InterviewInterview mit Benedikt Kristjánsson „Mehr hören und mehr wissen“

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Die Internationale Bachakademie setzt unter Hans-Christoph Rademanns Leitung ihre Gesprächskonzert-Reihe im Wizemann fort. Als Solist mit dabei: der isländische Tenor Benedikt Kristjánsson (33).

Benedikt Kristjánsson Foto: Antje Taiga Jandrig
Benedikt Kristjánsson Foto: Antje Taiga Jandrig

Stuttgart -

Herr Kristjánsson, warum sind Sie Sänger geworden?

Für den Sängerberuf entschieden habe ich mich, nachdem mir mein Vater zu meinem 16. Geburtstag eine CD mit Schubert-Liedern geschenkt hatte, gesungen von Fritz Wunderlich. Von da an war alles klar.

Die Aufnahme von Bachs „Johannespassion“ mit Ihnen als dem einzigem Sänger ist gerade mit einem „Opus Klassik“ ausgezeichnet worden. Braucht es heute neue Konzertformen, um alte Musik verständlich zu machen?

Eigentlich möchte ich Nein sagen, weil ich finde, dass Bachs Musik für sich allein schon grandios ist. Aber wir leben heute in einer Zeit der Ungeduld. Die Menschen werden permanent mit Unterhaltungsinhalten gefüttert, und selten bleiben sie länger als zwei Minuten dabei. Eine ganze Passion dauert aber um die zweieinhalb Stunden, sie erfordert viel Aufmerksamkeit, und man muss sie nicht nur hören, sondern auch verstehen wollen. Die „Johannespassion“ bekommt man nicht mit einem Plastiklöffel in den Mund gefüttert.

Sie treten in Stuttgart in der Konzertreihe „Hin und weg“ auf, einem Gesprächskonzert. Braucht Bach heute Vermittlung?

Ja, denn es geht um komplizierte Musik, und es hilft sehr, wenn jemand das Stück erklärt, der es so gut kennt wie Hans-Christoph Rademann. Es geht darum, bei der Musik etwas zu empfinden, und das kann man leichter, wenn einem jemand hilft, mehr zu hören und zu wissen. Auch darüber, was Bach damals gerade gemacht und gedacht hat. Das gilt für uns Musiker ebenso: Wenn ich etwa weiß, dass Bach eine Kantate schrieb, als seine Tochter gerade gestorben und der einjährige Todestag seines ersten Sohnes vorüber war, dann singe ich meine Arie anders.

Ihr Repertoire hat einen starken geistlichen Schwerpunkt. Warum?

Mein Vater war lutherischer Bischof in Island, ich bin gläubig aufgewachsen und habe früh bemerkt, dass meine Stimme gut zu Bachs Musik passt. Außerdem war für mich das Wort immer sehr wichtig. Ich habe nichts gegen die italienische Oper, aber oft geht es da mehr um Töne als um die Worte. Ich wollte immer Texte singen, die etwas sagen, und Textverständnis hat nicht nur mit guter Aussprache, sondern vor allem mit Verstehen zu tun.

Singen Sie auch Oper?

Die langen Probenzeiträume in der Oper passen oft nicht zu meinen vielen Konzertterminen. Aber gerade habe ich den Ferrando in „Cosí fan tutte“ gesungen, und mich reizt das französische Barockfach. In Rameaus „Les Boréades“ den Haute-Contre zu singen, macht großen Spaß – und die Musik ist phänomenal.

Info: Spätestens mit seiner Debüt-CD, auf der er isländische Volkslieder mit Liedern von Schubert kombinierte, hat Benedikt Kristjánsson Aufsehen erregt. Mit seiner vibratoarmen, lyrischen, „weißen“ Stimme gilt er als Spezialist für geistliches Repertoire.




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