Interview mit Autor Harry Luck „Unspießig sein ist ein Privileg der Jugend“

Von ahi 
Der Begriff „spießig“ wird ja nicht erst seit der berühmten Bausparkassen-Werbung positiver besetzt. Woher kommt dieser Paradigmenwechsel?
Die LBS-Bausparkasse hat das sehr schlau gemacht und das Negativ-Image des Spießers umgekehrt. Mit ihren Werbespots hat sie einen Nerv berührt. Nach einer neuen Studie setzt die sogenannte mittlere Generation der 30- bis 59-Jährigen wieder verstärkt auf Sicherheit.
Sie meinen die Bionade-Biedermeier vom Prenzlauer Berg, die fürs eigene Penthouse sparen?
Ja, ich habe da vor Ewigkeiten auch mal gewohnt. Die Coolen haben aber längst Reißaus vom „Pregnancy Hill“ genommen, weil es ihnen zu spießig wurde. Wo einst ein Pornoladen war, ist jetzt eine Hebammenpraxis. Und Apfelschorletrinker genießen Milieuschutz.
Ist Spießertum eine Frage des Alters?
Unspießig sein ist ein Privileg der Jugend. Als Jugendlicher findet man alles furchtbar uncool, was die Eltern machen: die Schrankwand, den Opel, oder ihre Heino-Platten. Irgendwann stellt man fest, dass man selbst älter ist als die Eltern damals waren, als man sie spießig fand. Mit vierzig geht das los. Und irgendwann bieten einem die coolen Hipster ihren Sitzplatz im Bus an.
Aber wenn man sich Fans von Heino anschaut, dann denkt man, die kamen schon mit Cordhose zur Welt?
Heino war immer die Witzfigur der Nation. Jetzt hat er eine zweifellos coole CD mit Pop- und Rocksongs rausgebracht, tritt auf Heavy-Metal-Festivals auf, und alle liegen ihm zu Füßen. Man muss sich nicht mehr schämen, Heino zu hören. Er ist auf dem besten Weg, Mainstream zu werden!
Die Toten Hosen sehen das anders. Fallen Ihnen überzeugendere Beispiele ein?
Ja, Chris de Burgh. Er ist das fleischgewordene Kurzarmhemd und hat die Statur eines Gartenzwergs. In ihm vereinigt sich alles, was ich im Spießer-Buch beschreibe. Und ich bekenne mich auch dazu, kurz vor meinem 40. Geburtstag ein Chris-de-Burgh-Konzert besucht zu haben. Früher hätte ich irgendwelche Ausflüchte gefunden wie „Ich musste da beruflich hin“ oder so. Chris de Burgh könnte die Ikone des Spießertums sein.
Woran haben Sie denn zum ersten Mal gemerkt: Hilfe, ich werde spießig?
Als wir nach einem Umzug kein Kabelfernsehen mehr hatten, konnten wir nur die öffentlich-rechtlichen Sender sehen: ARD, ZDF, Arte. Nach kurzer Zeit stellte ich fest: Ich vermisse nichts. Jetzt haben wir wieder Kabel, schauen aber kaum Privatsender.
Und Ihre Kinder haben das einfach so geschluckt: kein Super RTL, kein Nickelodeon?
Es gibt ja Kika. Der ist auch öffentlich-rechtlich. Und werbefrei. Kennen Sie das Kikaninchen? Furchtbar spießig . . .
. . . aber nicht ganz so spießig wie der Wackeldackel. Warum taucht der eigentlich nicht in Ihrer Enzyklopädie auf?
Auch ich habe eine Grenze des guten Geschmacks (lacht). Aber der Verlag hat ihn immerhin auf den Buchrücken gedruckt.

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