Interview mit Christian Hermes Gottestdienst nach dem Sonntagsbrunch

Auch die Kirche kommt an der Erkenntnis nicht vorbei, dass der soziale Bereich nicht unbegrenzt ausgebaut werden kann. Wie sieht Ihre Antwort darauf aus?

Ich denke, wir sind da in unserer Gesellschaft noch nicht ganz ehrlich. Der Weg einer immer weiter gehenden Professionalisierung im Sozialbereich ist, fürchte ich, langfristig nicht mehr finanzierbar. Stattdessen werden wir noch kreativer sein müssen und zum Beispiel Freiwilligendienste und soziale Tauschbörsen einrichten, vielfältige Formen des Ehrenamts in Verbindung mit Professionalität, von sozialer Vernetzung und nachbarlicher Hilfe finden.

Im Herbst startet die katholische Kirche in Stuttgart einen Erneuerungsprozess. Was soll erneuert werden?

Wir werden alle Bereiche unter die Lupe nehmen, unsere Gemeindearbeit, Seelsorge, Finanzen, Immobilien, Strukturen. Ein für mich sehr offensichtliches Beispiel: Warum müssen geschätzt 95 Prozent der Sonntagsgottesdienste zwischen 9 und 11Uhr stattfinden? Weil es eben in allen Gemeinden bisher so war. Im Blick auf die Stadt brauchen wir hier mehr Vielfalt und Zielgruppenorientierung.

Wird es schon bald den Gottesdienst nach dem späten Sonntagsbrunch geben?

Ja, warum nicht. Sonntag ist für viele Menschen der einzige Tag in der Woche, an dem sie ausschlafen können. Für die meisten, gerade Familien, ist eine Messe um 9.30 Uhr zu früh. Es ist kurzsichtig zu meinen, die Menschen haben kein Interesse an Gottesdiensten, bloß weil wir nicht dazu in der Lage sind, andere Zeiten anzubieten. Die Leute sollten wissen, wenn sie sonntags mit Brunchen fertig sind, können sie in einer Kirche eben auch um 15 Uhr eine Messe besuchen und dann gibt es vielleicht auch noch um 21 Uhr ein Angebot.

Wird am Ende dieses Erneuerungsprozesses in Stuttgart vielleicht auch ein katholisches Gotteshaus verkauft?

So weit sind wir noch lange nicht. Das ist die Ultima Ratio. Wir müssen aber mit offenen Karten spielen. Der Investitionsaufwand, den wir für den Unterhalt von Kirchen und Gemeindehäusern haben, ist mit sechs Millionen Euro dreimal so hoch wie die Mittel, die wir dafür zur Verfügung haben. Viele davon sind Betonbauten aus den 1960er und 1970er Jahren, bei denen teure Sanierungen anstehen und die Kosten für die Beheizung in die Tausende gehen. Wenn wir dann auf der anderen Seite wegen 500 Euro für eine Jugendfreizeit knausern müssen, stimmt da etwas nicht. Trotzdem geht es auf keinen Fall darum zu sagen, wir machen Kirchen platt, das wäre respektlos. Ich kämpfe für jeden Altar in Stuttgart.

Was wird aber aus den Gotteshäusern, die wenig genutzt werden?

Wir werden zunächst versuchen, Einnahmen zu erhöhen und kreative, vielfältige Nutzungen zu finden, die einander ergänzen und nicht ausschließen. Zum Beispiel könnte man einen Gottesdienstort mit einer Begegnungsstätte, einem Familienzentrum und einer Kita-Mensa kombinieren. Daran denken wir bei St. Stephan in der Rotenwaldstraße. Ich möchte den Leuten in der Stadt, die ihre Kirchensteuern zahlen, sagen können, wir gehen verantwortungsvoll mit eurem Geld um und versenken es nicht in Betonsanierungen.

Das heißt dann aber doch, dass in Zukunft nicht mehr in jeder Gemeinde alles angeboten werden kann?

Es müssen und können nicht alle alles machen. Ziel ist, dass jede Gemeinde eine Kirche und ein Gemeindehaus hat und dass es Mittel, ich sage mal, für den "Pflicht"-Bereich gibt. Im Bereich "Kür" werden wir Schwerpunkte bilden müssen, was ich nicht als Problem ansehe. Wir sind so mobil, dass wir für Sachen, die uns wichtig sind, auch in den Nachbarstadtteil fahren.

Die katholische Kirche steht für klare Hierarchien. Wer darf eigentlich mitreden bei diesem Erneuerungsprozess?

Ab Herbst möchte ich mit allen Kirchengemeinderäten sprechen und sie ermuntern, eine Bestandsaufnahme zu machen und selbst Ideen zu entwickeln, wie sie sich weiterentwickeln wollen. Gute Ideen sind herzlich willkommen. Für die Standortentwicklung haben wir ein Ingenieurbüro beauftragt. Im Moment arbeiten wir an einem Konzept zur Vermögensbewirtschaftung, das selbstverständlich in den demokratischen Gremien des Stadtdekanats beraten wird. Die Gemeinden werden auch in Zukunft bestimmen, wie sie ihre Steuerzuweisungen verwenden, sie werden aber Prioritäten setzen müssen, so wie das Stadtdekanat auch.

Das Dilemma der katholischen Kirche ist doch: Sie können vor Ort die vorbildlichste Arbeit machen, müssen aber jederzeit damit rechnen, dass Ihnen eine Entscheidung des Papstes die nächste Austrittswelle beschert.

Ich muss als Stadtdekan wissen, wo mein Gärtchen endet. Darüber hinaus muss ich akzeptieren, dass ich zu einer Diözese und einer Weltkirche gehöre, die viel von Gemeinschaft hält und weniger davon, dass jeder, der eine andere Meinung hat, seinen eigenen Laden aufmacht. Dieser globale Zusammenhalt ist toll, führt aber auch dazu, dass es manchmal ächzt im Gebälk.

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