InterviewInterview mit Benedikt Paulowitsch „Man kann mit Moderation viel voranbringen“

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Auch wenn seine offizielle Amtseinführung noch aussteht: An diesem Samstag kann Benedikt Paulowitsch auf die ersten 100 Tage als Bürgermeister von Kernen zurückblicken. Schon jetzt ist für ihn klar, dass er länger als acht Jahre Chef im Rathaus bleiben will.

Benedikt Paulowitsch setzt bei seiner Arbeit sehr auf das Gespräch. Foto: Roland Böckeler
Benedikt Paulowitsch setzt bei seiner Arbeit sehr auf das Gespräch. Foto: Roland Böckeler

Kernen - Er wolle zuhören und die Bürger einbinden, hat Benedikt Paulowitsch als Kandidat bei der Bürgermeisterwahl im vorigen September erklärt und die Wahl gewonnen. Wie löst er jetzt sein Versprechen ein, und wo stößt er mit seinen Ideen in Kernen an Grenzen?

Herr Paulowitsch, fühlen Sie sich angekommen als Bürgermeister?

Auf jeden Fall. Das Rathaus und die gesamte Belegschaft haben mir den Einstieg sehr leicht gemacht. Tatsächlich ist das Verwaltungshandwerk nicht viel anders als das, was ich früher gemacht habe. Was die Rathausarbeit angeht, bin ich sehr schnell angekommen. Gewöhnungs­bedürftig ist es nach wie vor, Person des öffentlichen Lebens zu sein. Das braucht eine gewisse Zeit, bis man damit ganz souverän umgehen kann.

Wie gut kennen Sie den Ort inzwischen?

Sicherlich kann ich nicht sofort sagen, wo welche Straße liegt. Aber ich habe schon sehr viele Menschen kennengelernt, die Gemeinderäte, viele Vereine und Engagierte. Jeder Ortsteil hat seine eigene Identität, seine eigenen Stärken. Ich finde, dass sich die Ortsteile gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit sehr gut ergänzen.

Weil der Mitbewerber Thomas Hornauer die Bürgermeisterwahl angefochten hat, haben Sie Ihre Aufgabe als Amtsverweser begonnen. Mit welchen Folgen?

Die Klage läuft. Das wird sicher einige Monate in Anspruch nehmen, bis wir eine Entscheidung bekommen. Die offizielle Amtseinsetzung wird sich hinauszögern. Aber ich wollte nicht Bürgermeister werden, damit ich eine feierliche Einsetzung bekomme. Das beschäftigt mich im Alltag nicht. Es ist ausschließlich mein Stimmrecht im Gemeinderat, was fehlt. Bislang hatten wir ganz überwiegend Beschlüsse mit großer Mehrheit oder sogar einstimmig, auf meine Stimme kommt es also derzeit nicht an.

Wie viel Zeit verbringen Sie in Kernen?

Ich beginne morgens normalerweise zwischen 8 und 8.30 Uhr, also relativ spät, weil ich fast jeden Abend Termine habe. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich zwischen 21 und 23 Uhr nach Hause komme. Hinzu kommen fast jedes Wochenende ein bis zwei Termine. Grob überschlagen lande ich wohl bei 70 Stunden in der Woche. Damit hatte ich auch gerechnet.

Wie gut läuft die Zusammenarbeit im ­Gemeinderat?

Ich spüre, dass sich der Gemeinderat auf etwas Neues einlässt mit mir. Ich bin ihm sehr dankbar, er hat mich gut aufgenommen. Ich fühle mich in den Sitzungen sehr wohl. Es war ein Wunsch aus dem Gremium, dass die Sitzungen nicht mehr so lange dauern. Wir haben deshalb begonnen, die Ausschüsse zu stärken und dort mehr Themen vorzubesprechen, um die Gemeinderatssitzungen zu entlasten.

Sie waren vor einigen Jahren in Potsdam Projektleiter beim e-Government Competence Center, wo es um modernes Regieren und Verwalten geht. Wie sieht das in Kernen aus?

Da liegt sehr viel Arbeit vor uns. Ein Punkt ist die Digitalisierung der Verwaltung, etwa die digitale Antragstellung für Bürger, Unternehmen und Vereine. Die andere Dimension ist die nach innen. Wie schaffen wir es etwa, die Kolleginnen und Kollegen mit Laptops auszustatten, um auch Homeoffice zu ermöglichen und mobiles Arbeiten zu erleichtern. Wenn man größere Veränderungen bewerkstelligen will, muss man den Prozess, wie wir zu einer modernen Verwaltung kommen, klar durchdenken mit konkreten Zielen und Abläufen. Wir müssen auch in den Modus kommen, interkommunal zusammenzuarbeiten. Es gibt Gemeinden, die sehr erfolgreich sind mit digitalen Angeboten. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden.

Lassen sich denn alle Ideen umsetzen?

Wir betrachten derzeit unsere großen und wichtigen Vorhaben und planen den Prozess, wie wir unsere Ziele erreichen. Wir haben im Rathaus viele tausend Überstunden. Es war mit der Gartenschau ein anstrengendes Jahr 2019 für die komplette Belegschaft. Da ist es auch richtig, dass ich meine eigenen Projektideen nicht mit Gewalt durchdrücke. Wir haben genug Baumaßnahmen für dieses und das nächste Jahr, das wollen wir jetzt erst mal sauber abarbeiten.

Im Wahlkampf haben Sie immer gesagt, zuhören zu wollen. Wie sieht das nun konkret im Alltag aus?

Ich habe in jeder Woche verschiedenste Antrittsbesuche, da praktiziere ich das Zuhören. Und es mündet jetzt schon in eine Vernetzung von Akteuren, damit sie Synergien nutzen und Projekte gemeinsam voranbringen. Man kann mit ordentlicher Moderation viel voranbringen. Siehe Haldenschule: Ich bin nicht einfach mit der Vorlage in den Gemeinderat. Wir haben vorher mit Schulleitung und Elternvertretung unsere Planung besprochen. Wir bekommen damit ein Projekt, in dem auch viele Emotionen mit reinspielen, auf ein pragmatisches Fundament. So gehe ich an Themen heran. Das wird bei der Kreissparkassen-Diskussion in Stetten ähnlich sein. Wir haben im Ältestenrat den Entscheidungsweg besprochen, es wird Gespräche mit den Bewohnern geben, damit sie abgeholt und mitgenommen werden. Auch bei der Gemeindeentwicklungsstrategie, die ein wichtiges Projekt für mich ist, wird der Bürger im Mittelpunkt stehen. Weil er selbst einen Beitrag dazu leisten kann, in welcher Gemeinde er auf lange Sicht leben möchte.

Sie nutzen sehr viel Facebook für die Kommunikation mit den Bürgern. Warum?

Durch das Teilen erreiche ich mit einem interessanten Beitrag zweieinhalb bis zu 3000 Menschen. Ich berichte viel über Veranstaltungen, die ich besuche, das ist auch ein Zeichen der Wertschätzung. Ich möchte das weiterentwickeln und stärker erklären, was im Gemeinderat beschlossen wurde. Bürgerbeteiligung beginnt mit Information und Erklärung. Aber ich betreibe nicht nur Facebook und Instagram, wir wollen auch im Mitteilungsblatt mehr erklären, was wir tun. Ich beantworte zudem viele Bürgerfragen und erkläre auch mal, warum ein Wunsch nicht erfüllbar ist. Die Rückmeldungen auf meine Art der Kommunikation sind sehr positiv.

Per Facebook haben Sie auch Ihren Freund Marian Schreier unterstützt, der OB in Stuttgart werden will. Wollen Sie über den Ort hinaus wahrgenommen werden?

Meine volle Konzentration gilt der Arbeit hier in Kernen. Aber moderne Kommunalpolitik muss auch über den Tellerrand hinausblicken. Ich werde mich schon mal zu Dingen mit übergeordneter Bedeutung äußern.

Zum Beispiel zum Klimawandel, wie beim Neujahrsempfang.

Wir werden im Gemeinderat einen Fraktionsantrag behandeln, darin wird gefordert, dass die Gemeinde ein Klimaschutzkonzept erarbeitet. Den Antrag unterstütze ich ausdrücklich. Wir brauchen einen konkreten Plan, wo wir hinwollen. Wir möchten auch im Mitteilungsblatt den ÖPNV stärker bewerben. Unsere Verkehrsproblematik liegt übrigens nicht daran, dass wir zu wenige Parkplätze, sondern dass wir zu viele Autos haben. Instrumente wie das Regiorad kann man nicht nur monetär betrachten, ob sie sich lohnen. Sie müssen verlässlicher Bestandteil der Mobilität werden, damit Menschen zunehmend auf das Auto verzichten.

Braucht der Ort mehr Industrie für Arbeitsplätze und Gewerbesteuern?

Kernen ist bereits ein starker Industrie- und Wirtschaftsstandort. Unser Wachstumspotenzial, was Flächen angeht, ist aber begrenzt. Da wird in den nächsten Jahren kaum noch etwas dazu kommen können. Kernen hat eine Besonderheit: Wir sind die einwohnerstärkste Gemeinde im Rems-Murr-Kreis und von der Fläche her die kleinste. Wir müssen im Dialog mit den Firmen schauen, wie wir den Wirtschaftsstandort stärken können. So forcieren wir in diesem Jahr den Breitbandausbau sehr stark.

Die Flächenproblematik gilt auch für den privaten Wohnungsbau.

Die Hangweide wird uns erheblich wachsen lassen. Dort werden bis zu 1200 Menschen leben. Auch bei kleineren Flächen kann sich noch was tun. Aber wir haben eine natürliche Obergrenze, was Wachstum angeht. Wir werden auch andere Wege suchen müssen, um Wohnraum zu generieren. Wir haben Leerstände und unbebaute Grundstücke in Privatbesitz. Da müssen wir das Gespräch suchen, wie wir den dringend benötigten Wohnraum schaffen können.

Auch günstigen Wohnraum?

Klar ist: Die Zeit der frei stehenden Einfamilienhäuser ist vorbei. Wegen niedriger Zinsen fließt viel Geld in Immobilien, das ist einer der Auslöser hoher Preise, dazu hohe Grundstückspreise wegen Flächenknappheit, und aufgrund der Auslastung der Branche haben wir hohe Baukosten. Aber wir müssen schauen, welche Möglichkeiten wir bei einem Projekt wie der Hangweide haben, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wir werden über genossenschaftliches Wohnen diskutieren und Fragen des kommunalen Wohnbaus ansprechen müssen. Was dabei herauskommt, können wir nicht prognostizieren. Wir haben in dem Projekt mehrere Partner. Aber die Frage nach dem bezahlbaren Wohnraum, auch für die Mittelschicht, muss bei der Hangweide stärker in den Vordergrund rücken.

Wie sieht es mit Wohnen für Ältere aus, die Pflege benötigen?

Wir fangen an, eine Pflegekonzeption für ganz Kernen zu erarbeiten, mit einer externen Expertin, die den Ort ganzheitlich analysiert. Da erhoffe ich mir strategische Leitplanken, wie wir uns weiterentwickeln. Die Diakonie zeigt große Offenheit, was ein Pflegeheim in Stetten angeht. In Rommelshausen haben wir neben dem Haus Edelberg ein Gelände, das vorgesehen ist für Wohnen im Alter. Beim Haus Edelberg habe ich den Wohnungseigentümern in einem Brief meine Hilfe zugesichert, was mögliche Gespräche mit der Heimaufsicht angeht in Bezug auf Umbaumaßnahmen, habe aber klargemacht, dass die Gemeinde nicht erpressbar ist. Was nicht geht, ist, dass der Betreiber Orpea sagt, wir betreiben ein bestehendes Pflegeheim nur dann weiter, wenn wir von der Gemeinde ein Grundstück für ein zweites Pflegeheim bekommen.

Und überall braucht es eine funktionierende Infrastruktur. Wann wird die Stromversorgung zuverlässiger?

Ich hatte intensive Gespräche mit meinen Bürgermeisterkollegen und der Geschäftsleitung des Remstalwerks und klargemacht, dass wir bei der Versorgungssicherheit und der Krisenkommunikation besser werden müssen. Einiges ist in die Wege geleitet. Es wird etwa eine Stromverstärkung in Rommelshausen geben. Das Remstalwerk ist ein junges Unternehmen, bei dem es auch noch Schwierigkeiten gibt. Aber ich verspreche grundsätzlich nichts, was ich nicht komplett in meiner Hand habe. Deswegen kann ich nicht versprechen, dass der Strom nicht das eine oder andere Mal ausfällt.

Zur Infrastruktur gehört auch Mobilfunk. Viele sehen den Ausbau mit 5G wegen noch mehr Strahlung kritisch.

Die meisten Menschen ärgern sich über mangelnden Mobilfunkempfang. Das bedeutet, dass man Funkmasten braucht. 5G ist aber nicht der Nachfolger von 4G. Es ist ein Quantensprung zu LTE, was die Datenmengen und Übertragungsraten angeht, und zielt in erster Linie auf die industrielle Produktion und Gewerbegebiete ab. Dieser Entwicklung kann man sich nicht verschließen. Es geht auch um die Zukunft des Wirtschaftsstandortes, um unseren Wohlstand. Da habe ich eine klare Haltung: Wir brauchen flächendeckend Mobilfunk.

Fast acht Jahre als Bürgermeister liegen nun vor Ihnen. Was muss am Ende stehen, dass Sie und die Wähler zufrieden sind?

Ein Erfolg ist es, wenn die Menschen, die hier leben, sich wohlfühlen und sagen können, das ist ein Ort, in dem sich was bewegt und der zukunftsfähig ist. Dass sich alle mitgenommen fühlen und selbst Akteure sind, die diesen Ort, ihre Heimat mitgestalten können. Und dass sie ernst genommen werden. Ich glaube, dass die meisten Menschen, die mir bislang begegnet sind, das auch merken, dass sie ernst genommen werden. Am Ende der acht Jahre geht es darum: Schaffen wir es, dass die Bürger bei allen globalen Entwicklungen, die wir haben, ein Vertrauen in Staat und Politik hier vor Ort haben.

Sie hatten mit Ihren 31 Jahren viele berufliche Wechsel. Haben Sie nun Ihr gewünschtes Ziel erreicht?

Ich habe mich bewusst für diese Position entschieden. Von dem her habe ich ein Ziel erreicht. Nun möchte ich das Amt so ausgestalten, wie ich es mir über Jahre vorgestellt habe. Ich freue mich wahnsinnig auf die kommenden acht Jahre und stehe dann für eine Wiederwahl zur Verfügung. Auch privat ist es ein Ankommen. Jeder Wechsel der beruflichen Stationen bisher war zwar erklärbar. Aber privat hat Konstanz gefehlt.

Noch haben Sie Ihr Zuhause in Leutenbach.

Die nächsten Monate gilt es, ins Amt reinkommen und die Terminflut bewältigen. Und privat steht im Juni die Hochzeit an. Die standesamtliche wird hier sein, die kirchliche in Nordrein-Westfalen. Danach wird die Immobiliensuche in Kernen ­sicher intensiviert. Da hat es ein Bürgermeister aber nicht leichter als andere, die hier nach einer Wohnung oder einem Haus suchen.