Interview mit Big-Wave-Surfstar Sebastian Steudtner „Ich war immer schon ein Revoluzzer“

Die Riesenwelle namens Jaws vor Hawaii war die erste, die Sebastian Steudtner je gesurft hat. Foto: red
Die Riesenwelle namens Jaws vor Hawaii war die erste, die Sebastian Steudtner je gesurft hat. Foto: red

Der Big-Wave-Surfstar Sebastian Steudtner (31) spricht im Interview über Riesenwellen, Haie, Ängste, Überlebensstrategien – und seinen Mut, schon als Teenager mit Konventionen zu brechen.

Sport: Gerhard Pfisterer (ggp)
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Stuttgart - Sebastian Steudtner ist braun gebrannt, so wie man sich einen Surfer vorstellt. Doch was er macht, geht weit über das klassische Wellenreiten hinaus. Der gebürtige Esslinger ist einer der besten Big-Wave-Surfer des Planeten. Er reist viel, Stürmen und damit Wellen hinterher, lässt sich mit einem Jetski hineinziehen und bezwingt dann mit dem Board unter den Füßen die Monster der Meere. Performen nennt er das. Es ist jedes Mal aufs Neue eine Grenzerfahrung, wobei ihm Angst fremd ist. „Autofahren ist gefährlicher“, sagt der 31-Jährige, der bei den Big Wave Awards an diesem Samstag im kalifornischen Huntington Beach zum dritten Mal nach 2010 und 2015 in der Kategorie „Biggest Wave“ (größte Welle) ausgezeichnet werden könnte.

Herr Steudtner, was ist gefährlicher: ein Hai oder eine 20-Meter-Welle?
Gefährlich ist beides, auf unterschiedliche Art und Weise. Es gibt für beides keine Statistiken, vielleicht eher noch für Haiangriffe. Wenn man sieht, wie viele Menschen im Wasser sind im Vergleich zu dem, wie viele Leute 20-Meter-Wellen surfen, kann man es nicht wirklich vergleichen. Die Gefahr ist eine andere.
Mit 20-Meter-Wellen haben Sie es regelmäßig zu tun, wie oft sind Sie schon einem Hai im Wasser begegnet, oder ist das mehr ein Klischee?
Ich bin schon öfters Haien im Meer begegnet, zum letzten Mal in Westaustralien einem Weißen Hai, auf Hawaii sehr vielen Tigerhaien beim Speerfischen und Tauchen. Es gehört so ein bisschen dazu. Ich bewege mich im Meer, ich weiß, dass da Haie sind, aber das hat für mich keine Relevanz im Sinne von Angst. Das wäre so, wie wenn man auf der Autobahn vor einem bestimmten Autotyp Angst hat, weil es eine Statistik gibt, dass so und so viele Menschen pro Jahr in diesem Autotyp sterben.
Empfinden Sie es nicht als ständigen Flirt mit der Gefahr, was Sie tun? Unfälle bleiben beim Big-Wave- Surfen ja nicht aus.
Aber das ist Leben. Da ist Autofahren gefährlicher. In Australien durch den Wald zu laufen ist auch gefährlich, da gibt es Schlangen und Spinnen. Oder die Quallen im Wasser. Da habe ich auch als Schwimmer große Gefahren. Und ich denke, dass mehr Schwimmer von Haien angegriffen werden als Surfer. Es geht auch nicht um den Kick, nicht um die Gefahr. Klar, Außenstehenden, die nicht täglich damit zu tun haben, kommt das alles immer gefährlich und verrückt vor. Das ist aber nicht mein Beweggrund, warum ich den Sport betreibe – gar nicht.
Was ist Ihr Beweggrund?
Es ist die Leidenschaft fürs Wasser, die Leidenschaft für den Sport und die Leidenschaft dafür, etwas zu bewegen.
Es sind Extremsituationen, in denen Sie sich bewegen. Wie behalten Sie darin die Kontrolle, wie minimieren Sie die Gefahr soweit, dass es für Sie keine Gefahr ist?
Durch ganz viel Vorbereitung. Das fängt an mit der physischen Präparation, Training von Gleichgewicht und Ausdauer, Stabilisationstraining. Zudem geht es darum, das richtige Team auszuwählen. Ich habe darin Dr. Axel Haber, das ist ein Oberstabsarzt der deutschen Marine. Ich habe einen Mann mit Walkie-Talkie an Land, der mit meinen zwei Jetskifahrern in Kommunikation ist und mich in die richtigen Wellen hineinlotst – und sollte ich aus Wellen nicht mehr rauskommen, führt er die Jetskifahrer zu mir hin. Ich habe weitere Leute, die uns vor Ort bei allem unterstützen. Ich habe einen Sportwissenschaftler, mit dem ich trainiere. Ich habe einen Brettbauer, der mit mir die Bretter entwickelt. Insgesamt sind es mehr als zehn Leute.
Sprich, Sie versuchen sich in jedem Detail perfekt auf die Situation einzustellen.
Genau. Wenn Sie es mit der Formel 1 vergleichen, wäre es so, wie wenn Lewis Hamilton ohne Helm, ohne Feuerschutzanzug, mit schlechter Bremse und zu wenig Luft hinten im Reifen losfährt, er hat sich mit keinem Ingenieur unterhalten, steigt in das Auto vom vergangenen Jahr, das halt so in der Garage stand, und gibt einfach Vollgas. Da könnte man auch sagen: Das ist doch ein bisschen lebensmüde. Und er könnte sagen: Wow, krasser Kick, denn ich habe überlebt. So ist es aber nicht. Er hat seinen Helm, er hat einen Feuerschutzanzug, er hat seine Ingenieure, der Reifendruck passt, alles passt, damit er performen kann. Das ist bei uns auch so. Wenn ich dieses Team habe und alle Baustellen bearbeitet habe, nur dann kann ich performen.

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