Interview mit Daniel Töpfer „Ich will die Bürger direkt ansprechen“

Von Florian Mader 

Was war 2019? Und wie geht es weiter? Zum Jahresanfang kommen wir mit den Bürgermeistern ins Gespräch. Heute: Daniel Töpfer aus Weissach, der den Ort umkrempeln will.

Gemeinsam mit den Bürgern will Töpfer an Ideen für den Ort arbeiten. Foto: factum/Jürgen Bach
Gemeinsam mit den Bürgern will Töpfer an Ideen für den Ort arbeiten. Foto: factum/Jürgen Bach

Weissach - Was war 2019? Und wie geht es weiter? Zum Jahresanfang kommen wir mit den Bürgermeistern ins Gespräch. Heute: Daniel Töpfer aus Weissach. Nachdem er in den vergangenen Jahren die Rathausverwaltung komplett umgekrempelt hat, ist jetzt der Ort dran. Wo sich jetzt noch eine Brachfläche und ein Parkplatz befinden, will der Bürgermeister der Ortsmitte ein neues Gesicht geben.

Herr Töpfer, wir stehen hier inmitten der Brachfläche, auf der die neue Ortsmitte entstehen soll. Was steht hier, wenn wir uns in zehn Jahren wieder treffen?

Das weiß ich noch nicht und ich will mich mit eigenen Ideen bewusst zurückhalten. Wir werden fünf Planungsbüros beauftragen, die unterschiedliche städtebauliche Entwürfe für unsere Ortsmitte erarbeiten. Jedes Büro soll dabei seiner Kreativität freien Lauf lassen.

Was steht jetzt schon fest?

Wir wollen zum Beispiel seniorengerechtes Wohnen in die neue Ortsmitte integrieren. Auch eine Nutzung für das Alte Rathaus muss her, das kann nicht weiter leer stehen. Wir lassen derzeit Gutachten für die weiteren Eckdaten erstellen, etwa zum Verkehr und zum Potenzial für Einzelhandel und Gastronomie. Und wir wollen zudem von den Bürgern wissen, was sie sich wünschen und vorstellen.

Müssten Sie die Bürger nicht beteiligen, bevor der städtebauliche Wettbewerb losgeht?

Genauso kommt es! Wir beteiligen die Bürger vor allen wichtigen Planungsschritten. Bevor die Planer mit dem Wettbewerb beginnen, veranstalten wir unter anderem ein Ideencafé zu verschiedenen Themenbereichen, bei denen alle Weissacher sich aktiv einbringen können. Auch eine Onlinebefragung ist geplant.

Und wann sind hier Bauarbeiter zu sehen?

Das dauert noch eine ganze Weile. Ende dieses Jahres wollen wir den Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs küren. Auf dieser Grundlage steigen wir dann 2021 in das Bebauungsplanverfahren ein. Bis tatsächlich ein Spatenstich stattfindet, sind wir mindestens im Herbst 2021, eher sogar im Jahr 2022.

Wie lange arbeiten Sie schon an dieser neuen Ortsmitte?

Seit meinem ersten Tag hier in Weissach. Die Ortsmitte hat wirklich schlimm ausgesehen, mehrere Gebäude standen leer und haben vor sich hin geschimmelt. Es war klar: Da herrscht Handlungsbedarf. Das Problem war aber, dass die Gemeinde noch gar nicht im Besitz aller Gebäude und Grundstücke war…

…weshalb Sie sich als Immobiliengroßeinkäufer betätigt haben.

Genau. 2015 habe ich begonnen, mit den Eigentümern Gespräche zu führen.

War das mühsam?

Das war sehr mühsam. Manch einer hat wohl gehofft, selbst zu profitieren, wenn hier was Neues entsteht. Ich gebe zu, dass ich bei den Verhandlungen ein wenig zäh war (schmunzelt).

Sind Sie jetzt zufrieden? Oder hätten Sie gern noch mehr Häuser aufgekauft, um die Ortsmitte noch großflächiger entwickeln zu können?

Für den ersten Schritt sind 5000 Quadratmeter eine große Hausnummer, mit der ich zufrieden bin. Ich setze darauf, dass die Gemeinde hier Impulse setzt, die in den weiteren Ort ausstrahlen. Wenn hier mehr Frequenz, mehr Kaufkraft und eine höherwertige Umgebung entsteht, bekommen hoffentlich auch die Immobilienbesitzer drumherum Lust, ihre Immobile zu entwickeln.

Was haben Sie in diesem Jahr noch vor?

Ganz persönlich habe ich mir den Dialog mit der Bürgerschaft auf die Agenda geschrieben. Im vergangenen Jahr habe ich dazu bereits einen Test gestartet und zu einem neuen Format, dem Bürgergespräch in der Bibliothek eingeladen. Das war eine offene Gesprächsrunde. Ich hatte im Vorfeld Sorge, dass viele Bürger sich in großer Runde gar nicht öffnen. Es ist dann aber eine richtig gute Diskussion entstanden, bei der ich teilweise nur noch Zuhörer war. Das habe ich als sehr erfrischend erlebt. Solche und auch andere neue Kanäle will ich ausprobieren und intensivieren.

Zum Beispiel?

Wir haben 2019 die Ortsdurchfahrt Flacht fertiggestellt. Die Anwohner dort sind aber mit dem vielen Verkehr noch gar nicht zufrieden. Zum ersten Mal habe ich deshalb im November einen Vertreter der Anwohner in den Gemeinderat eingeladen, damit er dort seine Sicht der Dinge schildert. Ich stelle fest, dass solche Formate Anklang finden und gleichzeitig den Bürgern das Gefühl geben, dass sie aktiv bei den Prozessen involviert sind.

Vermutlich bringt sich der große Teil der Bürger trotzdem nicht in die Aktivitäten der Gemeinde ein. Sehen Sie Ihre Aufgabe auch darin, diese zu aktivieren?

Ganz klar! Nur im Rathaus zu sitzen und zu warten, bis jemand kommt – diese Einstellung wäre heute fatal. Ich verstehe meine Rolle so, dass ich die einzelnen Zielgruppen aktiv ansprechen und motivieren will, sich einzubringen. Deswegen gehe ich zu den Jugendlichen, zu den Vereinen, zum Seniorenkreis – dort habe ich diese direkten Kontakte.

Sie sind als einer der wenigen Bürgermeister hier in der Region auch auf Facebook. Kommt da viel Resonanz?

Das ist definitiv ein Kanal, der genauso angenommen wird wie E-Mail und Telefon. Mich schreiben Bürger an, wenn ein Baum in den Spielplatz ragt oder wenn es Ärger mit dem Nachbarn gibt. Erst vor zwei Wochen hat sich ein Bürger über ein Bußgeld beschwert. Da kann ich natürlich nicht per Facebook-Messenger formgerecht antworten.

Sie haben die Ortsdurchfahrt Flacht schon angesprochen, die 2019 fertig geworden ist. Weil Weissach und Flacht keine Umgehungen haben, fließt der ganze Verkehr noch durch den Ort. Eine Idee für den großen Befreiungsschlag haben auch Sie nicht, oder?

Das, was wir tun können, haben wir umgesetzt. Es gilt dort jetzt Tempo 30 und wir haben die Fahrbahn optisch verengt, sodass langsamer gefahren wird. Jetzt hoffen wir, dass der Landkreis unsere Bitte nach einem Blitzer erhört. Große Hoffnungen setzen wir auch in die neue Porsche-Südanbindung.

Die Voraussetzung, damit die Südanbindung in Betrieb geht, ist aber, dass die Kreisstraße zwischen Flacht und Mönsheim saniert ist. Das Landratsamt Enzkreis hat aber noch nicht mal damit angefangen. So schnell wird das also nichts.

Ja, das ärgert mich. Es war eine Bedingung der Gemeinde Mönsheim, dazu kann ich nichts sagen. Unsere Bedingung war, dass ein Parkhaus mit 1500 Stellplätzen vor Inbetriebnahme der Südanbindung errichtet wird – und das ist im Herbst 2020 fertig, die Kreisstraße wohl nicht.

Mönsheim prüft jetzt sogar juristische Schritte gegen den Ausbau der Kreisstraße.

Das finde ich sehr schade. Wir bedauern das deswegen, weil Mönsheim vom ersten Tag an bei allen Planungsschritten eng eingebunden war, immer zugestimmt hat – und erst jetzt mit den Bedenken um die Ecke kommt. Ich kann das auch nicht nachvollziehen, weil der Verkehr ja gar nicht durch Mönsheim selbst fließt, sondern vorher auf die Landesstraße abbiegt.

2019 war Wahl. Der Gemeinderat ist jetzt jünger und weiblicher. Merken Sie das?

Definitiv. Als immer noch junger Bürgermeister freut es mich besonders, dass wir mit Christina Wiggenhauser und Maren Zipperlen zwei junge Gemeinderätinnen bekommen haben. Das spürt man deutlich. Es macht einen Unterschied, ob ein erfahrener Mitbürger die Dinge bewertet oder ein junger Mensch, der den Blick eher nach vorne richtet. Durch die neue Fraktion der Grünen sind wir auch deutlich grüner geworden, was ich nicht als negativ, sondern als erfrischend empfinde.

Bei unserem Gespräch vor zwei Jahren hatten Sie beim Gemeinderat eine stärkere Fokussierung auf das Wesentliche gefordert. Erfüllt Ihnen jetzt das neue Gremium diesen Wunsch?

Diesen Wunsch habe ich immer noch. Wir sollten uns nicht im Klein-Klein verlieren. In den fünf Jahren, die ich jetzt Bürgermeister bin, habe ich auch gelernt, dass es manchmal gewisse Diskussionen – und seien sie noch so kleinlich – einfach braucht. Im September waren wir mit dem neuen Gemeinderat auf Klausurtagung, die produktiver war, als ich es erwartet hätte. Dort haben wir uns sehr ehrgeizige Ziele gesteckt. Deshalb sage ich: Das alles schaffen wir nur, wenn wir uns nicht im Klein-Klein verlieren.

Das neue Gemeinderatsgremium ist trotzdem selbstbewusst. Gleich zweimal schon wurden Sie überstimmt. Einmal, als es um den Ausbau eines Feldwegs nach Mönsheim ging, und einmal bei der Zahl der Planungsbüros für die neue Ortsmitte. Ihnen hätten drei gereicht, die Gemeinderäte wollten fünf. Sehen Sie das als Niederlage?

Nein, das ist ein ganz normaler demokratischer Prozess. Es wäre ja nicht im Sinne des Erfinders, wenn der Gemeinderat immer nur dem Bürgermeister folgt. Das Gremium muss selbstbewusst sein.

Sie hatten im Juni einen Bürgerentscheid zur unechten Teilortswahl vorgeschlagen. Dort wird jedem Teilort eine Anzahl der Sitze zugesichert. Umgekehrt braucht aber ein Flachter weniger Stimmen als ein Weissacher, um in den Gemeinderat gewählt zu werden. Wann kommt der Bürgerentscheid?

Wir werden das im Gemeinderat zu gegebener Zeit besprechen, es hat derzeit keine Priorität. Aber ich halte es für sinnvoll, die Bürger zu fragen: Wollt ihr die unechte Teilortswahl? Den Bürgerentscheid dazu, wenn der Gemeinderat ihn beschließt, sollte man mit einer anderen Wahl verbinden. Das bietet sich also etwa 2021 an.

Noch eine Frage, die ich unverändert bei jedem Interview stelle: Was ist der aktuelle Stand der Schadensersatzklage gegen Ihre Amtsvorgängerin Ursula Kreutel?

Auch meine Antwort ist unverändert: Das Verfahren läuft. Seit 2015 liegt es beim Verwaltungsgericht und wir warten auf einen Verhandlungstermin. Ob dieser in 2020 kommt, weiß ich nicht. Mir ist aber wichtig zu betonen: Hier im Haus haben wir an das Thema Aufarbeiten der Altlasten weitgehend einen Haken gemacht. Wir schauen nach vorne.

Im Dezember haben Sie einen Teil der Rücklagen in den Windpark Aalen–Waldhausen investiert und in einer Pressemitteilung für den Klimaschutz geworben. Im vergangenen Jahr gab es einen neuen Windatlas, nach dem gerade an der Kreisgrenze Böblingen-Ludwigsburg viel Wind weht. Werden Sie auch so euphorisch für Windkraft werben, wenn sie auf Ihrer eigenen Gemarkung droht?

Klar, aber ein so großer Windpark wie in Aalen wäre bei uns gar nicht möglich. Im Windatlas sind für Weissach 13 Standorte vorgesehen – allerdings fast alles verstreute Einzelstandorte. Wir werden uns nicht verkämpfen, allerdings halte ich die Realisierungschance eines Windrads in Weissach für sehr gering.

In Nordrhein-Westfalen hat ein Bürgermeister einen Waffenschein beantragt, weil er sich bedroht fühlt. Auch der Sindelfinger OB konnte zeitweise seine Bürgersprechstunde nur unter Polizeischutz abhalten. Fragen Sie sich manchmal gerade als junger Bürgermeister, ob Sie sich dieses rauer werdende Klima noch antun sollen?

Dieses Thema lässt mich auf keinen Fall kalt, denn die Beleidigungen und persönlichen Anfeindungen, besonders im Internet, haben spürbar zugenommen. Die Grenze des Erträglichen wird immer häufiger überschritten. Allerdings bin ich der Meinung, dass sich gerade meine Generation mutig und hörbar gegen diese gesellschaftlichen Veränderungen stellen muss. Dieser Klientel, die häufig laut, aber nur wenige sind, darf keine Bühne geboten werden, den guten Anstand im Miteinander zu beschädigen.