Herr Seitz, die erfolgreiche Runde ist fast rum, und es schaut von außen so aus, als ob Seitz und der SGV Freiberg so richtig gut zusammen passen?
Schön, dass Sie das so bewerten, aber man muss schon sehen, dass ich jetzt eineinhalb Jahre da bin, wir den Abstieg verhindert und die Mannschaft quasi komplett ausgetauscht haben und danach Erfolg hatten. Wir hatten nie eine wirkliche Negativphase oder richtig Probleme. Deshalb ist es erst einmal so, dass es passt. Die Frage ist, ob das Präsidium und das Trainerteam auch in schwierigen Phasen durch dick und dünn gehen. Ich war in Feucht und Trier vier, in Elversberg fünf Jahre, und stehe für Bodenständigkeit. Wenn ich mich wohl fühle und es passt, möchte ich auch nicht ständig wechseln.
Sie werden sicher schon in Gedanken bei der kommenden Runde sein. Wird es wieder einen großen Umbruch geben?
Es werden wieder mehrere Spieler den Verein verlassen. Der Unterschied zur letzten Runde aber ist, dass wichtige Akteure, die da bleiben, auch viel gespielt haben: ein Osée, ein Kehl-Gomez oder ein Pisot. Mit anderen ist man noch in Gesprächen. Aber bis zu zehn Leute werden schon gehen. Da sind auch ganz junge Spieler, die einen Vertrag, aber kaum Einsatzzeiten haben. Ein Jahr Training für 19-Jährige in einer Profimannschaft der vierten Liga macht Sinn, aber ich gebe die Empfehlung, sie sollen sich einen Oberligisten suchen, und dort 30 Spiele machen. Dann wissen sie, wo sie stehen.
Sie sprechen die jungen Spieler an. Inwiefern entwickeln Sie selbst sich als Trainer auch noch weiter?
Ein Punkt ist sicher, dass ich früher wenig mit den Spielern gesprochen habe. Das ist heute anders. Ich rede mit allen sehr viel. Es tut vor allem sehr jungen Spielern sehr gut, wenn sie aufgeklärt werden, warum sie nicht spielen, warum sie noch warten müssen, was ihnen noch fehlt. Und dadurch verlierst du sie auch nicht. Auch bei den Trainingsinhalten muss man mit der Zeit gehen. Deshalb habe ich immer mal wieder in Phasen ohne Job hospitiert, war beispielsweise beim 1. FC Nürnberg zwei Wochen oder im Wintertrainingslager in der Türkei und habe bei internationalen Clubs aus der Türkei oder Belgien geschaut. Eigentlich sind die Inhalte ähnlich, aber anders aufgebaut. Und dann kommt es darauf an, in welcher Liga du trainierst. Ich habe in meinem Block Spielformen, die funktionieren in der Regionalliga nicht, weil die das nicht umsetzen können. Aber schön ist es für mich, dass inzwischen auch wieder ältere Trainer gefragt sind.
Gab es Spieler in der Runde, über deren Entwicklung Sie sich gefreut haben?
Da fallen mir zwei Namen ein: Emir Kuhinja und Filimon Gerezgiher. Sie sind beide im Januar 2023 dazu gekommen, beide wurden aussortiert, der eine beim VfB II, der andere bei Fortuna Düsseldorf. Beide hatten wegen Verletzungen eine katastrophale Rückrunde bei uns gehabt. Und wenn man dann sieht, wie sie ab vergangenem Sommer bis zum Winter so performed und einen Vertrag für die 2. Liga bekommen haben, und ich meinen Anteil daran habe, dann müsste ich eigentlich in ein Nachwuchsleistungszentrum gehen, und als alter Hase junge Trainer unterstützen (lacht). Erstaunlich war für mich aber beim Blick auf das ganze Kollektiv, wie schnell sich die neue formierte Mannschaft gefunden hat nach dem kompletten Umbruch.
Wie sehr hat sich das Image des Clubs durch die starke Saison verändert?
Wir werden anders wahrgenommen. Die anderen Vereine haben extremen Respekt vor uns. Und wissen Sie, woran man das am meisten merkt? Es ist eine ganz andere Qualität von Spielern, die uns jetzt angeboten wird. Wir sind jetzt ein Club, der träumen kann. Davor sind wir fast abgestiegen.
Das müsste jetzt nur noch bei der Stadt ankommen.
Ich hoffe, dass sich Dinge durch den neuen Bürgermeister ändern. Wir laufen der Professionalität immer noch hinterher. Wir haben keinen Kraftraum, kein Ermüdungsbecken, keine Sauna und veraltete Kabinen. Dabei ist das doch unser Wohnzimmer, in dem wir jeden Tag sind. Die Jungs sind Gott sei Dank nicht arrogant und nehmen das so hin. Dennoch ist es wichtig, dass man dem Team kein Alibi für mögliche schlechte Leistungen gibt. Deshalb wäre etwas mehr Unterstützung seitens der Stadt schon gut
Aber auch der Verein hat Fehler gemacht mit der verkorksten Antragstellung für einen möglichen Aufstieg in die 3. Liga. Nagt das noch an Ihnen?
Wir sind Sportler, wollen den maximalen Erfolg, und zur Winterpause hatten wir noch die Chance, Erster zu werden, auch wenn das nicht das Ziel war. Und wenn einem diese Chance genommen wird, dann ist es für das Trainerteam und die Mannschaft erst einmal ein Schock.
Umso erstaunlicher, dass das Team in der Rückrunde geliefert hat.
Ja, sie war nicht mehr sehr gut, aber immer noch gut. Ich bin mir sicher, dass wir einige Partien bei anderen Voraussetzungen gewonnen hätten. Andererseits muss man auch so ehrlich sein, dass wenn die Situation dann so ist, dass man sportlich aufsteigen könnte, sich auch ein Druck aufbaut, und manche Spieler können ihre Leistung dann nicht abrufen. Wir hätten sicher keinen medialen Druck gehabt oder Fandruck, wie andere Clubs. Wobei Fandruck wäre ja auch ganz schön. Nach dem 13. Spieltag waren wir Erster und haben daheim gegen Mainz 05 II gespielt – vor nur 200 Zuschauern. Das ist schon brutal. Wir müssen jetzt alle peu a peu lernen, was kann man machen, damit vielleicht auch irgendwann ein Ludwigsburger sagt, jetzt fahren wir die fünf Kilometer rüber an den Wasen. Wir müssen vielleicht mal Freundschaftsspiele auf den Dörfern machen. Das muss man sich erarbeiten.