Interview mit Dekan Liebendörfer „Online-Gottesdienste werden viel geklickt“

Der Dekan Bernd Liebendörfer erzählt, wie sich Kirche in vierzig Jahren geändert hat – und welche Auswirkungen Corona hat.

Die Böblinger Stadtkirche ist der Sitz des Dekans  Bernd Liebendörfer. Im September geht er in den Ruhestand. Foto: factum/Simon Granville
Die Böblinger Stadtkirche ist der Sitz des Dekans Bernd Liebendörfer. Im September geht er in den Ruhestand. Foto: factum/Simon Granville

Böblingen - Der Termin für die Verabschiedung steht: Am 21. Juli sagt der Böblinger Dekan Bernd Liebendörfer Ade. Offiziell geht er Ende September in den Ruhestand. Doch in welchen Rahmen er seinen Abschied begeht, ist im Moment noch völlig ungewiss – wie so vieles andere auch in Corona-Zeiten. Der Kirche beschere die Krise aber mehr Zulauf – bei den Online-Angeboten, erzählt der ­ 65-Jährige im Interview.

Herr Liebendörfer, Ihre letzten Arbeitsmonate hatten Sie sich sicher anders vorgestellt.

Ja, aber das geht ja den meisten Menschen so. Corona-bedingt ist alles anders.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihren Arbeitsalltag aus?

Wochenlang ist alles ausgefallen: Es gab keine Gottesdienste, keine Jugendgruppen, keine Seniorennachmittage. Jetzt sind wir damit beschäftigt, die neuen Vorschriften zur Lockerung umzusetzen. So dürfen unsere Gottesdienste nicht länger als 35 Minuten dauern. Singen ist nicht erlaubt. Nur 35 Besucher dürfen gleichzeitig in die Stadtkirche. Das schreckt viele ab. Der Gottesdienstbesuch ist verhalten. Kopfzerbrechen bereitet uns die Wiederöffnung der Kindergärten im Kirchenbezirk. Erst am Samstag kamen die Anweisungen des Landes. Die müssen wir jetzt schnell in unseren Einrichtungen umsetzen.

Sie müssen viel improvisieren?

Ja. Noch völlig unklar ist, ob unser Waldheim im Sommer stattfinden kann. Denn eines ist klar: Mit den Abstandsregeln funktioniert ein Waldheim nicht.

Dann stehen aber viele Eltern vor dem nächsten Betreuungsproblem.

Wir haben der Stadt angeboten, uns an einer Notbetreuung für die Ferien zu beteiligen. Dafür würde sich das Waldheim gut eignen. Und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben wir.

Die Kirche betreibt auch Altenheime. Wie ist dort die Situation?

Der Landkreis hat die Bewohner und Mitarbeiter aller Seniorenheime im Kreis testen lassen. Sehr froh sind wir, dass sich in unserem eigenen Heim Sonnenhalde in Böblingen niemand infiziert hat. Aber es war und ist eine sehr belastende Zeit für die Bewohner, die keine Besuche erhielten. Zudem sind sämtliche Angebote wie Gruppentreffen und Gottesdienste ausgefallen.

Mal abgesehen von Corona zum Schluss Ihrer Dienstzeit: Sie sind nun fast 40 Jahre Pfarrer. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Da hat sich gewaltig was geändert. Als ich 1982 anfing, war es noch selbstverständlich für viele Menschen, zur Kirche dazuzugehören. Heute ist das anders, seit Jahrzehnten nimmt die Zahl unserer Mitglieder ab. Das geht aber auch anderen großen Organisationen so.

Woran liegt das? Ist die Kirche irgendwann stehen geblieben?

Nein. Wir haben immer wieder neue Ideen umgesetzt. Als es die Menschen in den 1980er Jahren sonntags eher ins Grüne als in die Kirche zog, haben wir Gottesdienste im Grünen etabliert. Als die direkte Kommunikation schwierig wurde, haben wir Gemeindebriefe verschickt, später sind wir online gegangen. Wir machen Zielgruppenarbeit mit Tauferinnerungsgottesdiensten, Mutter-Kind-Gruppen, Taizé-Gottesdiensten. Vieles wird gerne angenommen. Den Mitgliederschwund konnten wir trotzdem nicht stoppen. Auch Kinder und Jugendliche erreichen wir immer weniger. Das hängt mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie der Ganztagsschule zusammen. Da bleibt keine Zeit für die Jungschar.

Vielleicht sind die jungen Leute mehr mit Daddeln beschäftigt: Wie sieht es mit der Digitalisierung in der Kirche aus?

Auch das ist ein großes Thema, das unsere Arbeit gewaltig verändert hat. Noch Ende der 1990er Jahre wurde in vielen Pfarrämtern diskutiert, ob man überhaupt einen Computer braucht. Jetzt in der Corona-Krise haben sich sehr schnell Angebote wie Online-Gottesdienste etabliert. Die werden erstaunlich viel geklickt. Wir erreichen mehr Leute als sonst mit normalen Gottesdiensten.

Ist das vielleicht der künftige Weg der Kirche, mehr Menschen zu erreichen?

Das müssen wir abwarten. In Krisenzeiten sind wir immer stärker gefragt. Das zeigt schon das alte Sprichwort „Not lehrt Beten.“ Im Übrigen kenne ich viele Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, uns als Institution aber für wichtig halten.

Warum?

Gefragt ist Kirche immer, wenn es um heikle ethische Fragen geht, wie sie sich am Beginn und Ende des Lebens stellen. Unsere Positionen bei Themen wie pränataler Diagnostik oder Sterbehilfe – die finden Beachtung.

Nun tummeln sich in den Kirchengemeinden ja Menschen jeglicher politischer Couleur: von friedensbewegten Linken über Flüchtlingsunterstützern bis hin zu AfD-Wählern. Ist das ein Problem?

Wir haben in den Gemeinden die ganze Bandbreite, eine große Vielfalt an Einstellungen und Meinungen. Die stehen nebeneinander.

Das klingt nach Beliebigkeit.

Nein, das gerade wollen wir nicht. Als Pfarrer, als Seelsorger bin ich für alle Menschen da. Trotzdem habe ich eine eigene Position, die ich auch vertrete. Die Württembergische Kirche steht in der Tradition des Pietismus. Aber heute sind wir keineswegs nur konservativ.

Viele Muslime haben keine Probleme damit, ihren Glauben nach außen zu tragen. Die Christen tun sich damit schwer.

Es ist nicht unsere Tradition, öffentlich lautstark zu beten. Der Glaube im stillen Kämmerlein passt da eher. Trotzdem sind wir als Kirche in der Gesellschaft sehr präsent, vor allem in sozialen Fragen, mit unserer Diakonie, unseren Kindergärten, unseren Beratungsstellen.

Was ist für Sie das Schönste in Ihrem Beruf? Was waren die Höhepunkte in den vergangenen Jahrzehnten?

Es sind vor allem die vielen persönlichen Begegnungen mit Menschen, es ist die Seelsorge; immer dann, wenn mir Menschen erzählen, wie sie ihr Leben bewältigen. Geprägt haben mich aber auch die vielen Reisen zu unseren Partnerkirchen in Rumänien, in der Slowakei, in Frankreich, Indien und Indonesien. Da habe ich die Vielfalt der Kirchen kennen und schätzen gelernt.

Was planen Sie für den Ruhestand?

Mein Engagement in Indonesien hat mir einen Lehrauftrag an einer kirchlichen Hochschule dort beschert. Ich werde in jedem Sommer ein zwei- bis dreiwöchiges Blockseminar halten. Und ich werde mehr Zeit für Sport haben. Ich bin ein begeisterter Triathlet.

Können Sie jungen Leuten heute noch raten, Pfarrer zu werden?

Ja, auf jeden Fall.




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