John Patrick „Die MHP Riesen Ludwigsburg sind eine Art Fabrik für größere Vereine“

John Patrick schwört die Riesen ein. Foto: Baumann

Der Ludwigsburger Erfolgstrainer John Patrick spricht über das Final Four der Basketball Champions League, Kriterien bei der Spielerauswahl und den alljährlichen Aderlass im Kader der MHP Riesen.

Sport: Joachim Klumpp (ump)

John Patrick steht mit den MHP Riesen Ludwigsburg vor dem vorläufigen Saisonhöhepunkt. Am Wochenende spielen die Basketballer beim Final Four der Champions League in Bilbao – und gleich darauf starten in der BBL die Play-offs.

 

Herr Patrick, die MHP Riesen haben die Generalprobe gegen Oldenburg verloren, folgt nun im Hinblick aufs Final Four am Wochenende wie am Theater eine gelungene Aufführung?

Natürlich war ich enttäuscht, aber man muss auch zugeben, dass wir in Gedanken schon zur Hälfte in Bilbao waren. Letztendlich war es wichtig, dass sich kein weiterer Spieler verletzt hat, wobei Ethan Happ erkrankt ist und man sehen muss, wie es mit ihm weitergeht. Aber man hat auch gesehen, dass es mit nur 90 Prozent Einstellung in der Liga nicht reicht, und ich hoffe, dass wir am Freitag wieder voll fokussiert im Wettkampfmodus sind.

Sie haben seit Wochen die Doppelbelastung Liga und Champions League. Ist das nun Fluch oder Segen?

Natürlich sind internationale Spiele für die Liga kein Vorteil, das sieht man auch an Bayern München mit der Euroleague. Dabei geht es nicht nur um die Spiele selbst, sondern auch um die Belastungen durch die Reisen. Aber das haben wir von vornherein gewusst – und das ist Jammern auf hohem Niveau. Was sollen andere Mannschaften sagen, für die Saison jetzt schon zu Ende ist?

Aber neben München ist ihr Team international am weitesten gekommen, macht einen das nicht auch etwas stolz?

Auf jeden Fall. Wir haben – Stand jetzt – bisher eine unglaublich erfolgreiche Saison gespielt, vor allem, wenn man überlegt, welche Probleme wir mit Verletzungen, Krankheiten und Corona hatten. Da bin ich schon sehr stolz auf die Mannschaft. Es hat sich inzwischen auch herumgesprochen, dass wir eine der Topadressen im Basketball in Europa sind, eine Art Fabrik für größere Vereine.

Warum ist es für die ausländischen Spieler so wichtig, international zu spielen?

Die meisten Spieler, die ich rekrutiere, würden nach Aussagen ihrer Agenten nicht kommen, wenn wir nicht international spielen würden. Sie sind einfach auf dem Parkett präsenter, weil die Spiele in ganz Europa oder auch Übersee übertragen werden, dadurch können sie ihren Marktwert steigern. Letztendlich überspringt man ein paar Stufen auf der Karriereleiter. Und es ist jetzt schon klar, dass einige Spieler von uns ihre Chance genutzt haben und nächste Saison bei einem größeren Verein spielen werden.

Wie groß ist dann überhaupt die Chance, Leistungsträger wie Jordan Hulls, Jonah Radebaugh oder Justin Simon in Ludwigsburg zu halten?

Nahe null. Für eine Final-Four-Mannschaft der Champions League mit einem niederen Etat wie unserem (etwa fünf Millionen Euro, Anm. d. Red.) sind die Möglichkeiten sehr beschränkt. Das ist eben die reale Welt im Basketball.

Die Riesen hatten diese Saison etliche ausländische Profis im Team, aktuell sind es acht. Wo liegt das Geheimnis oder auch Problem der Spielersuche?

Es ist immer eine Frage, ob die Spieler passen. Sie haben hier nicht die Chance aufs große Geld, sondern Spielpraxis zu bekommen. Manchmal ist das Niveau oder die Anforderung bei uns aber auch zu hoch, weil sie sehen, oha, das hat auch mit Verteidigung zu tun. Das ist manchmal schon hart. Es gibt Zeiten, dass Spieler nicht zufrieden sind mit der Einsatzzeit oder mit dem Gehalt. Aber das ist wie in jedem anderen Beruf. Als ich beim Sportausrüster Nike war oder im Finanzsektor gearbeitet habe, waren erfolgreiche Unternehmen jene Unternehmen mit Leuten, die zufrieden sind. Wir sprechen deshalb direkt und ehrlich mit den Spielern, wenn es nicht passt.

Mit Blick auf Freitag, was bereitet mehr Sorgen: Der Gegner aus Manresa aus der starken spanischen Liga oder die hohe Belastung ihrer Mannschaft mit zuletzt bis zu vier Spielen in einer Woche?

Wir hatten in der Tat ein paar mehr Spiele als Manresa, aber die haben auch eine hohe Belastung und Verletzungsprobleme – das hat jede Mannschaft. Wir müssen uns konzentrieren auf deren Stärken und Schwächen, wobei sie davon nicht viele haben. Sie spielen sehr schnell und mit vielen guten Werfern. Das wird eine sehr schwierige Aufgabe.

2018 in Athen sind Sie mit Ludwigsburg im Halbfinale des Final Four gescheitert. Dieses Mal wollen Sie ins Finale?

Sicher, aber wir fokussieren uns nicht auf die Vergangenheit, sondern auf unser Spiel und wie wir zu agieren haben.

Nach dem Final Four starten in der Liga gleich die Play-offs, wie schwierig ist diese ständige Umstellung?

Nicht leicht, weil es sein kann, dass wir auf den sechsten Platz abrutschen und gleich auf Bayern München treffen. Oder Fünfter und vielleicht auch Vierter werden und gegen Chemnitz oder Ulm spielen. Natürlich wäre es angenehmer, wenn man im entscheidenden Spiel Heimrecht hätte, aber das haben wir wohl selbst verspielt. Damit müssen wir leben, das ist im Moment alles Spekulation. Aber so spät in der Saison auf zwei Hochzeiten zu tanzen, ist schon krass und ungesund. Nicht nur für die Spieler, auch für die Trainer. Es fehlt die Zeit zur Regeneration, aber auch schon für die Planung der nächsten Saison.

Gutes Stichwort: Nächste Saison sind Sie zehn Jahre bei den Riesen. Was hält Sie so lange in Ludwigsburg?

Es ist faszinierend, dass wir mit geringen Mitteln so starke Mannschaften hinbekommen. Und dann namhafte Teams wie Teneriffa, Bayern oder Alba zu schlagen, ist immer wieder Motivation aufs Neue. Natürlich ist Ludwigsburg auch eine schöne Stadt – und wir haben es verdammt gut hier.

Das Gespräch führte Joachim Klumpp.

Weitere Themen