Hansjörg Kofink ist einer der angesehensten Kämpfer gegen Doping und für Werte im Sport. Im Interview erzählt er von seiner Zeit als Trainer.  

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)

Rottenburg - Sein Haus bei Rottenburg ist die Asservatenkammer des deutschen Sports. Unzählige Dokumente lagern in zahllosen Ordnern - Zeitungsberichte, Briefe, Studien. Es ist ein Archiv des Grauens, das von einem entfesselten Hochleistungssport erzählt. Vor wenigen Tagen wurde der in Stuttgart geborene Antidopingkämpfer Hansjörg Kofink mit einem Festakt zu seinem 75. Geburtstag geehrt.

Herr Kofink, Sie sind der erfolgloseste Kugelstoßtrainer der deutschen Leichtathletik.

Wissen Sie, ich erzähle Ihnen mal eine kleine Anekdote. Mein Nachfolger Christian Gehrmann hat mal bei mir angerufen, es muss wohl so um 1975 gewesen hat, als er gerade mit seinen Athletinnen in Sindelfingen bei Meisterschaften war. Ich habe ihn gefragt: Was willst du denn? Er sagte: "Kannste nicht mal vorbeischauen? Weißt du, wir haben jetzt Kraft genug, wir sollten mal nach der Technik schauen." So war das.

Waren Sie der erfolgloseste, weil vielleicht auch der sauberste Bundestrainer?

Ich bin 1970 überraschend gebeten worden, die Kugelstoßerinnen zu trainieren. Die wollte niemand mehr haben, weil die Disziplin schon damals als dopingverseucht galt. Da dachten sie im Verband, komm, fragen wir den Kofink, der bereitet ja schon seine Frau auf München 1972 vor. Unseren Frauen fehlten damals drei bis vier Meter zur Weltspitze - und es war klar, dass wir das niemals mit normalen Mitteln aufholen konnten. 

"Immerhin für die Olympischen Spiele qualifiziert"

Und wie ging es weiter?

Meine Athletinnen haben sich immerhin für die Olympischen Spiele qualifiziert. Doch sie wurden vom Verband nicht nominiert. Man wollte keine westdeutschen Sportlerinnen auf den hinteren Rängen sehen. Eine solche Blöße wollte man sich im deutsch-deutschen Krieg auf der Aschebahn nicht geben.

Wurde Ihnen gesagt, dass Sie die Sportlerinnen doch bitte dopen sollen?

So deutlich nicht. So wurde das vielleicht zwischen dem Innenministerium, dem Bundesausschuss für Leistungssport und dem Verband angesprochen, aber nicht den Trainern gegenüber. Aber man hat von uns Ergebnisse verlangt, die nur mit Doping möglich sind - und das wusste jeder. Es wurde ja flächendeckend gedopt.

Wann wurde Ihnen das klar?

Bereits 1969 hat Brigitte Berendonk in einem Artikel für die "Zeit" gefragt: "Züchten wir Monstren?" Um diese Zeit hat jeder Spitzenathlet, jeder Spitzenfunktionär um die Zustände im Hochleistungssport gewusst. Betrug war Alltag. Als Anabolika dann verboten wurden, haben deutsche Sportärzte - Keul und Klümper und wie sie alle heißen - weitergefuhrwerkt wie vorher. Joseph Keul hat damals gesagt, er spritze weiter Anabolika, es gäbe ja keine Leberschädigungen. Vor der Leichtathletik-WM 1974 in Rom haben deutsche Ärzte die Athleten vor Dopingkontrollen gewarnt und Tipps gegeben, wann man die Mittel absetzen muss.

Was treibt Kofink an?

Das ist lange her. Was motiviert Sie, weiter gegen Betrug im Sport anzukämpfen?

Warum ich das tue? Weil ich immer hinter den Idealen des Sports stand, hinter seinen Regeln. Und diese werden mit Füßen getreten. "To be a sport" stand einmal für Menschen mit fairer Gesinnung und einwandfreiem Charakter. Damit hat unser Spitzensport seit vielen Jahren nichts mehr zu tun.

Sondern?

Der Hochleistungssport ist ein reiner Geschäftsbetrieb. Das sieht man schon an seiner Organisationsform, das sieht man an dem Menschenhandel mit Trainern oder Spielern, das sieht man an den Summen, die da fließen. Banker Hilmar Kopper hat vor Kurzem im "Spiegel" über das Geschäft gesprochen. Und er hat gewisse Entwicklungen mit dem Spitzensport verglichen.

Der organisierte Sport sieht das anders und preist die Fähigkeiten, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wünscht sich gar die Aufnahme des Sports ins Grundgesetz.

Sport ins Grundgesetz? Das ist nicht nur utopisch, sondern das ist ja fast schon frech, wenn man um die Realität des Hochleistungssports weiß, der ja angeblich das Aushängeschild des gesamten Sports ist. Und ein DOSB-Präsident Thomas Bach weiß das selbst am besten. Bach war 1976 Olympiasieger und danach Athletensprecher. Sportler auf diesem Niveau wussten ganz genau, was wirklich gespielt wurde.

Niemand kann behaupten, er habe nichts gewusst

Dass allerorten betrogen wird?

Wir hatten ja 1977 schon einmal eine heftige öffentliche Dopingdebatte. Damals hat es so mächtig gestunken, dass man das Problem nicht mehr unter den Teppich kehren konnte. Niemand kann deshalb heute behaupten, er habe nichts gewusst - und das gilt für die meisten, die heute Spitzenfunktionäre im deutschen Sport sind.

Gedopt wurde in Ost wie West, das weiß man heute. Gab es einen Unterschied?

Der große Unterschied war, dass es in der DDR den Staatsplan 14.25 gab - die staatliche Anweisung zum systematischen Doping. Trainer dort waren also Befehlsempfänger. Das gab es im Westen nicht. Aber es wurde mit genauso großem Interesse nach Mitteln und Wegen zur Leistungssteigerung gesucht. Man darf ja nicht glauben, dass wir lediglich Gebete gen Himmel geschickt haben. Wenn man an die Luftpumpenaktion 1976 denkt, als man Schwimmern Luft in den Darm blies, erkennt man die Mentalität. Es galt, alles auszureizen, was möglich ist oder möglich sein könnte. Mit den richtigen Worten und den richtigen Anreizen wurde an den Ehrgeiz entsprechender Ärzte appelliert, siehe Joseph Keul und die Sportmedizin der Uni Freiburg. Freiburg war eine der westdeutschen Antworten auf Staatsplan 14.25.

Mit Wissen der Politik?

Mit Wissen, mit Duldung. Ich war jüngst in Freiburg auf einer Tagung. Dort hat Gerhard Treutlein ...... der Antidopingkämpfer, der in der Kommission sitzt, die die Vorgänge in Freiburg untersucht ...... drei Rechnungen an das von der öffentlichen Hand finanzierte Bundesleistungszentrum Herzogenhorn präsentiert. Es war ein Betrag von 10.000 Mark oder so, und für das Geld wurden Wachstumshormone gekauft. Der Steuerzahler hat für Wachstumshormone bezahlt! Aber das interessierte damals wie auch heute keinen. Es ist ja für den guten Zweck, für Medaillen, für den Beweis der Überlegenheit des Staates. Auch wenn sportliche Höchstleistungen noch nie einen Staat besser gemacht haben, weder Nazideutschland noch die kommunistische DDR oder die BRD.

Fehlgeleitete Einzeltäter

Gundolf Fleischer, CDU-Politiker und eng verbunden mit der Sportmedizin Freiburg, wurde in der "Badischen Zeitung" zitiert, dass es sich bei dem Dopingskandal um fehlgeleitete Einzeltäter gehandelt habe.

Da kann ich nur den Kopf schütteln. So hat man schon vor 40 Jahren argumentiert. Das ist die Reaktion des Systems, dieses Gerede von den schwarzen Schafen. Eine bewusste Verschleierung der Tatsachen. Wenn jemand wie Herr Fleischer mit all seinem Wissen so etwas sagt, dann grenzt das an Volksverdummung.

Wofür steht Freiburg in Ihren Augen?

Freiburg ist Nährboden des deutschen Dopings, bis heute. Von dort hat sich Wissen und eine Mentalität verbreitet, die Sport und Sportmedizin prägen. Aber es war nicht das einzige Zentrum, es gab zum Beispiel noch Köln, das geht etwas unter.

Ein Forschungsprojekt untersucht gerade die westdeutsche Dopingvergangenheit. Erhoffen Sie sich neue Aufschlüsse?

Das ist in meinen Augen rausgeschmissenes Geld. Das können sie längst in Büchern nachlesen, die in den 90er Jahren von Berendonk, Treutlein und anderen geschrieben worden sind. Der ganze Betrug ist bekannt. Wer das wirklich wissen will, kann das auch alles hier nachlesen, einer der umfassendsten Übersichten über das Dopinggeschehen.

Kein Wille, daraus zu lernen

Hat der Sport heute nichts gelernt?

Zum Lernen gehört der Wille, lernen zu wollen. Und den sehe ich nicht. Bei der Wiedervereinigung hat man eine große Chance vertan. Man hätte die größte Schweinerei des Sports gewaltig verändern können. Stattdessen hat man 300 Trainer aus der DDR übernommen, schwarze Listen verschwanden auf Druck von oben, und so hat man nicht nur hochqualifizierte Trainer eingestellt, sondern auch deren Gedankengut. Das wirkt bis heute - wie man an der aktuellen Affäre in Erfurt sehen kann. Schon Mitte Januar ging durch die Medien, dass der beschuldigte Arzt sich zuvor eine Praxis mit einem Kollegen geteilt hat, der 2000 wegen des Dopings von Minderjährigen verurteilt worden ist.

Hat sich nichts verändert?

Aber ja doch. Der Hochleistungssport nützt seine Möglichkeiten noch besser. Es wird viel besser betrogen als früher. Ethisch und moralisch ist der Zustand vielleicht sogar noch schlechter als damals im Kalten Krieg. Der Sport folgt heute nicht mehr der Sportethik, sondern einer Art von Berufsethik - und die hat eigene Regeln. Gewinnen um jeden Preis. Besser sein, egal wie. Es ist wieder wie bei den alten Griechen. Die Olympischen Spiele sind inhaltlich verrottet. Für mich ist der olympische Sport schon lange tot, mausetot. Von den Werten, vom Olympismus ist nichts mehr übrig. Er ist nur ein Feigenblatt, das vorgeschoben wird. Es geht um den Sieg, um Geld, sonst nichts.

Und doch sind Millionen Fans fasziniert.

Ich ja auch. Für einen Moment. Sport ist eine große Show, der Zuschauer wird prächtig unterhalten. Mich fasziniert es auch, einen Usain Bolt laufen zu sehen. Für die Dauer des Laufes. Oder die Bundesliga. Ich kann mich dem auch nicht entziehen, wenn ich einen Marco Reus sehe oder das Spiel des FC Barcelona. Aber es wäre sehr viel angenehmer, wenn ich glauben könnte, dass all das ohne chemische Treibmittel oder Methoden vonstattengeht.

Sie halten Fußball für dopingverseucht?

Mannschaftssportarten haben das gleiche Problem. Im Fußball zum Beispiel wird immer von koordinativen Fähigkeiten gesprochen, aber Koordination basiert auf Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit. Wenn man bedenkt, welche Strecken ein Spieler inzwischen auf dem Feld zurücklegt ... Und die Handball-Bundesliga wird von Insidern selbst als Voltaren-Liga bezeichnet.

"Wer die Wahrheit sagt, ist ein Feind"

Und dennoch bei aller Kritik am Sport: für Kinder sind vor allem Athleten Vorbilder.

Es gibt immer wieder Persönlichkeiten, die integer wirken. Wenn ich an einen Timo Boll oder an eine so positive Erscheinung wie Magdalena Neuner denke. Das Problem ist, dass das Feld, in dem sie sich bewegen, einen miserablen Ruf hat.

Der Ruf ist so schlecht, wird gerne behauptet, weil Leute wie Sie oder Werner Franke Schlagzeilen machen mit Behauptungen, die nicht zu beweisen sind.

Es gibt mehr als genug Beweise, doch es ist eine uralte Geschichte, dass der Überbringer der Nachricht attackiert wird. Wer die Wahrheit sagt, ist ein Feind - das ist das Denken im organisierten Spitzensport. Die Funktionäre kapieren nicht, dass Leute wie Franke oder Treutlein die wahren Freunde des Sports sind, vielleicht sogar seine besten Freunde.

Sport ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Der Sport ist angetreten als etwas Besonderes. Er beansprucht einen besonderen Raum im Leben, in dem er sich ja auch sehr viel freier bewegen kann, das wird gerne vergessen. Siehe das Sportrecht, die Autonomie des Sports und so weiter. Denken Sie nun an die unzähligen Dopingfälle - bei einem wohl gemerkt bescheidenen Antidopingkampf. Oder die Korruption in den Verbänden. Ein Spiegelbild der Gesellschaft? Wenn es im Straßenverkehr ähnlich zugehen würde wie im Hochleitungssport, wenn sich Autofahrer also flächendeckend nicht an Regeln halten würden, hätten wir bald keinen Verkehr mehr - weil sich alle über den Haufen fahren würden. 

Kämpfer für Recht und Moral

Vita: Hansjörg Kofink war von 1970 bis 1972 Kugelstoß-Bundestrainer der Frauen, von 1989 bis 1999 fungierte er als Präsident des Deutschen Sportlehrerverbandes. 2009 erhielt er für sein Auftreten gegen Doping die Heidi-Krieger-Medaille. „Wenn man einen Preis für etwas bekommt, was selbstverständlich ist, ist irgendetwas nicht in Ordnung.“

Gesetz: Der 75-Jährige fordert den Straftatbestand Doping – Funktionäre warnen davor, Athleten zu kriminalisieren. „Sport ist ein Gewerbe – und Betrug im Sport ist damit kriminell.“