Herr Ettinger, was hat Sie daran gereizt, sich bei den Stuttgarter Philharmonikern zu bewerben?
Die Stuttgarter Philharmoniker sind ein renommiertes Orchester. Nach einer kontinuierlichen und erfolgreichen Zeit am Nationaltheater Mannheim kommt für mich, wie für jeden Künstler, die Zeit sich neuen Herausforderungen zu widmen. Ich wusste, dass das Orchester nach einem Dirigenten sucht. Das Konzert, das ich langfristig mit den Philharmonikern vereinbart hatte, wurde somit eine Art Vordirigat. Für mich hatte dieses Konzert eine sehr spezielle Spannung, das Ergebnis war sehr gut. Ich war begeistert von der Flexibilität und Spontanität des Orchesters und beide Seiten hatten das Gefühl, zukünftig gemeinsame Wege beschreiten zu können.
Wie haben die Mannheimer reagiert, als klar war, dass Sie in Stuttgart GMD werden?
Mit gemischten Gefühlen. Viele freuen sich für mich, aber natürlich bedeutet der Wechsel nach Stuttgart auch ein Ende der gemeinsamen Zusammenarbeit. Das ist keine einfache Situation. Mannheim ist meine erste GMD-Stelle, so dass das Nationaltheater und die Musikalische Akademie immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben werden. Ich bin dort Teil einer Gemeinschaft, die über die Jahre zusammen gewachsen ist. Wir haben einen langen Weg zurückgelegt und sind heute an einem ganz anderen Punkt als noch vor vier Jahren. Momentan beginnen wir die Früchte unserer Arbeit zu ernten. Deshalb wird der Moment des Abschieds kein einfacher sein. Wer weiß, vielleicht ist es auch kein Good-Bye für immer. Vielleicht ist es nur ein „Auf Wiedersehen“.
Werden Sie beide Ämter parallel ausüben?
Ich habe in Mannheim bis August 2015 verlängert und in Stuttgart beginne ich im September 2015. Ich habe bereits mehrfach zu beiden Seiten gesagt, dass ich mir durchaus vorstellen kann, ein Jahr parallel beide GMD-Stellen zu erfüllen. 2016 wird es in Mannheim einen Intendantenwechsel geben, und ich möchte das Haus vor diesem Wechsel eigentlich nicht im Stich lassen. Ich denke auch, dass das künstlerisch und von den Terminplänen her machbar ist. Das ist allein eine politische Entscheidung.
Wird das nicht zusammen mit Ihrer ausgeprägten Gastiertätigkeit etwas viel?
Da ist persönliches Organisationstalent in meinem Terminkalender gefragt. Als Chef muss man natürlich genug Zeit mit seinem eigenen Orchester verbringen. Aber für beide Seiten, Musiker und Dirigent, ist es gut, wenn Freiräume bleiben und auch mal ab und zu frischer Wind kommt.
Die Philharmoniker sind bekannt für Ihre ausgefeilte Programmdramaturgie. Haben Sie da schon Ideen?
Mir sind die Dramaturgie und die Programme der Philharmoniker bekannt. Das ist sehr bemerkenswert. Ich hoffe aber auch, dass es für jeden verständlich ist, dass ein neues Gesicht nicht nur einen neuen Klang bedeutet. Mit einem Personalwechsel geht immer eine künstlerische Neuausrichtung einher. Wir werden aber auch erfolgreich beschrittene Wege weiter gehen.
Als Chefdirigent will man ja gerne bestimmte Komponisten zyklisch aufführen. Gibt es da etwas, was Sie reizt?
Ich möchte mich ungern festlegen, bevor wir nicht angefangen haben gemeinsam zu arbeiten. Das Publikum und die Presse neigen dazu Künstlern einen Stempel aufzudrücken. Mein persönlicher Stempel ist aber Vielseitigkeit und deswegen werden wir einen anderen Weg finden.
In Stuttgart gibt es drei Sinfonieorchester: wie wollen Sie die Philharmoniker in dieser Konkurrenzsituation künftig positionieren?
Ich finde es sehr gefährlich, wenn wir mehr über die Konkurrenz als über unsere Kunst nachdenken. Die Konzentration auf das Wesentliche, die Musik, unsere Qualität und die Entwicklung unserer eigenen Identität wird uns deutlich positionieren.
Ihr Vorgänger Gabriel Feltz hat regelmäßig konzertante Opernaufführungen gemacht. Wollen Sie das fortsetzen?
Definitiv! Oper ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich gastiere an allen bedeutenden Opernhäusern der Welt. Ohne zu kritisieren, was im Regietheater zurzeit passiert, liebe ich es, Opernmusik direkt und unverstellt zum Publikum zu bringen. Es wird aufregend und spannend, wenn ein exzellentes Sinfonieorchester mit einem opernerfahrenen GMD und namhaften Opernstars in Stuttgart Opern konzertant aufführen werden!