Mr. Luhrmann, wer Ihre Kinofilme kennt, weiß um Ihre Liebe zur Musik. Aber die Anfänge des Hip Hop in der Bronx der späten Siebziger, die Sie nun in „The Get Down“ zeigen, hätte man dann doch nicht unbedingt mit Ihnen assoziiert.
Ich weiß schon, was Sie meinen. Warum erzählt ausgerechnet ein alter, weißer Typ aus Australien diese Geschichte! Aber Menschen, die dafür kämpfen, ihre Kreativität zum Ausdruck bringen zu dürfen, waren schon immer etwas, das mich in meiner Arbeit interessiert hat. Abgesehen davon war New York für mich, als ich jung war, die Stadt meiner Träume und Sehnsüchte. Geradezu das gelobte Land.
Aber Sie selbst wussten als Jugendlicher, also in den siebziger Jahren, ja noch nichts von dieser ganz besonderen Welt aus Beatboxing, Breakdance und Graffiti, die damals entstand, oder etwa doch?
Nein, das kam tatsächlich erst später. Überhaupt wissen ja die meisten Menschen gar nicht viel über diese Zeit, die wir in „The Get Down“ zeigen. Für die ist Hip Hop ein Phänomen der achtziger Jahre. Doch das, was in den Achtzigern populär wurde, war sozusagen der fertige Kuchen. Noch viel spannender ist aber eigentlich das Rezept dahinter – und genau davon handelt die Serie: Wie konnte in einer Stadt, die damals eigentlich vollkommen am Ende war, und in der kaum jemandem sonderlich viele Mittel zur Verfügung standen, eine derartige kulturelle Explosion entstehen, deren Nachbeben ja noch heute spürbar sind?
Wann fingen Sie an, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Im Grunde genommen vor ungefähr zehn Jahren. Und meine Arbeit mit Jay-Z damals bei „Der große Gatsby“ hat mein Interesse an Hip Hop natürlich noch gesteigert. Aber für „The Get Down“ waren die Inspirationen natürlich noch mal andere. Mit der Arbeit des Fotografen Jamel Shabazz zum Beispiel habe ich mich viel auseinandergesetzt. Und mit dem Dokumentarfilm „Style Wars“ von 1983. Darin fand ich eine Schlüsselszene für die Geschichte in unserer Serie. Die Mutter eines jungen Sprayers wundert sich, warum ihr Sohn das tut, zumal seine Kunstwerke womöglich nach drei Tagen längst wieder abgewaschen sind und von niemandem mehr gesehen werden. Doch er entgegnet ihr, dass es ihm gar nicht darum gehe, dass sein Name auf irgendeinem U-Bahn-Wagon von anderen gesehen wird. Aber wenn er selbst ihn dort sehe, dann fühle er sich, als sei er kein Niemand mehr.
Wie wichtig war denn die historische Korrektheit bei „The Get Down“?
Sie war wichtig und gleichzeitig auch wieder nicht. Unsere Recherchen waren schier endlos, außerdem gehörte der Autor und Zeitzeuge Nelson George zu unserem Team. Auch Grandmaster Flash und viele der so genannten Gründungsväter des Hip Hop waren eng in die Produktion eingebunden. Diesen Männern wollten wir natürlich gerecht werden. Und zahllose reale Anekdoten und Begegnungen haben eins zu eins Eingang in die Serie gefunden. Von daher basiert im Grunde alles auf Fakten. Doch letztlich dienten alle Recherchen dazu, eine fiktionale Serie zu drehen. Von daher würde ich vielleicht nicht behaupten, dass alles was wir erzählen die Wahrheit sei. Aber alles ist mit Wahrhaftigkeit durchtränkt.
Das gilt sicherlich auch für Aspekte wie die Kostüme, die Raps oder die Choreografien, die ja allesamt in „The Get Down“ eine große Rolle spielen?
Selbstverständlich, die visuelle Seite ist ja in all meinen Arbeiten immer eine ganz entscheidende, genauso wichtig wie das Drehbuch. Entsprechend arbeiten wir immer an beidem schon parallel, wobei es natürlich hilft, dass meine Kostüm- und Produktionsdesignerin Catherine Martin gleichzeitig meine Ehefrau ist. Auch da galt natürlich, dass Authentizität groß geschrieben wird, aber auch Raum für künstlerische Freiheit ist. Und für die Choreografien haben wir uns mit grandiosen Experten wie Crazy Legs zusammengetan, der schon damals in den Anfangstagen in der Bronx beim Breakdance ganz vorne mit dabei war. Für andere Szenen hatten wir das Duo Rich and Tone, die viel für Michael Jackson und Madonna choreografiert haben, in den unterschiedlichsten Stilrichtungen.
Es war bereits zu lesen, dass „The Get Down“ eine der teuersten Serien aller Zeiten ist.
Darüber müssen Sie mit den Leuten von
Netflix direkt sprechen. Aber dass es hier um eine unglaubliche aufwendige Produktion geht, die so ziemlich alles in den Schatten stellt, was ich je fürs Kino inszeniert habe, kann ich durchaus bestätigen. Nehmen wir nur die Proben als Beispiel. Die Zeit, die wir alleine zum einstudieren der unterschiedlichsten Choreografien brauchten, leistet sich normalerweise kein Film und schon gar keine Serie. Für uns kam allerdings nichts anderes Frage.
Da ist es erstaunlich, dass Sie bei der Besetzung komplett auf Stars verzichtet haben. Will Smiths Sohn Jaden ist der bekannteste Name im Ensemble – und der spielt nur eine Nebenrolle. Warum eigentlich?
Was das angeht, war mir abermals die Wahrhaftigkeit wichtig. Ich wollte unbedingt mit einem richtig jungen Ensemble drehen, denn diese Kids damals waren ja größtenteils wirklich noch Schüler. Grandmaster Flash war 1977 17 Jahre alt. Deswegen war Hip Hop ja auch so lange eine in sich geschlossene Welt im Verborgenen. Das war wie eine Geheimsprache unter den jungen Kids, die niemand verstand, der Mitte zwanzig oder älter war.
Tatsächlich?
Ja, die Erwachsenen hatten lange Zeit überhaupt keine Ahnung was da vor sich geht. Sie nahmen das entweder gar nicht wahr oder zumindest nicht ernst. Die meisten hielten das für einen Witz, eine flüchtige Mode unter Teenagern. Noch Anfang der Achtziger Jahre konnte man Artikel lesen, die Hip Hop mit dem Doo-Wop verglichen. Das hält keine zehn Jahre und wird danach schnell wieder vergessen sein. Dass Hip Hop fast vierzig Jahre später noch immer die musikalisch wichtigste Stilrichtung auf der ganzen Welt ist, war damals unvorstellbar.