsch Wegläufer. Mädchen im Alter ab zwölf Jahren. Sie schwänzen die Schule und flüchten aus dem Elternhaus. Oft sind sie Opfer von Vernachlässigung, Missbrauch und seelischen oder körperlichen Misshandlungen. Zu ihrem eigenen Schutz gibt es unser Angebot. Eine richterliche Einweisung ist notwendig, da wir nur mit einer solchen Genehmigung die Türen verschlossen halten dürfen. Wir haben weder Gitter vor den Fenstern noch Stacheldraht um das Haus. Unsere Mädchen sind keine Gefangenen. Es sind lediglich Wohngruppen, in die man nicht, wie sonst üblich, jederzeit rein- und rauskann.

Es kursieren Gerüchte, dass die Mädchen gewalttätig sind und weggesperrt werden müssen oder dass sie vor Zwangsprostitution gerettet werden. Nun fürchten Anwohner marodierende Verwandtschaft der Mädchen auf der Straße.
Auch das ist alles Unsinn. Die Eltern müssen mit unserer Betreuungsform einverstanden sein. Zwangsprostituierte Mädchen benötigen eine andere Hilfe, wir nehmen sie in diesen Gruppen nicht auf. Und wie schon erwähnt, straffällige Mädchen kommen nicht für uns infrage – übrigens auch nicht psychisch kranke Mädchen. Diese müssen ärztlich behandelt werden und das können, dürfen und wollen wir nicht. Gleichwohl arbeiten wir mit Psychiatern und Psychotherapeuten zusammen. Wir sind ja auch kein Krankenhaus, nur weil wir unsere Jugendlichen zum Arzt schicken, wenn sie eine Grippe haben.

Sie sprechen von Missverständnissen. Haben Sie Fehler gemacht?
Wir müssen sicher noch mehr informieren, aber wir haben uns auch geöffnet, seit wir vor einigen Jahren die Vinzentiuseinrichtungen übernommen haben. Die Grundschüler der benachbarten Steingartengrundschule essen bei uns in der Einrichtung zu Mittag, es gibt das Kinderforum, das eine Krabbelgruppe in unseren Räumen anbietet, und die Vereine nutzen unsere Sporthalle. Die geplanten Mädchengruppen sind keine „Geheimsache“, wie auch schon behauptet wird. Darüber konnte sich jeder, der wollte, seit mehr als einem Jahr auf unserer Internetseite und in anderen Publikationen informieren. Aber wir wollen nun noch offensiver werden und hoffen, die unbegründeten Ängste der Bevölkerung bei der Bürgerinformation in der Stadthalle zerstreuen zu können. Außerdem haben wir einen offenen Brief verschickt und eine Homepage kreiert: www.mädchengruppen-donzdorf.de. Vielleicht entwickelt sich aus diesen Gesprächen ein guter, nachbarschaftlicher Dialog. Wir würden uns darüber freuen.




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