InterviewInterview „Ich möchte Rollen spielen – so viele wie möglich“

Von Dirk Herrmann 

Einst wurde er mit dem Kinofilm „Wir können auch anders“ bekannt. Später war er Commissario Brunetti in Venedig und „Tatort“-Kommissar in Frankfurt. Kurz vor seinem Gastspiel in der Fellbacher Schwabenlandhalle äußert sich Joachim Król über seine Karriere.

Mit „Der erste Mensch“  am 25. Januar in Fellbach: Joachim Król. Foto: Emanuela Danielewicz
Mit „Der erste Mensch“ am 25. Januar in Fellbach: Joachim Król. Foto: Emanuela Danielewicz

Fellbach - Vor einigen Monaten war er noch in „Szenen einer Ehe“ im Stuttgarter Staatstheater zu sehen, jetzt kommt Schauspieler Joachim Król am Freitag, 25. Januar, nach Fellbach. „Der erste Mensch“ heißt die musikalische Lesung nach dem Roman von Albert Camus. Die Untermalung gestaltet das „Orchestre du Soleil“.

Herr Król, mal auf den Punkt gebracht: Warum ist „Der erste Mensch“ ein guter Stoff für eine Lesung in einem so großen Saal wie in der Fellbacher Schwabenlandhalle?

Unser „erster Mensch“ ist keine Lesung im herkömmlichen Sinne. Ich versuche in meinem Umgang mit dem Text, der Musik, die extra für diesen Abend komponiert worden ist, jeden Abend die Grenze zwischen Vortrag und Spiel aufs Neue zu überschreiten. Ich bemühe mich zum Beispiel, ein Teil der Komposition zu werden. Schauspielerei hat sehr viel mit Musik zu tun. Sprache, Bewegung folgt immer einem Rhythmus. Theater ist live. Jeder Musiker, so wie ich auch, ist jeden Abend anders disponiert. Wir müssen zueinander finden wie die Musiker in einem Orchester. Ein sehr schöner und spannender Vorgang. Da spielt die Größe eines Hauses eine untergeordnete Rolle. Diese Geschichte führt uns vor Augen, welche Möglichkeiten sich einem Menschen durch Bildung eröffnen können. Unfassbar, dass wir heutzutage wieder für Chancengleichheit und gegen Analphabetismus in unseren scheinbar so zivilisierten Gesellschaften kämpfen müssen.

Sartre, Camus – das waren vor 30, 40 Jahren noch klangvolle Namen vor allem in Studenten- oder Intellektuellenkreisen. Mit dem Begriff Existenzialismus fängt heutzutage kaum ein 20-Jähriger was an. Bedauerlich?

Für unseren Abend spielen Camus’ Werke, die sich zum Beispiel mit dem Existentialismus beschäftigen, keine Rolle. Mit „Der erste Mensch“ begegnen wir einem Autor, der sich nach der großen Ehrung durch die Verleihung des Literaturnobelpreises neu erfinden wollte. Damals galt Camus als „ausgeschrieben“. Durch das Eintauchen in seine Biografie, dem sich Beschäftigen mit seiner Herkunft, seinen Wurzeln, wollte er sich literarisch neu erfinden – unheimlich spannend und berührend.

Wie nehmen Sie die Zuhörer mit in die Kindheit der algerischen Hitze? Wie sehr ist man da als Sprecher gefordert – als Schauspieler, in der Nuancierung, in der Lebendigkeit?

Die Herausforderung liegt darin, an jedem Abend mithilfe der wunderbaren Musiker bei unserem Publikum „Kopfkino“ entstehen zu lassen. Eine Beschreibung, die wir nach den Vorstellungen häufig hören und die wir uns zu eigen gemacht haben. Wenn uns das gelingt, ist es für alle Beteiligten ein gelungener Abend.

In Ihrer Karriere gibt’s ja viele Marksteine – beginnend mit den Kinoproduktionen wie „Wir können auch anders“ über „Der bewegte Mann“ oder „Rossini“. Sind das auch für Sie selbst die Höhepunkte?

Natürlich. Und es ist immer wieder ein großes Vergnügen für mich, zu erleben, mit wie viel verschiedenen Filmen mein Publikum schöne Erinnerungen oder unterhaltsame Stunden verbindet. Da ist offensichtlich für jeden etwas dabei (lacht). So habe ich meinen Beruf auch immer verstanden. Rollen spielen. So viele wie möglich.

Immer wieder waren Sie ja auch an kleine Produktionen, die nicht unbedingt einen Blockbuster erwarten lassen, beteiligt. Ich erinnere mich da an „Gloomy Sunday“ oder „Die Stunde des Lichts“. Bewahren Sie auch solche vermeintlich kleinen Produktionen in Ihrem Schatzkästlein der Erinnerung auf?

„Die Stunde des Lichts“ wird mir wohl für immer als die perfekte Verbindung von Leben, Arbeit und Abenteuer in Erinnerung bleiben. Aber „Gloomy Sunday“ war beileibe keine kleine Produktion. Ich war damals für meinen Laszlo zum dritten Mal für den deutschen Filmpreis nominiert, und der Film hat besonders im Ausland eine bemerkenswerte Karriere gemacht.

Ihre Darstellungen sind, wie es häufiger zu lesen ist, hintersinnig, zurückhaltend, liebenswürdig, ein bisschen verschroben. Man könnte vermuten, dass entspricht auch Ihrem wahren Charakter?

Diese Adjektive beschreiben im Wesentlichen Charaktere meiner frühen Filme und werden seitdem, dem Internet sei Dank, ständig zitiert und zitiert und zitiert. Ich glaube, ich habe mich schon lange davon emanzipiert.

Interessant fand ich auch im Staatstheater Stuttgart bei „Szenen eine Ehe“ den Jähzorn-Ausbruch des Ehemanns. Eine Aufgabe, die auch Überwindung kostet?

Das stand im Text und wurde dann so erarbeitet (lacht). Ich glaube dieser Ausbruch war an dieser Stelle des Dramas unbedingt nötig.

Theater immer mal wieder – ist dies die „heimliche Liebe“, wie schon viele Schauspieler in Interviews erklärt haben? Oder sind Sie nach Ihren eher zähen Anfängen eher zurückhaltend?

Ich bin sehr froh, dass mich die Umstände früh gezwungen haben, „mehrgleisig“ zu fahren. Man nimmt mich als Kino-, Fernseh- und Theaterschauspieler wahr. Und das ist auch gut so.

Und wann stehen Sie wieder auf der Bühne?

(Naacht) In diesem Januar 25-mal im Schauspielhaus Bochum, im Schauspiel Köln, im Düsseldorfer Schauspielhaus, in Hamburg, Berlin – und auch in Fellbach mit Albert Camus’ „Der erste Mensch“.

Auf eine Rolle fixieren lassen wollen Sie sich eher nicht – so ließe sich jedenfalls erklären, dass Sie Erfolgsfiguren wie Commissario Brunetti oder Kommissar Steier nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder aufgeben – eine korrekte Einschätzung? Und wenn ja, warum ist das so?

Sie vergessen meinen guten alten Kommissar „Lutter“ aus Essen. Nein, das hat nichts mit Angst vor Festlegung auf irgendetwas zu tun. Da hatte jede Entscheidung ganz besondere Gründe.

Oft haben Sie auch mit Regisseuren gearbeitet, die eher am Anfang ihrer Karriere standen – Detlev Buck, Doris Dörrie, Tom Tykwer. Wenn die Chemie stimmt, folgen auch weitere Zusammenarbeiten? Welche Kriterien spielen da eine Rolle, welcher ist der spannendste Regisseur?

Es war halt so, dass die jungen Damen und Herren am Anfang ihrer Karrieren standen. Wie ich ja auch. Ausschlaggebend war immer das Projekt. Das Gesamtpaket.

Haben Sie sich selbst auch schon an die Regie gewagt? Oder steht dies demnächst noch aus?

Die Frage drängt sich gerade nicht auf. But never say no. . .