Interview mit Cem Özdemir „Ich will mich voll reinhängen“

2008 scheiterte Özdemirs Bundestagsbewerbung, Foto: dapd
2008 scheiterte Özdemirs Bundestagsbewerbung, Foto: dapd

Der Grünen-Chef Cem Özdemir will bei der Bundestagswahl 2013 als einer von zwei Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg antreten. Zudem strebt er das Direktmandat in Stuttgart an.

Politik/ Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)
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StuttgartDer 47-jährige Cem Özdemir will bei der Bundestagswahl 2013 den Doppelschlag schaffen, einen Erfolg mit dem baden-württembergischen Landesverband und ein Direktmandat in Stuttgart. Seinen stärksten Konkurrenten in der Landeshauptstadt geht er direkt an: der örtliche CDU-Chef Stefan Kaufmann stehe für teilweise unfaire Wahlkampfmethoden.
Herr Özdemir, wie tief ist die Wunde, die Ihnen im Oktober 2008 in der Stadthalle von Schwäbisch-Gmünd geschlagen wurde? Damals verweigerten Ihnen die baden-württembergischen Grünen einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl.
Natürlich hat das wehgetan. Und es macht schon einen Unterschied, ob ein Parteivorsitzender auch im Bundestag sitzt, dort die Position der Partei vortragen und in direkten Wettstreit mit dem politischen Gegner treten kann. Fehlen diese Möglichkeiten, dann wird die Arbeit als Vorsitzender nicht unmöglich, aber im Alltag erschwert. Das habe ich in den vergangenen vier Jahren am eigenen Leib erfahren.

Warum sollte sich die grüne Basis diesmal nachsichtiger gegenüber einem Bundespromi zeigen?
Der Zuspruch, den ich auf der Straße und bei den Kreisverbänden im Land erfahre, ist sehr positiv. Ich bewerbe mich auf Listenplatz zwei und will mich als einer der beiden Spitzenkandidaten voll reinhängen, denn die Grünen in Baden-Württemberg können das Zugpferd für den Regierungswechsel im Bund werden.

Den Spitzenplatz auf der Landesliste bekommt gewöhnlich eine Frau . . . 
Das soll auch so bleiben. Ich werde mich nicht umoperieren lassen.

Und in diesem Fall läuft alles auf Kerstin Andreae hinaus, die stellvertretende Fraktionschefin im Bundestag?
Sie wäre sicher eine gute Spitzenkandidatin, aber das entscheiden bei uns immer noch die Delegierten. Ich habe mit Amüsement gelesen, dass es bereits feste Absprachen in der Führungsriege über die Listenbesetzung bis Platz sechs geben soll. Das ist Unsinn.

Wollen Sie 2013 auch das Direktmandat in Stuttgart holen?
Ich habe bei der letzten Bundestagswahl in Stuttgart mit 29,9 Prozent das zweitbeste grüne Erststimmenergebnis bundesweit erzielt. Da ist es doch klar, dass ich im Wahlkreis Stuttgart I wieder antreten will. Es wäre ein schönes Symbol für die Breite meiner Partei, wenn ich neben Hans-Christian Ströbele, der sich in Berlin wieder gute Chancen ausrechnen kann, im bürgerlichen Stuttgart das zweite Direktmandat der Grünen holen würde.

Beim letzten Mal hat der CDU-Kandidat Stefan Kaufmann gewonnen. Er steht allerdings nicht für eine konservativ-verknöcherte CDU, gegen die Sie vermutlich leichter Wahlkampf machen könnten?
Herr Kaufmann tut freundlich, aber in seinem Handeln repräsentiert er die alte Landes-CDU – bis hin zum Einsatz von unfairen Mitteln. Das habe ich 2009 erlebt, und daran hat sich ja offenbar bis heute nicht viel geändert. Mein Stil ist ein anderer. Ich will im persönlichen Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern und mit Argumenten überzeugen.

Auf Bundesebene konkurrieren jetzt 15 Kandidaten der Grünen um die zwei Plätze der Spitzenkandidatur. Warum brauchen Sie überhaupt Spitzenkandidaten – Sie rechnen doch wohl selbst nicht damit, den Kanzler oder die Kanzlerin zu stellen?
Natürlich werden wir maximal den Vizekanzler oder die Vizekanzlerin stellen. Wir haben das Verfahren gewählt, weil es zum einen hilft, eine faire und saubere Personalentscheidung zu treffen, und zum anderen die Partei für den Wahlkampf motiviert.

Die Grünen treten 2013 für einen Machtwechsel hin zu Rot-Grün an. Was wird den Wahlkampf entscheiden: die Eurokrise, die Energiewende oder die Popularität der Kanzlerin?
Die Popularitätswerte von Frau Merkel verdecken, dass nach ihr in der Union weder personell noch inhaltlich viel kommt. Das alleine reicht auf die Dauer aber nicht. Die schwarz-gelbe Koalition ist nicht mehr handlungsfähig – siehe Eurokrise. Frau Merkel traut sich nicht einmal mehr, eine weitere Abstimmung zur Eurorettung in den Bundestag zu bringen. Stattdessen lässt sie die Europäische Zentralbank die Kohlen aus dem Feuer holen und schaut zu, wie die Dobrindts und Söders EZB-Präsident Draghi dafür auch noch attackieren. Diese doppelzüngige Politik muss beendet werden.

Hätte Rot-Grün anders agiert?
Wenn Gerhard Schröder und Joschka Fischer noch regierten, hätten wir eine klare Führung. Beide wären schon 2010 nach Athen geflogen und hätten an der Seite des griechischen Ministerpräsidenten gesagt: „Liebe Griechen, die Reformen werden bitter für euch. Aber es ist auch klar: wir stehen zu euch, und ihr bleibt in der Eurozone.“ Das hätte zu einer Stabilisierung der Lage beigetragen, potenzielle Investoren nicht verunsichert und die Spekulationsgeschäfte im Keim erstickt – ganz anders als das ewige Hin und Her von Frau Merkel.

Die SPD versichert, dass sie nicht wie vor ­sieben Jahren in eine Große Koalition unter einer Kanzlerin Merkel gehen will. Wie glaubhaft sind diese Schwüre?
Die Botschaft höre ich gern, allein mir fehlt der Glaube. Wenn die SPD das ernst meint, dann ist es jetzt an der Zeit, die Fehdehandschuhe anzuziehen und klarzumachen, was die sozialdemokratische von der schwarz-gelben Politik unterscheidet. Den Wählern, die zwischen SPD und Grünen stehen, kann ich nur sagen: Wer SPD wählt, der kann am Ende eine Bundeskanzlerin Merkel bekommen. Wer einen echten Politikwechsel will, der muss Grün wählen.

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