Interview mit DBS-Präsidenten Beucher „Weltsportgeschichte geschrieben“

„Ich persönlich glaube, dass Markus Rehm keinen Vorteil hat“, sagt der DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher. Foto: Baumann
„Ich persönlich glaube, dass Markus Rehm keinen Vorteil hat“, sagt der DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher. Foto: Baumann

Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, Friedhelm Julius Beucher, spricht im Interview über die Bedeutung des Weitsprungstitels für Markus Rehm.

Sport: Tobias Schall (tos)
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Stuttgart - - Der unterschenkealmputierte Weitspringer Markus Rehm hat die Sportwelt verändert. Morgen wird der Deutsche Leichtathletik-Verband verkünden, ob der 25-Jährige für die EM nominiert wird. Bis dahin sollen erste Ergebnisse der biomechanischen Untersuchung seiner Sprünge vorliegen. Für Friedhelm Julius Beucher, den Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), hat Rehm aber unabhängig vom Ausgang schon jetzt Sportgeschichte geschrieben.

Herr Beucher, was ging Ihnen durch den Kopf, als Markus Rehm mit 8,24 Meter deutscher Meister im Weitsprung geworden ist.
Unglaublich, dachte ich. Ich habe ihm vor einiger Zeit schon gesagt: Markus, ich sehe dich über acht Meter springen. Ich wusste, dass etwas geht, er hat fantastisch trainiert und er ist frei von Verletzungen geblieben – aber das? Daran habe ich ehrlich gesagt nicht im Leben geglaubt. Der Junge hat in Ulm Weltsportgeschichte geschrieben. Ein Mensch mit einer Prothese ist Deutschlands bester Weitspringer. Wenn das vor 20 Jahren jemand gesagt hätte, hätte man ihn zum Arzt geschickt. Seit Sonntag verfolge ich mit entsprechend großer Freude und voller Stolz die Medienlandschaft.
Was bedeutet dieser Erfolg für den Behindertensport?
Das ist eine weitere Demonstration des Leistungsvermögens von Menschen mit Behinderung. Markus hat mit dieser Leistung in einer Art und Weise das Blickfeld erweitert, wie es noch vor Wochen und Monaten nicht vorstellbar war. Das ist Sportgeschichte. Früher konnte man sich nicht vorstellen, dass man sich mit dem Rollstuhl mehr als bewegen kann – an Sport war nicht zu denken. Und heute diskutieren wir darüber, ob Behinderte einen Vorteil gegenüber Nichtbehinderten haben. Ob sein kann, was eigentlich nicht sein kann.
Die Steigerung seiner Bestweite um gleich 29 Zentimeter hat die Debatte um Chancengleichheit aber noch einmal befeuert.
Kritiker können bei jeder Verbesserung immer leicht sagen, dass er halt jedes mal eine bessere Prothese hat. Aber das ist ungerecht. Markus ist ein Ausnahmeathlet, er ist sehr diszipliniert, er trainiert hart und hat sich so permanent weiter entwickelt.
Und doch steht eben zumindest der Verdacht im Raum, dass Rehm durch seine Prothese am Sprungbein einen Leistungsvorteil gegenüber Nichtbehinderten hat.
Aktuell mischen sich Glaubensfragen mit Wissenschaftsfragen. Ich persönlich glaube, dass Markus keinen Vorteil hat, aber ich unterwerfe mich selbstverständlich dem Urteil der Wissenschaft. Beim Laufen zum Beispiel bin ich mir sicher, dass etwa der Vorteil der Nichtermüdung durch den eklatanten Nachteil beim Start und in den Kurven ausgeglichen wird. Dort ist die Prothese dem menschlichen Fußgelenk hoffnungslos unterlegen.
Und wenn die Untersuchungen nun einen Vorteil für Rehm ergeben?
Ich habe keine Angst vor einem möglichen Ergebnis dieser Art. Aber grundsätzlich braucht es dazu lange Vergleichsstudien. Mit einem Sprung kann man das nicht abschließend bewerten, das sagt zum Beispiel auch Professor Gert-Peter Brüggemann von der Sporthochschule in der Köln, der einst Gutachten im Fall Oscar Pistorius erstellt hat. Aber klar ist: Markus Rehm ist Sportler – und wenn es so ist, ist es eben so.
Aber lassen sich Leistungen von Behinderten und Nichtbehinderten vergleichen?
In manchen Bereichen lässt sich das vergleichen. Wer anstelle des Beins eine Prothese hat und die nur das fehlende Bein ausgleicht und keine Verbesserung darstellt, ist das natürlich vergleichbar.
Diese Entscheidung treffen Biomechaniker, aber ist das nicht auch eine sportpolitische Entscheidung, ob man die Trennung von Behinderten und Nichtbehinderten im Sport beginnt aufzulösen?
Das ist keine sportpolitische Frage. Es hängt vielmehr mit Ethik zusammen. Ich muss fragen, ob ich jemanden ausschließen will, nur weil ihm ein Bein oder eine Hand fehlt. Im Zusammenhang mit Prothesen fällt ja leider oft das böse Wort vom Techno-Doping. Doping heißt Betrug – und Doping ist kriminell. Hier geht es nicht um Betrug. Hier werden Prothesen benutzt, die Sporttreiben überhaupt erst ermöglichen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir sagen ganz kühl und gelassen: Wir lassen das alles untersuchen, und wenn es keinen Vorteil gibt, warum sollten Behinderte dann nicht gegen Nichtbehinderte antreten?
Prothesen werden ständig weiterentwickelt und können so den Nachteil immer stärker überkompensieren. Auch bei den Paralympics gibt es immer wieder Debatten über mögliche Materialvorteile einiger Athleten im Vergleich zu anderen Startern. Bei den Paralympics 2012 in London fiel bei Sportlern das Wort „Materialschlacht“.
Der Behindertensportler per se ist kein besserer Mensch. Er unterliegt den Mechanismen des Wettbewerbs wie alle anderen auch. Fairness, Unfairness, Neid und Nicht-Neid. Da ist der Mensch Mensch. Vor zwanzig Jahren gab es einen Sportrollstuhl für 1000 Mark, heute kostet ein individuell perfekt zugeschnittener Rollstuhl mit Karbon und allen technischen Finessen um die 7500 Euro. Die Schraube dreht sich weiter nach oben, und ein Ende ist nicht absehbar – das ist aber nicht nur im Behindertensport so, sondern auch bei allen anderen Sportgeräten so, denken Sie nur an die Hightech-Räder bei der Tour de France.
Und wie lässt sich das lösen?
Es gibt ja die Überlegung einer Einheitsprothese, aber ich weiß nicht, wie das funktionieren soll. Die Anpassung der Prothese an den Stumpf muss zum Beispiel individuell sein, damit geht es schon los. Wir stehen noch am Anfang einer Debatte, die ich nicht dadurch löse, dass ich sie verbiete.

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