Interview mit dem Historiker Lutz Budraß über den Flugzeugpionier Ernst Heinkel Wichtig war allein das Wachstum

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Der Flugzeugbauer Ernst Heinkel war kein Antisemit, sagt der Historiker Lutz Budraß. Doch um Erfolg zu haben, sei er auch über Leichen gegangen. Heinkels Geburtsort Remshalden veranstaltet nun eine Vortragsreihe über ihrem umstrittenen Sohn.

Ernst Heinkel wollte um jeden Preis ein großer Unternehmer werden. Foto: dpa
Ernst Heinkel wollte um jeden Preis ein großer Unternehmer werden. Foto: dpa
Remshalden - Verehrt und verachtet – an dem Flugzeugbauer Ernst Heinkel, der eng mit dem Nazis kooperierte, scheiden sich die Geister. Heinkels Geburtsgemeinde Remshalden setzt sich nun bei einer Veranstaltungsreihe mit ihrem umstrittenen Sohn auseinander. Den Auftakt bildet ein Vortrag des Wirtschafts-, Unternehmens- und Technikhistorikers Lutz Budraß.
Herr Budraß, die Beschäftigung von Zwangsarbeitern war während des Zweiten Weltkrieges weit verbreitet. War Ernst Heinkel nur einer von vielen Unternehmern, die Profit aus dem Leid anderer schlugen, oder hatte er eine Sonderrolle?
Ernst Heinkel hatte in der Tat eine Sonderrolle. Nicht bei der Beschäftigung von ausländischen Arbeitern, denn in den Jahren 1942/43 wollten alle Unternehmen Zwangsarbeiter. Und zwar aus einem einfachen Grund: wer keine hatte, der konnte seinen Betrieb schließen, weil der größte Teil der männlichen Arbeiter einberufen wurde. Heinkel war aber ein Pionier bei der Beschäftigung von KZ-Häftlingen und beim Aufbau von Betrieben im besetzten Polen, die mit Juden aus den Ghettos arbeiteten. In keinem anderen Unternehmen im Reich kamen KZ-Häftlinge früher und in einem größeren Ausmaß zum Einsatz. Am Ende waren es mehr als 10 000.
Wie ist Ernst Heinkels Verhalten im Vergleich zu dem anderer Flugzeugbauer während dieser Zeit zu bewerten?
Es gibt im Unterschied zu anderen Unternehmern des Flugzeugbaus nur wenige Belege, dass Heinkel je zögerte, auf die Radikalisierung der Arbeitskräfterekrutierung einzugehen. Es gibt auch keine Zeichen, dass er jemals gesagt hat: „Das ist mir zu heikel.“ Heinkel war kein Antisemit, er verstand Rassismus nicht. Aber er hat alle Chancen wahrgenommen, um das schnellste Wachstum für sein Unternehmen zu erreichen – gleichgültig, wie hoch der Preis dafür war, und ohne sichtbar moralische Hemmnisse. Er maß den Wert von Menschen allein am eigenen Nutzen. Heinkel wollte ein großer Unternehmer werden und nutzte die Chancen, die sich ihm dafür boten. Das Werk in Jenbach in Tirol übernahm er als „Arisierer“. Der rechtmäßige Besitzer hatte als Jude Selbstmord begangen, als Österreich von Deutschland annektiert wurde. Andere Unternehmer hatten mehr Skrupel.
Bis heute wird Ernst Heinkel von vielen Technikfans regelrecht verehrt. War er tatsächlich ein solch großes Genie?
Man kann im Flugzeugbau nicht davon sprechen, dass ein Mann ein Flugzeug konstruiert. Ein Flugzeug wird von tausend Leuten konstruiert. Ernst Heinkel war aber ein Pionier des deutschen Flugzeugbaus. Er hatte sicherlich ein großes unternehmerisches Talent und war ein talentierter Techniker. Und er hatte einen Blick für technische Innovationen und einen guten Riecher für begabte Wissenschaftler und Ingenieure. Ein technisches Genie war er nicht.
Heinkel wird häufig als besonders sozialer Unternehmer gepriesen. Angeblich trugen ihn seine dankbaren Arbeiter bei Rundgängen durch die Firma bisweilen auf ihren Schultern . . . 
Die Arbeiter, die bei Heinkel eingestellt wurden, waren ihm und seiner Experimentierfreudigkeit ausgeliefert. Im günstigsten Fall hatten sie Heinkels Marotten – etwa den Vegetarismus – zu ertragen. Im Grundsatz aber schaut hinter den gepriesenen Einrichtungen zur Sozialpolitik stets der Wille zu einer unbedingten – auch politisch gemeinten – Kontrolle des Alltags hervor. Die soziale Betriebsarbeiterin wurde geschaffen, um dadurch auch einen Einblick des Unternehmens in die Familien zu erzwingen; der betriebsärztliche Dienst und die Betriebskrankenkasse wurden ausgebaut, um die Fehlschichten zu reduzieren. Der große Kantinenbetrieb war auch deshalb notwendig, weil allzu viele keine Gelegenheit hatten, sich anderswo eine warme Mahlzeit zu verschaffen – bei einer 55-Stunden-Woche.
In der Nachkriegszeit hat Ernst Heinkel schnell wieder hohes Ansehen gewonnen. Sein Freispruch vor der Spruchkammer hat damals aber auch Empörung ausgelöst. Wie lässt sich sein dennoch rascher Aufstieg nach dem Krieg erklären?
Ernst Heinkel versuchte sich nach 1945 zum Gegner des Nationalsozialismus zu stilisieren. Er engagierte den Autor Jürgen Thorwald, der die beschönigende Autobiografie „Stürmisches Leben“ für ihn verfasste. Darin stellte sich Heinkel als Opfer des Nationalsozialismus dar, indem er Angriffe, die sich fälschlicherweise gegen ihn als vermeintlichen Juden richteten, weit in den Vordergrund schob. Tatsächlich ist die Autobiografie eine Rechtfertigungsschrift, die nicht von leichter Hand niedergeschrieben, sondern schlau durchkonstruiert ist. Das Buch wurde ein Bestseller und diente Heinkel dazu, die durchaus vorhandene Kritik und die Ansprüche seiner Opfer wegzudrücken. Ein ehema­liger KZ-Häftling wie Edmund Barthel, der  im Heinkel-KZ-Werk in Oranienburg schuften musste, hatte da mit seinen Ansprüchen auf Wiedergutmachung keine Chance. Es war aber auch nicht ungewöhnlich, dass jemand, der so hoch belastet war wie Heinkel, von der Spruchkammer als nicht belastet eingestuft wurde.
Im Rems-Murr-Kreis tragen noch einige Straßen und sogar eine Schule Ernst Heinkels Namen. Was halten Sie davon?
Normalerweise antworte ich auf diese Frage, dass ich Historiker bin und dazu nichts sagen kann. Historiker sind weder Staatsanwälte noch Richter. Aber man sollte sich wirklich Gedanken darüber machen, ob man eine Straße nach Heinkel benennt. Er war durch seine Werke in Mielec und Budzyn mittelbar an der Ermordung der polnischen Juden beteiligt, dem schlimmsten Verbrechen, das Deutschen zur Last gelegt wird. Man kann Geschichte nicht verleugnen, und man kann nicht leugnen, dass Heinkel in Grunbach geboren worden ist. Aber wenn eine Straße nach ihm benannt ist, dann nur in kommentierter Form. Die Stadt Rostock, in der es eine volkstümlich nach Heinkel benannte Siedlung gibt, hat große Informationstafeln aufgestellt. Eine Schule sollte nicht nach Heinkel benannt werden. Eine Schule will ja ihren Schülern sittliche Werte vermitteln und eine Perspektive für moralisches Handeln bieten. Dafür eignet sich Heinkel nicht.
Was würden Sie der Kommune Remshalden raten – wie soll sie sich zu Ernst Heinkel positionieren?
Soweit ich informiert bin, gibt es in Remshalden ein Museum, dessen Ausstellung die Geschichte Heinkels auch in der Zeit des Nationalsozialismus offen und öffentlichkeitswirksam aufarbeitet. Das ist der beste Weg, eine produktive Auseinandersetzung mit diesem Sohn der Gemeinde voranzubringen.




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