Interview mit Claus Peymann König ohne Land

„Die Metoo-Debatte halte ich, was das Theater anlangt, für überhitzt“, sagt Claus Peymann. Foto: Jonas Holthaus

Die Theaterlegende Claus Peymann ist zurück: An diesem Freitag hat im Stuttgarter Schauspielhaus „King Lear“ Premiere – ein Gespräch über Machtverlust, Metoo und die Zwerge in Berlin.

Stuttgart - Keiner kennt den Theaterbetrieb so gut wie er: Fünf Jahrzehnte lang leitete Claus Peymann die wichtigsten Bühnen im deutschsprachigen Raum. „Ein Weltrekord“, wie er sagt. An Selbstvertrauen mangelt es dem Theatermann, der das Stuttgarter Schauspiel zwischen 1974 und 1979 zur ersten Adresse der Republik machte, nicht. Die Metoo-Debatte hält er für überhitzt – und die Autostadt Stuttgart empfindet er als Katastrophe.

 
Herr Peymann, nach fast vierzig Jahren kehren Sie zum Arbeiten wieder nach Stuttgart zurück. Warum?
Ich war lange Jahre hier und dort Theaterdirektor. Ich würde sagen: Theaterkönig – und seit dieser Spielzeit bin ich, nachdem ich die Intendanz am Berliner Ensemble abgegeben habe, wieder einfacher Angestellter. Deshalb war ich heilfroh, als von Armin Petras die Anfrage kam, ob ich an seinem Haus inszenieren wolle. Ich fand diese Rückkehr eine prima Idee.
Hat Ihnen sonst kein deutschsprachiges Theater eine Regie angetragen?
Doch, die Wiener Burg, die ich dreizehn Jahre geleitet habe. Wahrscheinlich werde ich dort in der nächsten Saison inszenieren. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.
Ich weiß, dass Sie vor kurzem mit Peter Handke telefoniert haben. Hatte dieses Telefonat mit dem Burg-Engagement zu tun?
Nein, mit Stuttgart und „König Lear“. Nicht nur den Schluss, sondern auch die Narrenlieder der Königstragödie spielen wir in der Übersetzung von Peter Handke. Seine Texte bringen eine Modernität und Frische, fast eine Art Dadaismus ins Spiel, der wirklich toll ist! Deshalb habe ich mit Handke geredet, aber auch sonst bin ich immer in Kontakt mit ihm, um diesen wunderbaren Autor zu einem neuen Theaterstück zu bewegen. Ich würde so gerne einen neuen Text von Handke uraufführen.
Und warum machen Sie jetzt ausgerechnet Shakespeares „Lear“ in Stuttgart?
Als mich Petras fragte, war mir sofort klar: dieses Drama, sonst nichts. Ein Stück über einen achtzigjährigen König, der kein Königreich mehr hat und keine Königswürde, inszeniert von einem achtzigjährigen Regisseur, der nicht mehr Theaterdirektor sein darf: Passt scho, würde der Wiener dazu sagen. Trotzdem spielen diese Parallelen keinerlei konzeptionelle Rolle. „Lear“ wird kein Schlüsselstück zum Leben und Denken von Claus Peymann werden, so viel Eitelkeit besitze ich nicht. Ich gebe aber zu, dass bestimmte Erfahrungen, die ich jetzt mache, sich mit Lears Erfahrungen kreuzen – obwohl ich ja keine Töchter habe!
Zum Beispiel?
Vor Jahren habe ich mal eine Wette abgeschlossen, dass ich innerhalb einer halben Stunde Angela Merkel ans Telefon kriege. Ich habe die Wette gewonnen. Ob mir das heute noch gelingen würde, bezweifle ich. Früher hatte ich viele Freunde, weil ich Regieaufgaben und Rollen zu vergeben hatte. Die meisten dieser Freunde sind über alle Berge. Und wenn ich – zum Beispiel – den Mannheimer Intendanten am Telefon sprechen möchte, heißt es: „Nächsten Mittwoch um zwölf.“ Sowas ist neu für mich! Auf dem Weg vom König zum Angestellten musste ich schon einige Verlusterfahrungen sammeln, ähnlich wie der greise und entmachtete Lear. Aber nochmals: Mein „Lear“ wird kein Schlüsselstück, weder zu Peymann noch zu Schulz, Merkel und Co – und schon gar nicht zu Krupp oder Bosch!
Was wird er dann?
Einfach nur „Lear“. Die ganze Geschichte, ohne Video und Mikroport-Verstärkung, aber mit allen Verästelungen der Geschichte. Zusammen mit dem Ensemble, allen voran Martin Schwab in der Titelrolle und Karl-Ernst Hermann als Bühnenbildner, sind wir auf der Reise, auf der Expedition in den Kosmos dieser Tragödie, in der ein Mensch blindwütig die Welt in Flammen setzt, weil zwei seiner Töchter ihn enttäuschen und betrügen. Dass die dritte ihn dafür umso mehr liebt, hört und versteht er nicht. Diese ungeheuerliche Geschichte wollen wir hörbar, sehbar, erlebbar machen. Sonst nichts. Trauerspiel und Komödie zugleich.
Das klingt nach traditionellem Theater.
Klingt? Was Sie für Ohren haben! Ich finde das überhaupt nicht. In Zeiten, in denen Regisseure jedes Stück über einen Kamm, einen Gedanken scheren, ist unser Ansatz absolut unkonventionell. Ich halte Shakespeare die Treue, stimmt, so wie ein Dirigent auch Beethoven die Treue hält und dessen Sinfonien nicht von hinten nach vorne spielt. Aber wir wollen die geniale Struktur des Stücks entdecken, den Reichtum seines dramaturgischen Aufbaus. Unsere Aufführung basiert auf dem Original und der Übersetzung von Baudissin und findet eine heutige Sprache. Dazu Handkes Neufassung der Narrenlieder. Apropos Narr: da machen wir einen, wie ich denke, schönen Versuch. Lea Ruckpaul ist die Darstellerin der Cordelia, Lears jüngster Tochter – und sie spielt auch die Rolle des Narren. Eine Idee, die auf Shakespeare zurückgeht. In seinem elisabethanischen Theater durften nur Männer auf der Bühne stehen. Das bedeutete: der „jugendliche Liebhaber“ der Truppe gab nicht nur den Narren, sondern auch die Cordelia. Wir tun es ihm nach.
„Lear“ wird ohnehin ein Heimspiel für Sie. Die Aufführungen sind fast alle ausverkauft.
Ja, weil die Stuttgarter sehen wollen, ob ich es noch kann.
Das glaube ich nicht: Die Stuttgarter kommen, um die Legende Peymann zu feiern.
Nein, mit Feiern und Erfolgen kann man im Theater nie rechnen. Da spielt man immer volles Risiko. Überhaupt ist unsere Stuttgarter Zeit unwiederholbar. Sie war nur in einer einmaligen, für uns günstigen Konstellation möglich. Die reaktionäre Politik unter Filbinger und der bürgerliche Kulturbegriff einerseits, der Aufbruch der Achtundsechziger inklusive ihr Zusammenbruch im RAF-Terror andererseits: das wirkte zusammen, um mich hier zum Theaterkönig der Rebellion zu machen.
Den Titel „Theaterkönig“ scheinen Sie zu lieben. Da drängt sich die Frage auf, ob sich die feudalen Theaterstrukturen im 21. Jahrhundert nicht doch überlebt haben.
Lassen Sie uns ins 20. Jahrhundert zurück gehen. Da war ich einer der Erfinder der Mitbestimmung im Theater, zuerst in Frankfurt am TAT, dann mit Peter Stein und anderen an der Berliner Schaubühne. Wir mussten damals die bittere Erfahrung machen, dass Demokratie im Theater nicht funktioniert. Über Regisseure, über Besetzungen, über einzelne Szenen, nicht einmal über die Stückfassung können Mehrheiten entscheiden. Da kommt Murks raus, das war unsere Erfahrung. Wir sind total mit unserem „Mehr Demokratie wagen“ gescheitert. Denn das ist der größte Unterschied zur Politik: Die Kunst darf keine Kompromisse suchen, die Politik muss es! Das wichtigste Erbe, das die Mitbestimmungsmodelle hinterlassen haben, ist für mich die Transparenz im Theaterbetrieb. Information ist Macht. Um diese Macht abzubauen, darf der Chef keinen Wissensvorsprung haben, jeder muss alles wissen, angefangen bei Erfolgen und Misserfolgen an der Kasse über die Gründe einer Premierenverschiebung bis hin zur Gage des Kollegen und des Direktors. Diese Transparenz herrschte an allen meinen Häusern.
Wussten die Kollegen tatsächlich, was Sie als Chef verdienten?
Wenn sie’s interessiert hat, ja! Als ich 1999 von Wien nach Berlin kam, habe ich gesagt: Ich will 10 000 Mark mehr im Jahr verdienen als der teuerste Theaterdirektor der Stadt. Das war damals Frank Castorf. Der Senat sagte: Okay. Ich erhielt dann etwas mehr als 200 000 Mark im Jahr, aber immer noch 100 000 Mark weniger als zuvor an der Wiener Burg. Das wusste jeder im Haus, wo ich im übrigen auch jeden Tag anwesend war. Ich habe als Regie-Intendant niemals irgendwo gastiert, um mein Gehalt aufzubessern.
Die laufende Debatte über veraltete Theaterstrukturen halten Sie also für überflüssig?
Nein, aber sie müsste in eine andere Richtung gehen. Nehmen Sie die Stuttgarter Staatstheater: ein perfekt organisierter, in Schauspiel, Ballett und Oper zu Höchstleistungen fähiger Betrieb. Da hat sich eine perfekte, reibungslose Organisationsstruktur gebildet, die aber um der Kunst willen trotzdem ständig außer Kraft gesetzt werden muss. Der Theaterdirektor sollte ein ständiger Unruheherd sein, der alle Mitarbeiter mit seiner Leidenschaft und seinen Überforderungen ansteckt. Bei den Proben zu „Lear“ sagte ein Beleuchter einmal: „Lear, das ist doch unser Baby! Dass wir dafür Tag und Nacht arbeiten, versteht sich von selbst.“ So eine Identifikation mit der Sache findet man hier in Stuttgart bei vielen Mitarbeitern aus der Technik. Aber ich bleibe dabei: Jedes lebendige Theater braucht Unruhe, Chaos und Anarchie. Das habe ich in den Stuttgarter Jahren gelernt.
Unruhe stiften, zum ersten Störenfried eines Theaters werden: Müssten diese Chance verstärkt nicht auch Frauen bekommen?
Natürlich, jeder muss die Chance bekommen. Mir ist es aber egal, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Wenn man gut ist, muss man alle Chancen kriegen. Aber man muss gut sein! Ich bin auch gar nicht pessimistisch. Das Wiener Burgtheater leitet Karin Bergmann, das Wiener Volkstheater Anna Badora, das Hamburger Schauspielhaus Karin Beier, das Züricher Schauspielhaus Barbara Frey, das Maxim-Gorki-Theater Shermin Langhoff. Und so weiter und so fort. Und natürlich bedaure ich, dass sich unter den Männern viele Flaschen durchgesetzt haben und weiter durchsetzen. Aber wissen Sie, wer der größte Regisseur meiner Generation ist?
Ich bin gespannt.
Eine Frau! Die Französin Ariane Mnouchkine. Wenn ich in ihrem Pariser Theater bin, weiß ich: Sie ist nicht nur gut. Sie ist eine Göttin!
In der Metoo-Debatte ist auch von sexuellen Übergriffen an Theatern die Rede. Zu Recht?
Ich bin seit fünfzig Jahren als Intendant unterwegs. Meine Erfahrung sagt mir: Die Metoo-Debatte ist, zumindest was das Theater anlangt, überhitzt. Sexuelle Übergriffe hat es an den von mir geführten Häusern jedenfalls nicht gegeben. Es hat Liebesgeschichten gegeben, sicher. Regisseure haben sich in Schauspielerinnen, Schauspielerinnen in Regisseure verliebt, es kam sogar zu Paaren: Peter Stein und Jutta Lampe, Hans Neuenfels und Elisabeth Trissenaar, Claus Peymann und – hier in Stuttgart – Therese Affolter. Aber da haben sich Mann und Frau immer mit Freuden aufeinander eingelassen. Und das Ensemble ist doch damals nicht mit mir von Stuttgart nach Bochum, von Bochum nach Wien gezogen, weil unter uns Terror, Unterdrückung und Frauenfeindlichkeit an der Tagesordnung waren. Nein, alle wussten, dass wir eine tolle Truppe sind und ich ein leidenschaftlicher Theaterdirektor und guter Regisseur bin, der bei seinen Inszenierungen von guten Spielern abhängig ist. Und jeder weiß: Ich erwarte von anderen den gleichen Einsatz, die gleiche Leidenschaft, die ich selbst aufbringe.
Apropos, Schauspieler. Haben Sie in Stuttgart die gewünschte Qualität gefunden?
Ich habe hier Aufführungen gesehen, die mir – das muss ich einräumen – nicht besonders gefallen haben. Aber immer habe ich gespürt: Auf der Bühne wird auf Leben und Tod gespielt, mit großem Einsatz, großer Leidenschaft. Die Spieler gehen fürs Theater und fürs Publikum durchs Feuer. Das war das Entscheidende für meine Zusage, jetzt in Stuttgart zu inszenieren.
Und wie nehmen Sie nach vierzig Jahren Abwesenheit die Stadt wahr?
Stuttgart ist eine beschädigte, eine menschenfeindliche Stadt. Die Bahnhofs-Baustelle im Herzen der Stadt: dass die grüne Administration, der Oberbürgermeister und der Ministerpräsident, nicht in der Lage ist, den Bürgern diese noch Jahre dauernde Zumutung zu ersparen, ist eine Schande. Dazu der Autowahn. Wenn Sie die Stadt betreten, wissen Sie, wer hier die Macht hat. Die Macht haben Daimler und Porsche. Stuttgart ist im Augenblick eine absolute Katastrophe.
In Berlin hat aller Voraussicht nach bald die Große Koalition die Macht.
Oh Gott! Klarer als jetzt hat sich nie gezeigt, dass die Politiker nur auf Pöstchen mit Dienstwagen schielen. Deutschland ist ein großes, wichtiges, riesiges Land. Regiert aber wird es von Zwergen. Das flößt mir Angst ein.

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