Interview mit dem Gesamtmetall-Präsidenten „Propaganda, die nichts bringt“

Stets freundlich, aber hart in der Sache:  Arbeitgeberführer Martin Kannegiesser. Foto: dpa
Stets freundlich, aber hart in der Sache: Arbeitgeberführer Martin Kannegiesser. Foto: dpa

Arbeitgeberverbandschef Kannegiesser warnt die Gewerkschaft davor, mit einer Eskalation kaputt zu machen, was über Jahre aufgebaut worden sei.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
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Stuttgart - Die 17 Millionen Euro für VW-Chef Martin Winterkorn im Jahr 2011 sieht der Verbandsvorsitzende Martin Kannegiesser als „einmaliges Phänomen“. Gleichwohl sei diese Vergütung „übers Ziel hinausgeschossen“.


Herr Kannegiesser, von Ihrem Vlothoer Unternehmen nach Hameln sind es etwa 35 Kilometer?
Eine halbe Autostunde, schätze ich.

Lag es für Sie also nahe, die IG Metall mit dem Rattenfänger von Hameln zu vergleichen? Die Gewerkschaft und deren Jugend nimmt Ihnen den Spruch sehr übel.
Ich bin zu dicht an Hameln, um das Bild negativ zu sehen. Der Rattenfänger ist an sich doch keine unsympathische Figur. Er hat die Stadt von den Tieren befreit und damit Positives bewirkt. Eines Tages sind seinen verführerischen Schalmeienklängen auch die Kinder hinterhergelaufen. Mein Vergleich bezog sich somit nicht auf die Ratten, sondern auf die Schalmeienklänge nach dem Motto: Mit einem Tarifvertrag wird der Weg in ein von Risiken freies Berufsleben zur Selbstverständlichkeit. Damit kann man Illusionen nähren.

Muss man im Eifer des Gefechts aufpassen, nicht übers Ziel hinauszuschießen?
Übers Ziel hinaus geschossen ist das nicht. Das ist ein harmloses Bild, das hier in der Gegend gut verstanden wird. Aber man muss mit solchen Bildern vorsichtig sein, um zu klischeehaften Verzerrungen keinen Anlass zu geben. Die kann man sich sparen.

Zuvor hatten Sie schon von einer beabsichtigten Verbeamtung der Azubis gesprochen. Nun rügt die IG Metall, die Arbeitgeber würden ihre Mitglieder aufhetzen.
Wer von Aufhetzen redet, verwechselt bewusst die Seiten. Das Thema Übernahme in dieser Form einzubringen ist Teil einer Gewerkschaftskampagne bei den jungen Leuten unter dem Etikett Mitgliederwerbung – eine Propaganda, die in der Sache nichts bringt. Wenn ein Betrieb drei Jahre lang ausgebildet hat – in Zukunft vielleicht noch mit einem Vorschaltjahr zur Förderung der Ausbildungsschwachen –, versteht sich die Übernahme fast von alleine.

Warum dann Ihr Widerstand?
Der größte Teil unserer Betriebe ist bei keinem Thema emotionell stärker engagiert als bei der Berufsausbildung, jenseits von kurzfristiger betriebswirtschaftlicher Sichtweise. Während unser Bildungswesen international nicht gerade als Spitze gesehen wird, werden wir um unser berufliches Ausbildungswesen beneidet. Es ist doch nachvollziehbar, dass die Betriebe sich bei der Übernahme keine Fesseln anlegen lassen wollen – zumal von den Tarifparteien, die in der Berufsausbildung kaum eine besonders kon­struktive Rolle spielen.

Der Verband der Familienunternehmer hat mit der Halbierung der Lehrstellen gedroht. Das wirkt realitätsfremd, weil es doch absolut zwingend ist, qualifizierten Nachwuchs auszubilden.
Unsere Umfragen zeigen: wenn die Firmen drei Jahre im Voraus zur Übernahme eines Auszubildenden gezwungen werden, aber nicht absehen, wie viele Lehrlinge sie übernehmen können, stellen sie eben weniger ein. Das ist normales menschliches Verhalten. Die Verringerung der Ausbildungsplätze wird zwangsläufig die Folge sein. Der bewährte Grundsatz „Ausbildung geht vor Übernahme“ ist nach wie vor vernünftig.

Die IG Metall räumt Ausnahmen für die unbefristete Übernahme ein: bei wirtschaftlichen Problemen, bei Ausbildung über Bedarf und bei mangelnder Eignung des Azubis.
Dies kann zu langwierigen Debatten, zu eigenartigen Deals und zu Politisierung solcher Diskussionen in den Betrieben führen, denen sich niemand freiwillig aussetzt.

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