InterviewIst Deutschland ein Ort der Angst? „Angst hat mit Kontrollverlust zu tun“

Leben: Markus Brauer (mb)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken
Angst zu haben ist für Menschen so natürlich und naturgegeben wie das Atmen. Was macht Angst so brisant und bedrohlich?
Ob eine Situation einen Menschen überfordert, hat damit zu tun, wie intensiv eine Anforderung ist. Aber auch damit, wie viel Erfahrung jemand schon mit solchen oder ähnlichen Situationen gemacht hat. Wenn Dinge passieren, die neu sind im Erleben oder besonders prägend, dann kommt es zu einem seelischen Ungleichgewicht. Die Situation überfordert die Fähigkeiten etwas dagegen zu setzen ganz massiv.
Hilft die Erfahrung und Bewältigung von Angst, um mit neuen Ängsten besser umzugehen?
Eindeutig. Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass Angst mich überwältigt und etwas mit Kontrollverlust zu tun hat, dann werde ich auf weitere angstmachende Situationen genauso reagieren. Das ist fast wie ein Reflex. Wenn ich andere, positive Erfahrungen gemacht habe, kann ich mich ganz anders mit neuen Situationen der Angst auseinandersetzen.
Setzt hier die Psychotherapie an?
Psychotherapie ist unterm Strich nichts anderes, als gezielt Erfahrungen anzustoßen, welche die Möglichkeiten und Fähigkeiten Angst zu bewältigen stärken. Sehr häufig ist nicht die Angst selbst das Problem, sondern die Folgen von Angst – die Angst vor der nächsten Angst.
Wie zum Beispiel . . .
Jemand hat Angst vor Hunden, was an sich nichts Schlimmes ist. Wenn die Angst aber so massiv ist, dass man sich nicht mehr aus dem Haus traut – aus Angst, draußen könnte ein Hund lauern, dann kann man nicht mehr die Erfahrung machen, dass die meisten Hunde harmlos sind. Die Angst manifestiert sich.
Wie kann eine Therapie weiterhelfen?
Dieser Mensch muss Erfahrungen machen, in denen er sich traut Hunden zu begegnen. Das kann er aber oft nicht alleine, weshalb er Hilfe benötigt. Das ist der therapeutische Ansatz.
Kann man lernen, dass Angst zum Leben gehört und eine positive Kraft darstellt?
Absolut. Genau darauf setzen Therapien. Der antike Philosoph Epiktet hat einmal gesagt: Nicht die Dinge an sich machen uns Angst, sondern die Vorstellung, die wir von den Dingen haben. Das heißt: Wir können an unseren Vorstellung arbeiten. Das ist das Prinzip von vielen Verhaltenstherapien. Wenn ich eine andere Erwartung und Vorstellung habe, wirkt das angstmindernd.
Weil . . .
. . . Angst dadurch Wirkung dadurch erzielt, dass sie jemanden überrumpelt und ihn auf dem falschen Fuß erwischt. Wenn ich darauf eingerichtet bin, kann ich besser das innere Gleichgewicht halten.

Unsere Empfehlung für Sie