Interview „Helmut zuliebe habe ich Milben gegessen“

Von Tom Hörner 

Auf der Suche nach schrägen Museen haben die Journalisten Chris Ignatzi und Ben Schieler Deutschland bereist. Das Ergebnis ist ein Buch mit dem nicht minder schrägen Titel „Wenn die Milbe auf den Käse kotzt“.

Buchautoren Ignatzi (li.), Schieler Foto: Thomas Wagner
Buchautoren Ignatzi (li.), Schieler Foto: Thomas Wagner
Stuttgart - Herr Ignatzi, Herr Schieler, wie kommen zwei junge Leute dazu, ein Buch über Museen zu schreiben? Das Thema klingt im ersten ­Moment leicht angestaubt.
Ignatzi: Ich bin 28 und jung. Kollege Schieler ist 35 und alt. Aber zum Thema: Auf dem Weg zu meiner Freundin kam ich in der Pfalz immer an einem Schild vorbei, das auf ein Schuhmuseum hinwies. Ich fand das ­komisch. Schuhe gehören meiner Meinung nach in den Schuhschrank, nicht ins ­Museum. So fingen wir an, uns mit verblüffenden Museen zu beschäftigten, und hatten ruck, zuck 100 beisammen.
33 Museen sind in dem Buch versammelt. Sie haben noch Material für zwei weitere Bände?
Ignatzi: Im Prinzip schon, wir wollten uns erst mal auf eine magische Zahl wie 33 beschränken.

Schieler: Vielleicht setzen wir uns auch nach dem ersten Band zur Ruhe, wenn es gut läuft. Die ersten tausend Exemplare sind gedruckt. Aber wir schieben gern was nach.

Wie kommt es, dass in Zeiten, da alles ­Wissenswerte im Internet steht, die Menschen noch in Museen gehen?
Schieler: Museen sind tolle Rückzugsorte. Wenn du sie betrittst und dich auf sie einlässt, bist du in einer anderen Welt.
Im Vorwort schreiben Sie, Sie wollten keine Wertung zwischen den Museen vornehmen. Dennoch, Herr Schieler, welches der schrägen Museen hat Sie am meisten fasziniert?
Schieler: Kann ich wirklich kaum sagen. Aber es gibt schon einige, die mich total ­begeistert haben wie das Lügenmuseum in Radebeul, das einen regelrecht erschlägt mit seinen Sinneseindrücken. Du gehst rein und fühlst dich wie in einem abgedrehten Film des französischen Regisseurs Michel Gondry. Herrlich schräg ist auch das Harle­kinäum in Wiesbaden, angeblich das einzige Humormuseum der Welt. Aber auch das Museum für Sepulkralkultur in Kassel ist ein Erlebnis. Egal ob es um den Tod oder das Lachen geht, diese Museen sind einzigartig.
Was hat Sie beeindruckt, Herr Ignatzi?
Ignatzi: Der Titel zeigt, dass es mir das Milbenmuseum in Würchwitz angetan hat, aber vor allem dessen Betreiber Helmut Pöschel hat mich beeindruckt. Helmut zuliebe habe ich den Käse auch mit Milben gegessen.
Hört sich wie eine Dschungelprüfung an.
Ignatzi: War’s ein bisschen auch. Wobei Milbenkäse echt gut schmeckt, ein bisschen wie Harzer. Ich finde, die Milben könnte man weglassen, da man die eh nicht schmeckt. Aber der Helmut sieht das anders. Also musste ich da durch. Er sagte mir, dass manche Leute nur nach Würchwitz kommen, um die Milben zu essen.
Würchwitz liegt in Sachsen-Anhalt. Wer die 33 verblüffendsten Museen besucht, kommt herum in Deutschland.
Ignatzi: Stimmt, wir waren in Orten, von deren Existenz hatten wir keinen Dunst. Auf dem Weg ins Bratwurstmuseum in Holzhausen sind wir in einer Geisterstadt gleichen Namens in Thüringen gelandet. Lauter verlassene Häuser, es sah aus wie im Wilden Westen. Nicht mal das Navi hat dort mehr funktioniert. Zum Glück hatte ich in meinem alten Daimler einen Kompass.
Schieler: Jetzt wissen wir, dass es in Deutschland mehr als 70 Holzhausen gibt.
Bei allen Unterschieden – die Betreiber scheinen alle einen Spleen zu haben.
Schieler: Das würden die nicht so gern hören. Wir würden sagen: Die Leute brennen für ihr Thema. Viele der Museen leben von ihren Betreibern. Ohne eine Führung wäre der Besuch oft nur die halbe Miete. Die meisten Betreiber sind wunderbare Erzähler. Manche können sogar von ihrem Museum leben. Das Erste Deutsche Bratwurstmuseum hat 50 000 Besucher im Jahr. Da kommen Touristengruppen aus den USA hin.
Wie stellt man Bratwürste aus?
Ignatzi: Natürlich gibt es da was zu essen, aber die Leute erfahren auch etwas über die Kulturgeschichte der Bratwurst. In einer Telefonzelle kann man sich mit Bratwürsten aus ganz Deutschland unterhalten. Die Bockwurst spricht sächsisch, die aus Bayern natürlich bayrisch.
Aber sammelwütig sind die Betreiber alle.
Schieler: Der Betreiber des Museums für unerhörte Dinge in Berlin würde das bestreiten. Er bezeichnet sich als Finder, dem Dinge begegnen und die ihm dann ihre erstaunliche Geschichte erzählen. Aber Gastronomin Erika Wilhelmer vom Stuttgarter Schweinemuseum ist natürlich eine Sammlerin. Immerhin hortet sie in ihren 31 Themenräumen 30 000 Schweine.
Aus Ihrem Besuch im Giraffenmuseum in Dortmund haben Sie die Erkenntnis mitgebracht, dass die Tiere meist bisexuell sind.
Ignatzi: Stimmt. Aus diesem Grund gibt es die Rubrik „Wussten Sie schon?“. Da stehen Dinge drin, mit denen man am Stammtisch angeben kann.
Was haben Sie auf Ihren Reisen gelernt?
Schieler: Seit dem Besuch des Deutschen Sielhafenmuseums in Wittmund weiß ich, was ein Siel ist. Mit Öffnungen in einem Deich wird man als Stuttgarter eher weniger konfrontiert.
Ignatzi: Ich habe im Schuhmuseum gelernt, wo der Begriff Sabotage herkommt, vom französischen Holzschuh, dem Sabot. Während der Französischen Revolution soll das Bürgertum, wenn es keine Lust auf die Reden des Adels hatte, die Schuhe ausgezogen und damit geklatscht haben. So wurde die Rede sabotiert. Das ist zumindest eine Erklärung des Begriffs.
Bei aller Liebe zu verblüffenden Museen: ­Warum sollte man im Fingerhutmuseum in Creglingen gewesen sein?
Ignatzi: Der Vater des Betreibers hatte die größte Fingerhutfabrik Deutschlands. Was es da zu sehen gibt, ist alles andere als langweilig. Aber man muss, schon der Größe der Exponate wegen, genau hinschauen. Hier habe ich gelernt, woher die Redewendung „Aus dem Nähkästchen plaudern“ stammt. Früher war die Handtasche der Frau das Nähkästchen. Darin bewahrte sie nicht nur Nadel und Faden, sondern auch Liebesbriefe auf. Wer in einem unbeobachteten Moment reinschauen konnte, wusste aus dem Nähkästchen zu plaudern.
Schieler: Wir waren vor manchem Besuch auch skeptisch, aber hinterher jedes Mal verblüfft.
Nicht überall wurden Sie mit offenen Armen empfangen.
Schieler: Nur einmal nicht, deshalb kommt dieses Museum auch nicht vor. Die Betreiberin hat ihr Museum über- und die anderen unterschätzt. Außerdem dachte sie, wir wollten uns über kuriose Museen lustig machen. Sie schrieb uns, wir müssten wohl arbeitslos sein, sonst würden wir kaum so ein Thema beackern.
Am Samstag, 16. April, 19 Uhr, stellen Chris Ignatzi und Ben Schieler „Wenn die Milbe auf den Käse kotzt“ im Schweinemuseum vor. Sie lesen aus dem Buch und erzählen Geschichten, die es nicht in den Band geschafft haben. Der Eintritt kostet 3,50 Euro. Karten gibt es auf www.wortwunder.com und an der Abendkasse.
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