Interview mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer Humboldtforum braucht einen Neuanfang

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Im Streit um Deutschlands wichtigstes Kulturprojekt wirft Berlins Kultursenator den Verantwortlichen Realitätsverweigerung vor. Klaus Lederer über einen nötigen Neustart, über Chris Dercons erste Spielzeit an der Volksbühne und einen Raum für die Popkultur in Berlin.

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer will die Autonomie der Kunst schützen. Foto: dpa
Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer will die Autonomie der Kunst schützen. Foto: dpa

Berlin - Nach zehn Jahren hat Berlin wieder einen eigenen Kultursenator. Noch bevor Klaus Lederer sein Amt offiziell angetreten hatte, stellte er Chris Dercons Berufung an die Volksbühne infrage. Auch wenn die Skepsis bleibt, herrscht mittlerweile immerhin Einigkeit darüber, dass der Fünfjahres-Vertrag mit dem Theatermann nicht in Frage steht. Doch die Zukunft einer anderen kulturellen Großbaustelle ist für den Linken-Politiker noch reichlich ungeklärt.

Herr Lederer, Sie leben seit 1988 in Berlin. Seit einem halben Jahr sind Sie Kultursenator. Nennen Sie uns drei Orte, die Sie bisher nicht kannten und im letzten halben Jahr kennengelernt haben?
Zum Beispiel kannte ich das Kunsthaus Dahlem nicht. Das ist eine kleine Einrichtung, die sich mit der Nachkriegsmoderne beschäftigt und die mit knappen Ressourcen eine tolle Arbeit macht. Oder, im Frühsommer war ich nahe des Flughafens Tegel beim ersten inklusiven Technofestival, das war wunderschön zu erleben. Und dann gibt es Orte, die ich zwar kenne, aber aus einer ganz anderen Perspektive kennenlerne – nämlich hinter der Bühne. Als ich Polina Semjonova den Titel der Kammertänzerin verliehen habe, stand ich zum ersten Mal hinter der Bühne des Schillertheaters. Das sind schon besondere Momente.
Als Sie ins Amt kamen, schlug Ihnen ein eigenartiger Zweifel entgegen. Die Opposition bescheinigte Ihnen, Sie hätten von Kultur keine Ahnung. Hat Sie das getroffen?
Nein, ich mach mir daraus nichts. Der witzigste Einwand war, man hätte mich nie im Theater gesehen. Als Landeschef der Linkspartei konnte ich einerseits wirklich nicht zwei oder dreimal die Woche ins Theater gehen, obwohl ich es gern getan hätte. Andererseits ist es doch logisch, dass es kein Mensch wahrgenommen hat, wenn ich dann im Theater war. Was wichtiger ist – die Aussage verrät etwas über das Amtsverständnis der Kritiker: wir sind doch hier keine Kunstbehörde. Es ist nicht meine Aufgabe mehr von Kunst zu verstehen als die Künstler selber. Mein Job ist es die Autonomie der Kunst gegenüber dem politischen Feld und auch gegenüber den ökonomischen Verwertungsprozessen zu sichern. Dazu muss man kein besserer Künstler sein als diejenigen, für die man Arbeits- und Freiräume schafft.
Von heute aus gesehen: war es ein Fehler, den Volksbühnenchef Chris Dercon als Repräsentant eines neoliberalen Kunstbetriebs zu beschreiben, bevor er überhaupt hier ankommen konnte?
Es handelte sich damals um eine Debatte zur Zukunft des Stadttheatermodells, wie wir es kennen. Und die Frage lautet: was macht die Konzeption von Chris Dercon mit dem sozialen System, dem Theaterorganismus, und knüpft das an die Tradition der Volksbühne und die Arbeitsweise eines Stadttheaters an. Deshalb habe ich damals gesagt, ich halte die Entscheidung für falsch.
Bald startet Dercons erste Spielzeit. Hatten Sie beide inzwischen mal ein Zwiegespräch?
Ja, wir hatten Anfang des Jahres zwei Gespräche. Wir sind uns einig darüber, dass wir uns nicht einig sind über das, was die Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater in ihrer spezifischen Theatertradition ausmacht. Auf der anderen Seite sind wir uns einig, dass ein Vertrag für fünf Jahre geschlossen wurde und dieser nicht in Frage steht.
Wo sehen Sie ihre Aufgabe und Ihre Grenzen dabei, Einfluss zu nehmen auf die Art und Weise, wie er seine Arbeit versteht?
Meine Aufgabe ist es nicht, Künstlerinnen und Künstlern vorzuschreiben, wie sie Kunst machen. Es gibt eine rote Linie zur Einflussnahme auf den Kunstproduktionsprozess, die ich nicht überschreiten darf und will und auf die ich sehr stark achte. Aber natürlich ist die Volksbühne eine öffentliche Infrastruktur. Wir haben die Rechts- und Fachaufsicht und sind dem Parlament als Verwalterin öffentlicher Mittel auch rechenschaftspflichtig. Und wenn im Haushaltsplan steht, die Volksbühne sei als ein Repertoire- und Ensembletheater zu führen, dann erwarte ich, dass die Intendanz dies leistet.
Zwischen Politik und Kultur gibt es ein natürliches Spannungsfeld. Wie definieren Sie ihre politischen Schwerpunkte?
Ein Schwerpunkt ist, die künstlerische Autonomie zu beschützen. Kunst findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist Arbeit. Ich brauche Atelierräume, und die werden in der boomenden Stadt knapper. Für mich ist es eine Horrorvorstellung, dass Berlin in 20 Jahren eine Stadt sein könnte, in der Kunst keine Räume mehr findet. Wir wollen bis zum Ende der Legislaturperiode 2000 Arbeitsräume bereitstellen – auch in der Innenstadt, wo der Verdrängungsdruck am größten ist.
Berlin wäre die erste Hauptstadt, die das schaffen würde.
Irgendwann muss man ja mal anfangen, die Lehren zu ziehen, die in London oder Paris nicht gezogen wurden. Für Berlin wird die lange Zeit der Teilung in diesem Punkt zu einem Vorteil, weil bestimmte ökonomisch getriebene Metropolenentwicklungen sehr spät begonnen haben und wir jetzt eine Chance haben, ihnen entgegenzuwirken.
Kunst, auch und gerade Popkultur, braucht neben Flächen auch eine Art Fluidum – einen Freiraum, das Offene. Wie schafft man es, diesen Raum, dieses unordentliche Berlin zu bewahren?
Die Zahl neu zu entdeckender Räume in einer Stadt wie Berlin ist sehr begrenzt. Bei aller Notwendigkeit, in Berlin Wohnraum zu schaffen und die soziale Infrastruktur, wie Schulen und Kitas – brauchen wir auch die kulturelle Infastruktur. Diese muss mitgedacht werden. Was die Clubkultur angeht, engagiere ich mich hier seit Jahren – und ich sage jedem, der das für reinen Kommerz hält, dass das Unsinn ist. Viele Clubs der Stadt sind Räume der Freiheit. Hier treffen Menschen aufeinander, die einen extrem progressiven menschlichen Umgang pflegen. Auch die Clubs gehören zu den künstlerischen Orten der Stadt, die man erhalten muss.
Kultur ist für sie auch Sozialpolitik – was meinen Sie damit?
Es geht um Zugänge. Die Stadt wird immer bunter und vielfältiger, es ist wichtig, dass sich dies auch in der Kulturlandschaft wiederfindet. Wir wissen zum Beispiel, dass nur eine Minderheit regelmäßig in Theater, Opern oder Museen geht. Es geht auch um soziale Hürden. Staatstheater sind einstmals als feudale Staatssymbole entstanden oder später dann weil das Bürgertum sich vom Proletariat, dem Pöbel, unterscheiden wollte. Das ist heute anders. Ich will dazu beitragen, dass die Theater sich auch Teilen der Stadtgesellschaft zuwenden, die bisher nicht den Weg durch die Tür finden. Das geht auch über kulturelle Bildung an Schulen, das baut Hürden ab.
Wo wir gerade von feudalistischem Erbe reden – in der Mitte der Stadt nimmt gerade das rekonstruierte Stadtschloss Gestalt an. Sie sind kein Freund der Rekonstruktion. Zuletzt haben Sie sich vehement dagegen ausgesprochen, die Kuppel mit dem Kreuz zu versehen. Sind Sie sauer?
Ich bleibe dabei, dass das Kreuz auf einem Profanbau nichts zu suchen hat, auch wenn es mal eines auf dem Schloss gab. Früher saß da mal ein Kaiser drin, der ist da jetzt auch nicht mehr. Und die Diskussion darum war wichtig, wichtiger ist die Frage, wie man das Schlossareal nun so entwickelt, dass nicht Stück für Stück die alte wilhelminische Hauptstadt entsteht, sondern eine lebendige Mitte der Stadt, in der man in 20 oder 30 Jahren mehr als pure Rekonstruktion erleben kann. Da sind noch viele Debatten nicht geführt worden.
Wie sehen die aus?
Wir müssen uns grundsätzlich fragen, wie Lebensqualität in 30 Jahren definiert wird zum Beispiel. Ob es dann noch wichtig ist, dass Adern für den motorisierten Individualverkehr die Stadt durchziehen. Unbeantwortet ist auch die Frage, was aus dem Areal zwischen Alexanderplatz und Humboldtforum wird.
Das heutige Marx-Engels-Forum, auf dem früher die mittelalterliche Stadt stand, ist zurzeit kaum gestaltet, in einem Bürgerbeteiligungsverfahren wurden Berliner gefragt, was sie sich wünschen – Antwort: Die Menschen wollen, dass der Ort grün bleibt und nicht kommerziell ist. Was stellen Sie sich vor?
Ich finde das auch schön und grün ist gut. Die Frage ist aber darüber hinaus, welche Funktion dieser Ort bekommt. Der inzwischen verworfene Gedanke, die Zentral- und Landesbibliothek im Stadtschloss unterzubringen, hatte einen Sinn. Die Frage, wo ein moderner Ort der Wissensvermittlung und Mediennutzung in der Stadtmitte sein könnte, ist unbeantwortet. Ich würde es gut finden, wenn wir mit den Bürgern die Debatte führen würden, ob hier ein solcher Ort sein könnte und wie er architektonisch aussehen könnte, auch wenn mir wichtig ist, dass Grünoase und Sichtachse zwischen Humboldtforum und Alexanderplatz erhalten bleiben muss.
Zurück zum Humboldtforum. Reden wir über die schlechten Nachrichten: Die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy hat gerade den Expertenbeirat verlassen. Ihre Vorwürfe sind heftig: sie sagte, das Humboldtforum liege wie Tschernobyl unter reiner Bleidecke. Was denken Sie über die Situation?
Das ist nicht meine Wortwahl. Aber die zentrale Frage ist in der Tat offen: was wird in diesem Humboldtforum denn stattfinden? Da steht erst mal die Kopie eines vordemokratischen Gebäudes. Nun soll es als Museum für außereuropäische Kulturen erschlossen werden, explizit als ein Ort, auf den der Rest der Welt schauen soll. Dann muss ich mich doch der Tatsache stellen, dass der Rest der Welt das auch tut und sich ganz eigene Gedanken macht. Ich kann schon verstehen, das die ein oder anderen, die in den vergangenen 300 Jahren die Segnungen der deutschen Herrenrassentümelei erlebt haben, derzeit nicht in Begeisterung ausbrechen. Man kann sich nicht hinstellen und sagen, es waren ja nur ein paar Jahre, in denen Deutschland Kolonien besessen hat. Wenn wir wollen, dass es kein Völkerkundemuseum alter Schule wird, dann brauchen wir Formen, die den in der Schlosskopie als Hülle angelegten Widerspruch nicht zum Desaster gereichen lassen, sondern produktiv machen.
Wie soll das gehen?
Die Verantwortlichen müssen endlich aufhören, sich die Verhältnisse schön- und das Problem wegzureden und zu hoffen, dass es dann keiner mehr sieht. Wir brauchen einen diskursiven Neuanfang. Leute wie Benedicte Savoy betreiben ja keine Nestbeschmutzung. Sie gehört zu den Experten, die man unbedingt braucht, aber offensichtlich wurde sie aus dem Prozess heraus getrieben.




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