Interview mit Dakota Johnson „Ich fühle mich wie eine Betrügerin“

Von Christian Aust 

Dakota Johnson erzählt von ihrer aufregenden Kindheit als Hollywood-Nachwuchs und ihrer aktuellen Rolle als verführerische Nymphe in „A Bigger Splash“.

Dakota Johnson spielt in „A Bigger Splash“ die junge Penelope, die sich auf einer einsamen italienischen Urlaubsinsel mit dem älteren Harry einlässt (im Pool, gespielt von Ralph Fiennes). Foto: dpa
Dakota Johnson spielt in „A Bigger Splash“ die junge Penelope, die sich auf einer einsamen italienischen Urlaubsinsel mit dem älteren Harry einlässt (im Pool, gespielt von Ralph Fiennes). Foto: dpa

Venedig -

Stuttgart - Noch vor zwei Jahren war Dakota Johnson nur die Enkelin von Hollywoodstar Tippi Hedren und Tochter von Melanie Griffith und Don Johnson. Das änderte sich schlagartig, als sie die Hauptrolle in der Verfilmung des Erotik-Bestsellers „Fifty Shades Of Grey“ übernahm. Jetzt ist sie selbst ein Star. Zum Interview treffen wir die Schauspielerin auf dem venezianischen Lido.

Miss Johnson, Sie sind bei den Dreharbeiten in letzter Sekunde an Bord gekommen. Woher haben Sie den Mut genommen, diese anspruchsvolle Rolle zu spielen?
Tilda Swinton hat mir letztendlich den Mut gegeben. Ich hatte tatsächlich fürchterliche Angst vor dieser Rolle. Denn sie war so schön geschrieben, mein Text war fantastisch. Ich habe mich in diese Rolle verliebt. Und gerade deswegen wollte ich sie nicht verderben. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich das Gefühl, nicht arbeiten zu können. Ich war nicht vorbereitet. In meinem Privatleben spielten sich gerade wichtige Dinge ab, die ich eigentlich nicht einfach so stehen lassen konnte, um für zwei Monate auf eine einsame Insel zu verschwinden. Ich konnte aber auch nicht ablehnen.
Können Sie generell schlecht nein sagen?
Vielleicht ist das ein Problem. Ich saß gerade in einem Bus in Frankreich, als der Anruf mit dem Angebot kam. Und dann ging alles ganz schnell. Plötzlich war ich in der Maske, trug mein Kostüm und konnte aus der Nummer gar nicht mehr heraus. Und ich war definitiv nicht bereit. Wir haben dann so ein Probelesen mit der ganzen Besetzung gemacht. Und ich bin durchgedreht. Ich hatte das Gefühl, dieses Projekt ist zu gut für mich und war mit den Nerven völlig am Ende. Niemand weint gerne vor Fremden, aber ich bin in Tränen ausgebrochen. Aber dann sagte Tilda, dass sie mir vertraut und mich unterstützt. Das hat mir dann die nötige Kraft gegeben. Also habe ich mir die Haare bleichen lassen und bin auf die Insel geflogen.
Sie sind mit „Fifty Shades of Grey“ über Nacht berühmt geworden.Überfordert Sie all die Aufmerksamkeit manchmal?
Ich gewöhne mich langsam daran. Aber zu Beginn eines Projektes plagen mich immer all diese Zweifel. Am schlimmsten ist der erste Drehtag.
Wie würden Sie das Gefühl beschreiben?
Ich halte mich für vollkommen unfähig. Ich denke dann, ich habe keine Ahnung vom Schauspielen und wahrscheinlich wäre es am besten, wenn ich alles hinschmeiße, abreise und einfach sterbe. Nach ein paar Tagen geht es dann. Aber dieses Gefühl erlebe ich mit jedem neuen Film. Ich fühle mich dann wie eine Betrügerin und bin mir sicher, ich werde aufliegen, weil das doch für alle Kollegen und den Regisseur ganz offensichtlich sein muss.
Eine Frage des Films lautet: Kann man Künstler sein und gleichzeitig ein erfülltes Privatleben haben? Wie erleben Sie diesen Konflikt?
Wenn ich diesen Beruf ernsthaft und mit ganzer Konsequenz ausüben will, muss ich alles geben, was ich bin. Ich muss meine gesamte Zeit investieren. Ich gehe ja nicht morgens um neun Uhr zur Arbeit und bin dann um fünf fertig. Ich habe keinen klassischen Feierabend, den ich mit einer Familie verbringen könnte. Ich kann auch die Arbeit nicht einfach bis morgen im Büro liegen lassen. Ich trage sie ständig mit mir herum. Es ist ganz schwierig da eine Balance zu finden.
Wie haben Sie das als Kind in Ihrer Familie empfunden?
Meine Eltern haben die Familie mit zur Arbeit genommen. Ich war immer dabei und sie haben mich überall hin mitgenommen. So habe ich sehr früh Dinge gesehen und gelernt, die viele Menschen nie im Leben sehen. Allein das Reisen war schon so aufregend. Ich war zum Beispiel in Budapest, habe Museen besucht. Ich hatte sehr früh viel kulturellen Input.
Als Ihnen die Rolle angeboten wurde, waren Sie gerade in einem Bus in Frankreich. Was haben Sie da eigentlich gemacht?
Viele meiner Freunde sind Musiker. Meine beste Freundin ist mit dem Schlagzeuger der Band „Black Keys“ verheiratet. Wir waren mit der Band ein paar Wochen auf Tour. Ich mag das, weil ich da nicht so im Mittelpunkt stehe, sondern irgendwie zur Crew gehöre. Komischerweise passte das zu diesem Angebot. Denn im Film geht es ja um einen Rock’n’Roll-Star, den Tilda Swinton spielt. Wissen Sie, ich liebe Rock’n’ Roll. Denn er ist sexy, schillernd und faszinierend. Ich bin mit der Musik der „Rolling Stones“, von PJ Harvey und David Bowie groß geworden. Ich konnte mich immer mit ihrer Musik identifizieren und sie hatte einen großen Einfluss auf mich.
Wir sehen Sie in diesem und in anderen Filmen wie „Fifty Shades of Grey“ in einigen Szenen nackt vor der Kamera. Ist das für Sie komisch?
Ich habe kein Problem mit Nacktszenen in Filmen, auch als Zuschauerin nicht, denn ich finde, sie haben etwas Ehrliches, Schönes und Natürliches. Also, ich würde mich jetzt natürlich nicht hier vor Ihnen einfach ausziehen. Ich bin kein besonders freizügiger Mensch, der überall nackt herum hüpft. Aber im Rahmen meiner Arbeit macht es mir nichts aus. Da benutze ich meinen Körper als Instrument, um etwas auszudrücken. Wenn ich finde, es macht Sinn, mich auszuziehen und es wird geschmackvoll in Szene gesetzt, dann bin ich dabei.
Das ist die Theorie. Aber wie sieht es in der Praxis aus?
(Lacht) Das ist natürlich eine ganz andere Geschichte. An dem Tag, an dem die Nacktszene gedreht werden sollte, war ich ein nervliches Wrack. Es war in der letzten Woche der Dreharbeiten angesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, völlig den Verstand verloren zu haben.
Warum denn das?
Ich hatte einfach zu viel Zeit mit dieser Frau verbracht, die ich spiele. Ihre Psyche ist ein ziemlich finsterer Ort. Und dann sollte ich mich nackt auf diesen kochend heißen Felsen mit tausend fiesen scharfen Kanten legen. Ich war an diesem Tag extrem verletzlich und die Umgebung extrem rau. Das war keine gute Kombination. Aber ich schäme mich nicht für meinen Körper. Warum auch? Deswegen kann ich ihn auch zeigen, wenn es sein muss. Ich dränge mich aber auch nicht in den Vordergrund, um das nackte Mädchen am Set zu sein. Die ganze Situation schüchtert mich immer auch ein. Aber seelisch fühle ich mich oft viel nackter als körperlich. Und das macht mir sehr viel mehr Angst.
Ihre Großmutter ist hier in Venedig in einer Retrospektive zu sehen. Ihre Mutter hat das Festival besucht. Wie fühlen Sie sich als dritte Generation dieser Familientradition?
Als ich hier das Poster von Hitchocks „Die Vögel“ mit meiner Großmutter darauf gesehen habe, ist mir das noch einmal so richtig bewusst geworden. Es fühlt sich auch ein bisschen verrückt und surreal an. Es hat etwas Unwirkliches, hier zu sein und in diese Fußstapfen zu treten. Aber Kino ist ein wunderschöner Teil unseres Lebens. Ich habe das Glück, aus einer Familie zu stammen, die schon lange am Filmemachen beteiligt ist. Das macht mich auch ein bisschen stolz.
Wollten Sie diese Tradition immer weiterführen, oder hatten Sie zeitweilig auch andere Pläne?
Ich habe mich immer für das Filmemachen interessiert, schon als ich noch ganz jung war. Ich hatte nie den Plan, meine Eltern zu provozieren, indem ich zum Beispiel Bankkauffrau geworden wäre. Das wäre sowieso zum Scheitern verurteilt gewesen, weil ich fürchterlich schlecht in Mathematik bin. Ich bin unter Künstlern aufgewachsen. Ich kenne diese Welt, und sie hat mich immer inspiriert. Ich finde sie immer noch spannend und aufregend. Schauspielen macht mich glücklich und es hat etwas Berauschendes.
Was berauscht Sie genau?
Ich lerne durch die Rollen, die ich spiele, so viele unterschiedliche Aspekte des Lebens kennen, zu denen ich sonst keinen Zugang hätte. Und ich treffe so viele spannende Menschen. Das ist so interessant und faszinierend, dass es für mich schon zur Besessenheit wird. Ganz einfach gesprochen: es macht mir einfach großen Spaß, Filme zu machen. Ich spiele gerne. Ich habe schon als Kind die Menschen meine Umwelt ganz genau beobachtet, wie ein Schwamm, der menschliches Verhalten in sich aufsaugt.
Haben Sie noch Lust auf Ihre Rolle in „Fifty Shades of Grey“, oder bereuen Sie inzwischen, dass Sie diese Rolle angenommen haben?
Ich bereue es nicht. Und ich werde diese Rolle gerne wieder spielen. Denn da kann ich für eine Zeit in ein völlig anderes Universum abtauchen. Das macht diesen Beruf für mich so spannend. Außerdem mag ich die Kollegen und das ganze Team. Ich freue mich darauf, alle wieder zu sehen. Und ich versichere Ihnen: auf diesem Set habe ich nie einen langweiligen Moment erlebt.