Interview mit Dekan aus Nagold „Christen müssen enger zusammenrücken“

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An Fronleichnam werden zum Christustag 20.000 Gläubige in Stuttgart erwartet. Erstmals seit 1989 findet die Großveranstaltung konservativer evangelischer Christen wieder in einem Stadion zentral für ganz Deutschland statt. Der Nagolder Dekan Ralf Albrecht gehört zu den Organisatoren.

Der Nagolder Dekan Ralf Albrecht  hat seit 2010 federführend an der Organisation des Christustages 2014 mitgewirkt. Foto: privat
Der Nagolder Dekan Ralf Albrecht hat seit 2010 federführend an der Organisation des Christustages 2014 mitgewirkt. Foto: privat
Stuttgart – - Am Donnerstag werden in der Mercedes-Benz-Arena rund 20 000 Gläubige beim Christustag erwartet. Vorsitzender des Lenkungskreises für die von konservativen evangelischen Gruppierungen organisierte Großveranstaltung ist Ralf Albrecht, Dekan aus Nagold.
Herr Albrecht, sind die Vorbereitungen für den Christustag abgeschlossen?
Ja. Wir sind richtig gespannt und nervös im besten Sinne. Wenn das Wetter nun auch noch gut wäre, wäre das genial.
Wann haben die Vorbereitungen begonnen?
Seit 2010 haben wir uns mit dem Gedanken getragen, den Christustag mal wieder zentral und für ganz Deutschland in Stuttgart zu veranstalten.
Wie häufig findet der Christustag statt?
Jedes Jahr an Fronleichnam, oft aber dezentral und nur auf Baden und Württemberg beschränkt, an 15 bis 20 Orten. Dieses Jahr findet der Christustag seit Langem mal wieder zentral statt. 2005 waren wir auf dem Killesberg und 1989 zuletzt im Stadion, das damals noch Neckarstadion hieß.
Was ist diesmal der Themenschwerpunkt?
Absoluter Themenschwerpunkt ist die Reformation, die nun fast 500 Jahre zurückliegt, und die Frage, was dieser Glaube in der Kirche erneuert hat und was er auch weiter erneuern kann.
Das Einzugsgebiet ist ganz Deutschland?
Ja, wobei man sagen muss, dass ein guter katholischer Feiertag wie Fronleichnam doch nur leicht jenseits des am Main verlaufenden Weißwurst-Äquators gefeiert wird. Die meisten Menschen werden also wohl aus dem Süden und der Mitte Deutschlands kommen.
Neben dem alle zwei Jahre stattfindenden Kirchentag ist der Christustag in dieser Form die wohl zweitgrößte Veranstaltung überhaupt, bei der sich evangelische Christen in Deutschland versammeln.
So ist es. In diesem Jahr werden wir sogar die größte evangelische Veranstaltung sein. Wobei der mehrtägige Kirchentag natürlich eher Festivalcharakter und nochmals eine ganz andere Dimension hat.
Manche sagen, der Christustag habe sich zu einer Art Gegenkirchentag der konservativen Gruppen entwickelt.
Das stimmt so auf keinen Fall. Schon deshalb nicht, weil es den Christustag seit 58 Jahren gibt. Und er ist nicht gegen etwas entstanden. Aber der Christustag ist eine lange Tradition der konservativen evangelischen Christen im Land.
Aber beim Kirchentag 1969 in Stuttgart, der politisch sehr aufgeheizt war, kam es zum Eklat zwischen den Richtungen. Damals sind die kirchenpolitischen Parteien entstanden, die heute das Geschehen prägen.
Es ist richtig, dass die Leute sich damals aufgemacht und gesagt haben: Für das, was mir an der Kirche wichtig ist, werde ich auch aktiv. Dann haben sie verschiedene Initiativen gegründet, Studienhäuser, weltweite Entwicklungshilfewerke. Das hat sich zu einem bestimmenden Faktor in unserer Kirche entwickelt. Das Gespräch zwischen diesen Gruppen ist heute aber viel unproblematischer, als man denkt.
Klingt arg harmonisierend.
Ich sehe diese Richtungen nicht als streitbare Gegengruppierungen, man verständigt sich durchaus. Aber wenn es etwa um die Frage des Lebensschutzes vom Anfang bis ganz am Ende geht, gibt es natürlich recht unterschiedliche Positionen.
Erst jüngst haben sich die Konflikte zwischen fortschrittlichen und konservativen Gruppen wieder gezeigt, beim Familienpapier der EKD oder beim Thema Homo­sexualität im geplanten Bildungsplan der grün-roten Landesregierung. Für die Kritik an weiteren Liberalisierungen stehen durchaus auch die Gruppen des Christustags.
So einlinig kann man das nicht sagen. Auch im Landtag ist doch die Normalität, dass die verschiedenen Parteien diskutieren, aber dass sie das in einem Landtag eben mit verschiedenen Profilen tun. So ist das auch bei uns. Wir sind auch in der Landeskirche mit vielen im Gespräch, vertreten unsere Positionen unerschrocken, ohne deswegen nicht dialogbereit zu sein.
Was ist beim Christustag anders als beim Kirchentag der EKD?
Wir beginnen immer ganz grundlegend und vom innersten geistlichen Kern her. Uns geht es zunächst weniger darum, was die tagesaktuellen, auch die politischen Gegebenheiten sind. Entscheidend ist: Was bedeutet Jesus Christus für uns? Das Spirituelle steht mehr im Mittelpunkt. Aber es geht bei uns auch um politische Fragen, um gesellschaftliche Verantwortung, um Armut, um Christenverfolgung.
Nächstes Jahr wird der Christustag im Rahmen des Kirchentages stattfinden. Ist das ein Zeichen einer Annäherung der Lager?
Das ist so. Die Frage ist, was man miteinander tun kann, auch wenn man theologisch hüben wie drüben gegenseitig nicht immer alles gutheißen kann. Aber ein Grund, dass wir den Christustag nächstes Jahr im Rahmen des Kirchentages feiern, ist einfach auch eine Terminüberschneidung.
Man hat den Eindruck, die Einheit der evangelischen Kirche wird wieder stärker betont.
Nicht nur die Einheit der Kirche ist wichtig, sondern auch die Einheit der Christen über die verschiedenen Kirchen hinweg. Wir haben auch gute Kontakt zu Freikirchen oder zu vielen Vertretern der katholischen Kirche. Alle, die mit Ernst glauben, müssen in unserer Zeit viel enger zusammenrücken. Das versteht kein Mensch mehr, wenn wir uns über Kleinigkeiten streiten. Man muss das Grundlegende gemeinsam vertreten.
Warum?
Das ist wichtig, damit die Menschen, die im Blick auf Religion weiter gewaltig auf der Suche sind, eine Orientierung bekommen. Die Verhältnisse dürfen nicht zu unübersichtlich und überkomplex sein.

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