Die Seele von Cassandra Steen ist verletzt worden. Zum Glück hat die Sängerin ihre Großeltern und die Popmusik an der Seite.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart - Ein unscheinbares Gebäude in der Esslinger Pliensauvorstadt. Im obersten Stockwerk wohnt die Soulsängerin Cassandra Steen. Zur Begrüßung wird der Gast vom schneeweißen Schäferhund Ice Cube verbellt. Cassandra Steen bittet in die Küche und entschuldigt sich für die Unordnung. Ice Cube fasst schnell Vertrauen zu dem fremden Besucher und lässt sich hinter den plüschigen Ohren kraulen.

Frau Steen, gibt Ihnen Ihr Hund etwas, das Ihnen ein Mensch nicht geben kann?

Für mich stellt sich die Frage umgekehrt: Was kann ich meinem Hund für seine bedingungslose Liebe zurückgeben? Ice Cube ist geduldiger als jeder Mensch. Und ich lerne von ihm, wie man sich ohne Worte versteht. Ich habe ihn mir als Welpen ausgesucht, nun ist er zehn. Ice Cube ist mein ältester und coolster Kumpel.

Und womöglich ein Ersatz für menschliche Zuneigung?

Weiß ich nicht. Zumindest fehlt mir gerade überhaupt nichts. Aber wenn mein Hund nicht da wäre, würde er mir sehr fehlen. Dann würde ich eine Leere empfinden.

Finden Sie denn genügend Zeit, um mit Ihrem coolen Kumpel Gassi zu gehen?

Mein Freund kümmert sich häufig um Ice Cube. Und wenn wir beide beruflich unterwegs sind, haben wir eine sehr gute Hundepension, wo wir ihn unterbringen können.

So viel Fürsorge wurde Ihnen selbst nicht zuteil. Ihren Vater, einen US-Soldaten, haben Sie nie kennengelernt. Und Ihre Mutter ist ohne Sie in die Staaten abgehauen.

Das ist richtig. Ich weiß nicht einmal, wie mein Vater aussieht. Und die Beziehung zu meiner Mutter war immer sehr lose. Ich bin am Rand von Ostfildern-Nellingen bei meinen Großeltern aufgewachsen. Beide haben in der Kaserne der US Army gearbeitet. Mein Großvater, ein Afroamerikaner, war GI; meine schwäbische Großmutter hat für die Bank in der Kaserne gearbeitet.

Warum hat Sie Ihre Mutter verlassen?

Diese Frage kann nur sie beantworten.

Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Wir hatten uns zwölf Jahre nicht gesehen, dann begegneten wir uns bei einem Familientreffen in Florida. Seitdem ist fast ein Jahr vergangen, und sie hat sich wieder nicht mehr bei mir gemeldet.

Enttäuscht?

Ja.

"Meine Stimme klingt traurig"

Wie äußert sich das?

Vielleicht transportiere ich beim Singen unbewusst meine Lebensgeschichte. Man sagt mir oft, dass meine Stimme traurig klinge.

Sind Sie denn traurig?

Ich war es. Es geht nicht spurlos an einem vorbei, wenn die Eltern einen nicht wollen. Ich hatte mit dieser Tatsache zu kämpfen, lange Zeit besaß ich wenig Selbstvertrauen und fühlte ich mich oft sehr einsam. Obwohl ich wundervolle Großeltern habe, die alles dafür getan haben, dass ich mir nicht zurückgewiesen vorkam.

Mit 18 haben Sie erfahren, dass Ihre Mutter adoptiert war und Ihre Großeltern folglich nicht zu Ihrer leiblichen Familie gehören.

Es hat sich rausgestellt, dass meine Mutter acht Geschwister hat, die alle adoptiert worden waren. Ihre jüngste Schwester beschloss irgendwann, die Familie wiederzuvereinigen. So kam es zu dem Treffen vergangenes Jahr in Florida. Seither habe ich regelmäßig Kontakt zu einem Teil meiner leiblichen Verwandtschaft in den USA. Das sind sehr warmherzige Leute. Ich bin durch diese neue Verbindung zu meinen Wurzeln ein glücklicherer Mensch geworden.

Was war die schwierigste Zeit für Sie?

Als ich Anfang zwanzig war und Sängerin bei der Band Glashaus. Ich ließ mich damals auf Beziehungen ein, die als weitere tiefe Enttäuschungen endeten. Dadurch habe ich noch stärker an mir gezweifelt, mich gefragt, ob ich womöglich überhaupt nicht liebenswert bin. Wobei Glashaus ein großes Glück für mich war, weil ich zumindest Ablenkung hatte.

Produzent von Glashaus ist Moses Pelham. Wie konnte die Zusammenarbeit mit diesem großspurigen Rapper klappen, während an Ihnen Minderwertigkeitsgefühle nagten?

Gerade deshalb hat es funktioniert. Ich habe mich nach Harmonie gesehnt. Und Moses nahm mich unter seine starken Flügel. Er verstand auch, als ich später allein etwas auf die Beine stellen wollte.

Begonnen haben Sie Ihre Karriere als 17-Jährige bei der Stuttgarter Band Freundeskreis. Freundeskreis war nicht typisch für die Hip-Hop-Szene. In den Texten ging es um Gleichberechtigung, Solidarität und Frieden. Wurden diese Werte von der Band auch gelebt?

Die Jungs haben danach gelebt, ja. Freundeskreis hatte keine Ghetto-Lyrics, weil Max Herre und die anderen keine Ahnung hatten, wie es in der Unterschicht zugeht. Die kamen ja alle aus guten Familien, waren wohlerzogen und sehr gebildet. Ich war nur ein pubertierendes Mädchen, das mit ihnen auf Tour gehen durfte.

Im Sommer 2009, wenige Monate vor Ihrem 30. Geburtstag, erreichte Ihre Karriere den bisherigen Höhepunkt: "Stadt", ein Duett mit Adel Tawil, kletterte auf Platz zwei der Charts. Hat der Song Ihr Leben verändert?

Auf jeden Fall habe ich seither mehr Möglichkeiten. Vor "Stadt" war ich auf Balladen festgelegt, das ist nun nicht mehr so.

Und Sie werden seit "Stadt" auf der Königstraße um Autogramme gebeten.

Das war schon vorher so. Die Leute kennen mich seit zehn Jahren, seit dem Glashaus-Song "Wenn das Liebe ist". Für mich ist dieses Stück nach wie vor das Nonplusultra. Es hat sich selbstständig gemacht. Kein Sender wollte es zunächst spielen, trotzdem hat das Lied seinen Weg in die Herzen der Leute gefunden. Für mich wäre es das Allerschönste, so etwas noch einmal zu schaffen.

Machen Sie heute die Musik, die Sie mögen oder müssen Sie sich dem Markt anpassen?

Mein aktuelles Album "Mir so nah" entspricht meiner derzeitigen Gefühlslage. Es gibt darauf Stücke, die melancholisch sind, aber auch welche, die optimistisch nach vorne gehen, ohne an Tiefe zu verlieren.

"Ein Biobauernhof in Graubünden wäre toll"

Auf dem Album kann ich überraschend wenig Autobiografisches entdecken.

Persönliche Erfahrungen in Songtexten zu verarbeiten ist grundsätzlich nicht mein Ding. "Ich lass jetzt los" verrät aber sehr viel über mich. Allerdings habe den Titel nicht ich geschrieben, sondern Xavier Naidoo. Er ist ein guter Beobachter.

Xavier Naidoo spricht oft über die Zuneigung zu seiner Heimatstadt Mannheim. Sind Sie eine Stuttgart-Patriotin?

Nein, ich bin Großeltern-Patriotin. Sie haben mich geprägt, und wegen ihnen wohne ich noch hier. Ich will sie häufig sehen.

Wenn Ihre Großeltern nicht wären, würden Sie demnach wegziehen.

Ja, ich würde gerne in der Schweiz oder in Frankreich leben. Die Schweiz gefällt mir, weil dort schon sehr früh etwas für den Umweltschutz getan wurde. Ein Biobauernhof in Graubünden wäre toll. Anderseits liebe ich Paris. Ich fühle mich mit meiner Hautfarbe dort besser angenommen.

Das heißt im Umkehrschluss: Sie fühlen sich in Deutschland nicht angenommen.

Ich fühle mich akzeptiert. Aber es wird hierzulande noch zu viel auf Unterschiede geachtet. Annehmen bedeutet für mich, etwas ursprünglich Fremdes als Teil seiner eigenen Identität zu betrachten. So ist die französische Popmusik mittlerweile viel mehr als nur afroamerikanisch beeinflusst, sie wurde zu etwas eigenständig Neuem geformt. Eine solche Entwicklung wünsche ich mir für unsere gesamte Gesellschaft.

Weitere Herzenswünsche?

An erster Stelle: innere Ruhe.

Wie findet man die?

Ich suche noch. Es hilft, wenn man Menschen begegnet, die einen lieben und das auch zeigen. Meine Großeltern tun das, meine vier Cousinen, mein Freund. Manchmal findet man durch andere zu sich selbst.

Ist das Musikgeschäft nicht eher das Gegenteil von diesem ersehnten kuscheligen Nest?

Das Geschäft ist nicht meine Familie. Die Musik selbst hat mir aber dabei geholfen, Krisen zu durchwandern. Sie tröstete mich.

Von welchen Songs würden Sie sich am meisten wünschen, dass es Ihre eigenen wären?

"Anytime you need a Friend" von Mariah Carey. "Love is a losing Game" von Amy Winehouse. "Cherish the Day" von Sade.

Nehmen wir an, Sie hätten solche Hammerlieder: Wäre die Weltkarriere garantiert?

Die Songs alleine sind es nicht. Es geht darum, dass man als Künstlerin ein breites Publikum emotional berührt.

Mich ergreift Ihr Gesang. Ist diese Engelsstimme eigentlich ein Gottesgeschenk?

Talent kann sich nur entwickeln, wenn es gefördert wird. Mein Großvater hat mich von klein auf für Musik begeistert, mir Aretha Franklin oder Billy Holiday vorgespielt und auch klassische Musik. Ich habe Gesangsunterricht an der Nellinger Musikschule bei Herrn Basten genommen, das war ein toller Lehrer. Und dann hatte ich wie jeder Teenie Idole, denen ich nacheiferte - Whitney Houston, Mariah Carey.

Ihre ehemaligen Vorbilder sind inzwischen ziemlich durchgeknallt.

Mariah Carey ist die Tochter eines Farbigen, die in ihrer Anfangszeit mit ihrer weißen Mutter durchs Musikbusiness gezogen ist, beschimpft wurde und sich trotzdem durchkämpfte. Das hat mir imponiert. Dass sie heute, wie Sie sagen, "durchgeknallt" ist, lässt sich durch diese Vita erklären. Mariah Carey kommt von unten und hat es nach oben geschafft. Ein derartiger Erfolg ist schwer zu verkraften. Und was Whitney Houston angeht: die hat einfach den falschen Kerl geheiratet.

Das passiert vielen Frauen. Um Sie muss ich mir hoffentlich keine Sorgen machen.

Nein, ich achte genau darauf, was ich tue und mit wem ich mich umgebe, weil ich meinen Großvater niemals enttäuschen möchte. Er wurde in seiner Jugend als Schwarzer in den Staaten diskriminiert, später war er Soldat in Vietnam. Er hat Furchtbares erlebt und kann dennoch unendlich viel Liebe geben. Ich bewundere ihn dafür.

Am Freitag treten Sie im Theaterhaus auf. Ist ein Heimspiel noch etwas Besonderes?

Klar, schon allein, weil meine beste Freundin und fast meine ganze Familie da sein werden. Ich freue mich auf Stuttgart.

Vom Denkendorfer Kindergarten bis ins Stuttgarter Theaterhaus

Kindheit Cassandra Steen kam am 9. Februar 1980 in Ostfildern-Ruit zur Welt. Ihre Eltern, eine Deutsche und ein amerikanischer Soldat, hatten sich schon vor der Geburt getrennt. Ihre Mutter ging alleine in die USA. Cassandra Steen wuchs bei ihren Großeltern in Nellingen auf, besuchte in Denkendorf den Kindergarten, die Ludwig-Uhland-Grundschule, die Albert-Schweitzer-Hauptschule und machte schließlich an der Esslinger Käthe-Kollwitz-Schule die mittlere Reife. Bis heute wohnt sie in Esslingen, weil sie ihrem 81-jährigen Großvater und ihrer 72-jährigen Großmutter nah sein will.

Karriere Noch während ihrer Schulzeit lernte Cassandra Steen über eine Freundin einen Musikproduzenten kennen, der sie an die Stuttgarter Hip-Hop-Formation Freundeskreis vermittelte. Es folgte ein erster, erfolgloser Versuch als Solokünstlerin. Dann engagierte sie der Frankfurter Rapper Moses Pelham als Sängerin der Band Glashaus. Seit 2003 geht Cassandra Steen wieder eigene Wege, unterstützt von Größen wie Xavier Naidoo und Adel Tawil. Sie singt ausschließlich auf Deutsch. In diesem Frühjahr erschien „Mir so nah“, ihr drittes und bisher erfolgreichstes Soloalbum.

Konzert Am Freitag, 23. September, tritt Cassandra Steen um 20 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus auf.

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