Interview mit Daniela Schadt „Es geht mir um Ermutigung“

Von StZ 

Exklusiv Daniela Schadt, Lebensgefährtin des Bundespräsidenten, spricht im Interview mit der Stuttgarter Zeitung über ihr ehrenamtliches Engagement, pubertierende Jugendliche und Matheschwächen.

Daniela Schadt fordert mehr Bildungsgerechtigkeit Foto: Georg Moritz
Daniela Schadt fordert mehr Bildungsgerechtigkeit Foto: Georg Moritz
Berlin – - Im März 2012 wurde Joachim Gauck als neues Staatsoberhaupt gewählt. Mit dem Einzug ins Schloss Bellevue begann auch für seine Lebensgefährtin eine völlig neue Zeit. Im Interview spricht Daniela Schadt über ihr Rollenverständnis und ihr ehrenamtliches Engagement.
Frau Schadt, wie denken Sie über den Ausdruck „First Lady“?
Eigentlich trifft es die Sache ja nicht, der Begriff gehört in andere politische und geografische Regionen. Aber da ich früher bei der Zeitung gearbeitet habe, weiß ich: Man muss Begriffe manchmal kurz und knapp in eine Artikelüberschrift bringen können. Und da jeder weiß, was gemeint ist und um wen es geht, habe ich es akzeptiert.
Wie erleben Sie diese Rolle?
Man läuft ja nicht durch die Welt und denkt sich: Ich bin jetzt „First Lady“. Man findet sich in eine solche Funktion ein – so wie in andere Aufgaben auch. Aber natürlich ist es eine herausgehobene Position, und ich versuche, dieser gerecht zu werden.
Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt wurde?
Ich habe kurz die Luft angehalten und mir gesagt: Jetzt schau erst mal, was genau passiert. Und meine Aufmerksamkeit war zunächst völlig absorbiert von dem, was da auf mich zukam und was von mir erwartet wurde. Alles war neu und daher war klar, dass ich mit Überraschungen zu rechnen hatte. Die gibt’s auch heute noch immer wieder.
Was waren die spannendsten Momente in Ihrem neuen Leben?
Da fällt es mir schwer, eine Art „Ranking“ aufzustellen. Natürlich ist es aufregend, in Buckingham Palace empfangen zu werden. Aber auch ganz andere Veranstaltungen haben mich beeindruckt, etwa die Eröffnung der Special Olympics – also der nationalen Sportspiele für Menschen mit geistiger Behinderung – in München 2012: Dort war eine derart fröhliche und euphorisierende Stimmung, dass wir alle völlig mitgerissen wurden. Aber es gibt auch bei ganz unspektakulären Terminen immer wieder Begegnungen, die mich überraschen und richtig aufbauen. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Besuch einer Gesamtschule in Duisburg. Die Lehrer bieten dort eine Lyrik AG an – 16-jährige Mädchen und Jungs, die Gedichte schreiben. Das finde ich toll!
Sie engagieren sich für Bildungsgerechtigkeit. Warum gerade für dieses Thema?
Das ist ja kein wirklich exotisches Thema; auch meine Vorgängerinnen haben sich auf diesem Feld engagiert. Ich habe nur den Schwerpunkt etwas verschoben: von den Vor- und Grundschulkindern zu den Jugendlichen. Die Pubertät ist ein schwieriges Alter, die Jugendlichen sind oft ruppig, manchmal garstig, tragen sonderbare Kleider und hadern mit sich und der Welt. Zugleich aber sollen sie die Weichen stellen für ihr ganzes künftiges Leben. In dieser Lebensphase gibt es Schwierigkeiten, die sich nicht einfach mit einem bisschen guten Willen und Elan beiseiteschieben lassen. Manchmal braucht es auch die Unterstützung von außen.
Wo herrscht der größte Handlungsbedarf?
Das Problembewusstsein ist da, und es wird auch schon wirklich viel gemacht. Wichtig ist, dass alle Institutionen – Ämter, Vereine, private und öffentliche Organisationen und natürlich Schulen – an einem Strang ziehen, um Jugendlichen zu helfen, wenn sie Hilfe brauchen. Da lässt sich noch manches verbessern. Bildungsgerechtigkeit hängt aber auch entscheidend vom Engagement der jeweiligen Schulleitung und der Lehrer ab. Man kann Kinder und Jugendliche in erstaunlichem Maße motivieren. Das ist nicht nur eine akademisch-pädagogische Frage, es bedarf des persönlichen Zugangs. Da braucht es Menschen, die sich das zutrauen, die nötige Energie aufbringen und sowohl die Ausbildung als auch das Selbstbewusstsein haben, sich auf eine Horde von aufsässigen Halbwüchsigen einzulassen. Diese Menschen verdienen unsere Aufmerksamkeit und unseren Respekt.
Wie haben Sie persönlich Ihre eigene Schulzeit in Erinnerung?
Ich bin eigentlich gerne zur Schule gegangen, natürlich nicht jeden Tag mit der gleichen Begeisterung, aber ich hatte in der Regel Freude am Lernen; zumindest in den Fächern, die mich interessiert haben. Und außerdem waren da ja meine Freundinnen. Im Gymnasium meiner Kleinstadt herrschten damals geradezu idyllische Verhältnisse, wenn man es mit manchen Brennpunktschulen von heute vergleicht. Man wird wohl nie jeden Schüler für jedes Fach begeistern können. Aber es ist schon viel gewonnen, wenn man Kindern vermittelt, dass Lernen Freude bereiten kann, dass es Chancen eröffnet, die wir nutzen sollten.
Sind Lehrer für Sie die Helden des Alltags?
Ja, unbedingt. Sehr viele zumindest. Es gibt natürlich – wie in allen Bereichen – welche, die sehr engagiert sind, und andere, die es weniger sind. Aber es ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Versuchen Sie mal einem Teenager beizubringen, dass das Rechnen mit Hyperbeln wichtig ist für seinen weiteren Lebensweg. Nicht alle werden das unmittelbar einsehen.
Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?
Ich war auf dem Sprachzweig eines Gymnasiums und hatte es nicht so furchtbar mit Mathematik und Naturwissenschaften. Was natürlich aus meiner heutigen Perspektive ziemlich blöd war. Aber es hat mich geärgert, dass du bei mathematischen Formeln oder Naturgesetzen keinerlei Einflussmöglichkeiten hast. Nehmen wir zum Beispiel die Geometrie: Die Formel a² + b² = c² gilt immer und unter allen Umständen – das schien mir langweilig. Und es dauerte Jahre, bis ich verstand, was das Faszinierende daran ist. Diese Unveränderlichkeit hat auch etwas Antiautoritäres: Kein König, kein Diktator, kein Papst kann sie aufheben, trotz all ihrer Machtfülle. Wenn man mir damals Mathematik unter diesem Gesichtspunkt nähergebracht hätte, wäre mein Interesse sicher stärker gewesen.
Haben Sie bei Ihren Gesprächen und Begegnungen selbst etwas gelernt?
Mit vielen Themen habe ich mich ja schon als Journalistin beschäftigt. Ich kannte die Zahlen und Statistiken und wusste zum Beispiel, wie viele Menschen sich in Deutschland ehrenamtlich engagieren. Aber es ist etwas ganz anderes und sehr beeindruckend, wenn man diese Menschen persönlich kennenlernt und sich Zeit nimmt für Gespräche und dabei nicht daran denken muss, welche Formulierung unbedingt als Zitat in deinem Artikel auftauchen muss.
Was können Sie eigentlich bewirken?
Es ist sicher mehr, als ich anfangs dachte. Wenn ich eine beispielhafte Institution besuche, erzeugt das Aufmerksamkeit. Mir geht es darum, Probleme, aber auch Lösungen ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Es ist wichtig zu sehen und zu benennen, was nicht funktioniert in unserer Gesellschaft. Die ausschließliche Konzentration auf Negatives ist eine Wahrnehmungsverzerrung, und ich befürchte, dass sie bei vielen Menschen eher Resignation erzeugt. Ich möchte den Menschen klarmachen: Du kannst Dich auf ganz vielfältige Weise einsetzen, und es lohnt sich. Es geht mir um Ermutigung.
Ist Chancengerechtigkeit eine Geldfrage?
Nein, nicht ausschließlich. Aber es wäre blauäugig zu behaupten, dass der Status der Eltern für die Chancen ihrer Kinder überhaupt keine Rolle spiele. Das reicht von konkreten Dingen wie privatem Nachhilfeunterricht bis zu psychischen Dispositionen, etwa dem selbstbewussten Auftreten bei Bewerbungsgesprächen. Aber wer nichts kann und sich stattdessen nur auf Papas gute Beziehungen verlässt, wird es auch nicht weit bringen – jedenfalls nicht auf lange Sicht.
Wenn der Finanzminister Ihnen zehn Millionen Euro für Ihre Anliegen bereitstellen würde – was würden Sie damit anfangen?
Da könnte ich aus dem Stand sehr, sehr viele Projekte nennen, die es wert wären, etwas üppiger finanziert zu werden. Die zehn Millionen hätte ich an einem Nachmittag verteilt; dann wären sie weg, und es blieben immer noch Wünsche offen. Mir ist daher sehr bewusst, dass die verantwortlichen Politiker, die über solche Zuschüsse entscheiden, sehr schwierige Abwägungen zu treffen haben.
Ihr Mann kümmert sich um die große Politik, Sie um Erziehungsfragen. Stört es Sie nicht, dass dies einem sehr konservativen Rollenmodell entspricht?
Ehrlich gesagt: Nein. Wenn ich mich selbst als politische Akteurin hätte einbringen wollen – und ich respektiere jeden, der das tut – hätte ich für ein Amt kandidieren müssen. Gleichzeitig stelle ich jeden Tag von neuem fest, dass mir mein Ehrenamt so viele Möglichkeiten bietet und so viel Freude macht, wie ich es früher nie gedacht hätte.