InterviewInterview mit dem Audi-Technikchef Stefan Knirsch „Die Mobilität der Zukunft wird nachhaltig sein“

Von Walther Rosenberger 

Der Wolfsburger VW-Konzern bündelt seine Brennstoffzellenforschung bei Audi in Neckarsulm. Damit wird Baden-Württemberg Dreh- und Angelpunkt einer Schlüsselinnovation für das Fahren der Zukunft.

Ist seit Anfang dieses Jahres Technikvorstand bei Audi: Stefan Knirsch Foto: Audi AG
Ist seit Anfang dieses Jahres Technikvorstand bei Audi: Stefan Knirsch Foto: Audi AG

Stuttgart -

Herr Knirsch, wie sieht Audi die Mobilität der Zukunft?
Die Mobilität der Zukunft wird nachhaltig sein. Autos werden dank modernster Antriebe und Leichtbautechnologien CO2-neutral betrieben. Vor allem aber werden wir in nicht allzu ferner Zukunft hochautomatisiert und später dann sogar vollautonom fahren. Audi ist hier auf einem guten Weg. Unsere Fahrzeuge können heute schon über mehrere Sekunden ohne Eingriffe des Fahrers eigenständig fahren. Technisch könnten wir bereits deutlich mehr darstellen, wollen aber im Moment noch nicht, dass der Fahrer seine Konzentration zu stark anderen Dingen zuwendet. Noch hat er derzeit die volle Verantwortung fürs Fahren. Nächstes Jahr werden wir als voraussichtlich erster Hersteller weltweit im neuen Audi A8 ein hochautomatisiertes System in Serie bringen. Dieses Fahrzeug wird dann komplett die Regie übernehmen können. Bei unvorhergesehenen Ereignissen warnt das Fahrzeug den Fahrer rechtzeitig, damit genügend Zeit zum Eingreifen bleibt.
Das funktioniert allzeit und auf allen Wegen?
Wir reden im Moment über Stausituationen auf Autobahnen. Das ist das Szenario, das derzeit technologisch beherrschbar ist. Landstraßen und Stadtverkehr sind deutlich komplexere Verkehrssysteme. Die Automatisierung hier wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Das hört sich theoretisch gut an. Für die Praxis ist so eine Technologie aber im Moment irrelevant. Deutsche Gesetze erlauben es im Moment doch noch gar nicht, so ein Fahrzeug in Betrieb zu setzen, oder?
Es gibt rechtliche Einschränkungen, das stimmt. Eine automatisierte Lenkung oberhalb von zehn Stundenkilometern ist momentan gesetzlich nicht erlaubt. Einparken geht also, mehr aber nicht. Der Gesetzgeber überarbeitet aber derzeit die entsprechenden Regelungen. Wir gehen davon aus, dass bis zum Serienstart des Audi A8 im Jahr 2017 in Europa die gesetzlichen Grundlagen geschaffen sind, die hochautomatisiertes Fahren ermöglichen.
Der A 8 ist eine Oberklasse-Limousine. Wann werden entsprechende Technologien auch in preisgünstigen Fahrzeugen zu haben sein?
Die Entwicklung ist eindeutig. Das automatisierte Fahren wird demokratisiert werden und zu gegebener Zeit auch in untere Segmente einziehen.
Ein tödlicher Unfall mit einem Tesla hat jüngst die Euphorie beim Thema automatisiertes Fahren eingebremst. Was genau ist da passiert?
Das kann ich nicht sagen. Uns liegen hierzu keine offiziellen Informationen vor. Auf Basis der Berichterstattung in den Medien kann man zu der Erkenntnis gelangen, dass eine Fehleinschätzung des Fahrers vorlag. Aus technologischer Sicht ist die Automatisierung des verunglückten Autos allerdings nicht mit den Systemen vergleichbar, die Audi im kommenden Jahr in Serie bringt. Wir werden dann eine Entwicklungsstufe weiter sein. Unsere Fahrzeuge werden beispielsweise den Fahrer unterstützen und ihn gegebenenfalls frühzeitig warnen.
Volkswagen hat Anfang des Jahres angekündigt, die Konzern-Brennstoffzellenentwicklung in Neckarsulm bei Audi zu bündeln. Warum gebührt ihnen diese Ehre?
Neckarsulm ist traditionell ein Zentrum der Wasserstoff- und Brennstoffzellenforschung im VW-Konzern. Der erste Brennstoffzellen-Audi – ein A2 – wurde 2002 hier in Neckarsulm entwickelt. Daher lag es nahe, diese Kompetenzen weiter auszubauen. Die Serien- und Vorserienentwicklung wird nach Neckarsulm gezogen. Wir werden den Standort hier stark ausbauen. Die Konzernforschung in Isenbüttel und das Brennstoffzellen-Komponentenwerk in Salzgitter werden weiter an ihren Standorten bleiben.
Wie stark wird Neckarsulm profitieren?
Derzeit haben wir hier etwa 70 Mitarbeiter, die an der Brennstoffzelle forschen. Das Team soll auf mindestens 100 Mitarbeiter aufgestockt werden.
Bislang ist der Volkswagen Konzern beim Thema Brennstoffzelle hintendran. Mit dem Mirai hat Toyota schon ein entsprechendes Fahrzeug im Markt. Daimler folgt 2017 mit dem Brennstoffzellen-Geländewagen GLC. Wann kommt der erste Brenstoffzellenflitzer aus dem Volkswagen Konzern?
Irrtum! Technologisch könnten wir das schon heute. Audi beschäftigt sich schon seit über zehn Jahren mit Brennstoffzellenkonzepten und entsprechenden Versuchs- und Technikträgern. Mit unseren h-tron Entwicklungsfahrzeugen, etwa dem A7 Sportback h-tron, demonstriert die Marke, dass sie die Brennstoffzellentechnologie beherrscht – und zwar in einer Ausprägung, die perfekt zu ihr passt. Audi kann in die Serienproduktion einsteigen, sobald der Markt und die öffentliche Infrastruktur es rechtfertigen. Der Knackpunkt liegt eben genau dort. Wir brauchen mehr Wasserstofftankstellen, bevor es wirtschaftlich Sinn hat, entsprechende Autos in größeren Stückzahlen auf den Markt zu bringen. Die von der Bundesregierung angestrebten 400 Wasserstofftankstellen bis 2023 sind das absolute Minimum. Im Moment gehen wir davon aus, dass Audi vor diesem Hintergrund nicht vor 2020 ein eigenes Brennstoffzellenfahrzeug in Serie anbieten wird.
Was sind die Vorteile der Brennstoffzelle gegenüber anderen Antrieben?
Wenn man den Wasserstoff regenerativ erzeugt, ist ein Brennstoffzellenfahrzeug CO2-frei. Brennstoffzellenfahrzeuge wiegen zudem 250 bis 300 Kilogramm weniger als vergleichbare vollelektrische Autos. Und vor allem sind bei der Brennstoffzelle Reichweiten und Tankzeiten kein Thema. Die sind mit den Werten von Autos mit Verbrennungsmotoren vergleichbar. Der Fahrer muss sein Nutzungsverhalten also nicht umstellen.
Auch vollelektrisches Fahren ist derzeit ein großes Thema. Wichtig ist dabei vor allem woher die Batteriezelle stammt. Tesla nimmt bald eine große Batteriefabrik mit Panasonic in den USA in Betrieb. VW und Bosch haben erkennen lassen, möglicherweise auch Zellen in Deutschland zu produzieren. Kommt eine deutsche Batteriezellfertigung?
Wir kooperieren heute mit allen Zellanbietern weltweit. Es gibt einen großen Wettbewerb unter den Herstellern. Insofern halten wir uns sowohl konzeptionell als auch von der Lieferantenseite den Wettbewerb offen. Unsere Lieferanten bauen gerade in Europa zwei neue Fabriken, die je sechs bis acht Gigawattstunden Zellkapazität pro Jahr ausstoßen. Es wird mehrere solcher Projekte geben müssen, um die zukünftige Nachfrage befriedigen zu können.
Früher hieß es bei Audi „Vorsprung durch Technik“. Man hatte den Quattro, den TDI und die Vollverzinkung. Für was steht Audi überhaupt technologisch heute?
Die Mega-Themen sind Nachhaltigkeit und Effizienz in der Mobilität sowie das autonome Fahren, so wie ich es eingangs beschrieben habe. Natürlich gibt es noch weitere Entwicklungsfelder. Ich möchte nur die Lichttechnologie nennen: Mit Matrix LED-Scheinwerfer und Audi Laserlicht sind wir führend in diesem Bereich Oder leistungsfähige Energienetze: Wir haben in diesem Jahr die 48 Volt-Bordspannung eingeführt. Auf dieser Grundlage haben wir Fahrwerksysteme ins Auto gebracht, die die Wankneigung bei schnellen Kurvenfahrten deutlich reduzieren. Die 48-Volt-Bordspannung macht auch den Einsatz eines elektrischen Verdichters beim SQ7 TDI möglich. Damit haben wir das Turboloch beim Diesel de facto beseitigt. Und das alles bei deutlich reduziertem Kraftstoffverbrauch.
Wie sehen sie die Perspektiven des Dieselantriebs?
Für die 6- und 8-Zylinder-Dieselmotoren, die wir hier bei Audi entwickeln, sehen wir ganz klar Chancen, dass wir die gesetzlichen Anforderungen bezüglich Emissionen und CO2 auch im Jahr 2020 oder 2025 noch erfüllen können. Es gibt keinen Grund einen Abgesang auf die Dieseltechnologie anzustimmen. Die Vorteile des Diesels sind heute genau dieselben wie vor einem Jahr.
Nach dem VW-Abgasskandal werden in den USA werden die ebenfalls betroffenen 3.0-Liter-Motoren von Audi immer noch nicht wieder verkauft. Wie lange dauert es bis man eine technische Lösung für das Problem gefunden hat?
Die technische Lösung ist der US-Behörde vorgestellt, und sie wird geprüft. Aufgrund der laufenden Ermittlungen kann ich im Moment dazu keine detaillierteren Angaben machen.
Sie waren als leitender Techniker in der Motorenentwicklung bei Audi und Porsche tätig. Wussten Sie von den Abgasbetrügereien?
Davon wusste ich nichts. Untersuchungen zu erhobenen Vorwürfen gegen Audi dauern an und werden mit Nachdruck und ohne Ansehen von Personen voran getrieben.
Was sind die Trümpfe eines baden-württembergischen Hochtechnologiestandorts wie Neckarsulm?
Basis ist eine hochmotivierte Mannschaft. Es existiert ein gewachsenes universitäres Umfeld, das eng mit uns zusammenarbeitet. Zudem ist Baden-Württemberg ein wichtiger Luft—und Raumfahrtstandort. Das ist sowohl mit Blick auf qualifizierte Arbeitskräfte als auch interessante Ansätze in Forschung und Entwicklung nicht zu unterschätzen.

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