Mercedes-Sportchef Toto Wolff „Deutschland hat noch den Kater nach den Schumacher-Jahren“

Toto Wolff ist schon seit elf Jahren Motorsportchef bei Mercedes. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff (52) spricht über die Situation seines Formel-1-Teams, seine Bedenken gegenüber Homeoffice, die Krise der deutschen Automobilwirtschaft – und darüber, warum Deutschland keinen Grand Prix mehr hat.

Am Samstag jährt sich der erste Konstrukteurs-Weltmeistertitel für Mercedes in der Formel 1 zum zehnten Mal. Achtmal in Serie war die Mannschaft von Motorsportchef Toto Wolff erfolgreich, dazu stellte sie siebenmal den Einzelchampion. Nach einem Durchhänger orientieren sich die Silberpfeile jetzt in der Königsklasse des Motorsports wieder Richtung Spitze. Im Gespräch vor dem Grand Prix in Las Vegas/USA am Sonntag (7 Uhr deutscher Zeit) erklärt Wolff, was sich nach den großen Erfolgen verändert hat.

 

Herr Wolff, die Formel 1 steht vor dem letzten, härtesten Trip der Saison. Drei Rennen in drei Wochen auf zwei Kontinenten. Bleibt im Alltagsstress Zeit, an die Zukunft zu denken?

Wir unterscheiden zwischen Dancefloor und Balkon. Unterwegs sind wir alle auf der Tanzfläche und löschen viele Feuer jeden Tag. Aber du musst auch die Zeit haben, vom Balkon hinunterzusehen, um deine langfristige Strategie nicht aus dem Auge verlieren. Auf den langen Flügen kann ich ganz gut in Ruhe nachdenken, auch bei mir zu Hause in Oxford.

Könnte ein Teamchef in der Formel 1 im Homeoffice sitzen?

Ein klares Nein. Meine Leute sagen mir immer: Zeig dich, zeig dich, zeig dich. Das finde ich auch richtig so. Ich möchte sichtbar sein für alle, verfügbar, wenn ein Sparringspartner gefragt ist. Was die Meetings angeht, möchte ich allerdings bis zum Jahresende einen Plan haben, wie wir die Anzahl um 30 Prozent verringern.

Fällt mehr Arbeit an, wenn man nicht mehr Branchenprimus ist, sondern sich erst wieder an die Spitze herantastet?

Der Aufwand ist gleich, die Arbeit genauso intensiv. Der Unterschied liegt daran, dass die Sicherheit, die wir in den erfolgreichen acht Jahren verspürt haben, auch trügerisch war. Bei aller Energie, die wir permanent reingesteckt haben, haben wir alles vielleicht nicht so infrage gestellt, wie wir es jetzt tun mussten und müssen. Das aufzuholen dauert zwei, drei Jahre. Wir sind ein Team im Umbruch.

Die Formel-1-gastiert in Las Vegas. Foto: Björn Locke

Dazu passt, dass Lewis Hamilton Mercedes verlässt. Eine Zäsur.

Das ist ein Teil des Umbruchs, auch wenn sich bei uns immer noch keiner vorstellen kann, wie Lewis in einem roten Overall aussieht. Aber es ist nun mal die Realität. Wir sind nur einen kurzen Vertrag mit ihm eingegangen, er hat die Option zum Weggang gezogen, weil er in seinem letzten Karriereabschnitt noch einmal etwas Neues machen wollte. Das ist verständlich.

Langfristiger Zukunftsplan

Hätten Sie Lewis Hamilton keinen längerfristigen Vertrag geben können?

Ich bereue es nicht, wir hatten das zusammen so besprochen. Und haben uns für ein Set-up entschieden, mit dem wir längerfristig in die Zukunft gehen können.

Nachfolger wird mit Kimi Antonelli ein erst 18-Jähriger. Die Formel 1 verjüngt sich insgesamt rasant. Was steckt hinter diesem Trend?

Der Nachwuchs von heute ist besser ausgebildet, es geht mit sechs Jahren los. Da arbeiten viele schon mit Ingenieuren zusammen, mit 13 testen sie die ersten Formel-Autos. Sie lernen früh, dass im Motorsport viel intellektueller Aufwand dazugehört. Kognitiv sind sie allein durch die Online-Simulationen schon weit. So ist ein ganz neues Level entstanden.

Mit Antonelli wächst auch der Druck auf George Russell, der mit 26 jetzt zum Anführer werden muss.

Ich glaube, der Druck ist bei beiden groß. Wir versuchen immer die besten Fahrer im Auto zu haben. Zwischen ihnen wird es auch keine meilenweiten Unterschiede geben wie bei Max Verstappen und dessen jeweiligen Kollegen. Wir haben schon immer auf zwei starke Fahrer gesetzt.

Gutes Verhältnis zu den Verstappens

Die Tür für Verstappen ist damit zu, falls er Red Bull verlassen wird?

Ich habe seit Langem ein gutes Verhältnis zu ihm und auch zu seinem Vater. Wir haben immer mal wieder gesprochen in der Vergangenheit. Er versucht weiter, mit Red Bull Weltmeister zu werden, wir versuchen es mit George und Kimi. Das sind unsere Prioritäten. Und wenn das eine oder das andere nicht eintreten sollte, dann wird man sich verständigen.

Wie nervös machen Sie die schlechten wirtschaftlichen Nachrichten aus der deutschen Automobilwirtschaft?

Wir haben einen richtigen Vorteil gegenüber allen anderen Automobilherstellern, die auch nur in die Nähe der Formel 1 gekommen sind, nämlich die totale Unterstützung und das Vertrauen des Managements und der Mitarbeiter. Bei Mercedes ist man stolz auf das, was wir machen, und zwar auf allen Ebenen. Zwischen uns und den Vorständen um Ola Källenius herrscht ein absolutes Vertrauensverhältnis. Die Formel 1 ist eines der wichtigsten Schaufenster für die Marke. Das gilt auch für Jahre, in denen wir weniger gewinnen. Die Stabilität, die schon mit Dieter Zetsche begonnen hat, ist für mich ein Kriterium für den Erfolg von Mercedes. Sei es auf der Rennstrecke, sei es in der echten Welt. Bei uns gibt es keine Drehtüre, in der ständig ein anderer kommt und geht.

„Ein merkwürdiges deutsches Phänomen“

Bei allem weltweiten Boom –in Deutschland fehlen der Formel 1 eine regelmäßige große Fernsehbühne und ein Rennen auf eigenem Boden.

Es ist ein merkwürdiges deutsches Phänomen, und niemand kann es sich richtig erklären. Es gab laufend große deutsche Fahrer, zuletzt Nico Rosberg und Sebastian Vettel. Für mich hat Deutschland noch den Kater nach den Schumacher-Jahren. Was das Free-TV angeht: Das hat für die Zielgruppe der Formel 1 keinen so ganz großen Stellenwert mehr. Die digitalen Kanäle werden künftig noch weiter zugeschnitten sein. Unsere am stärksten wachsende Zuschauergeneration sind junge Frauen zwischen 14 und 25, der Frauenanteil insgesamt liegt bei 43 Prozent.

Braucht es überhaupt noch Zuschauer an der Rennstrecke?

Die Formel 1 kann sich glücklich schätzen, echte Hardcorefans zu besitzen. Wenn unsere Fahrer irgendwo auf der Welt auftreten, hat man den Eindruck, dass die Rolling Stones in der Stadt sind. Egal in welchem Land, die Rennen sind meist ausverkauft, egal wo wir aufschlagen. In Austin waren es weit über 420 000 Menschen an einem Wochenende, das größte Einzelsportereignis in den ganzen USA. Das bringt einen enormen Mehrwert für die ganze Region.

Nur einen deutschen Grand Prix gibt es nicht mehr.

Für den richtigen Return on Investment braucht es zunächst jemand, der investiert. Ich frage mich: Sind die politischen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland so, dass man in einen Grand Prix investieren will? Natürlich kann man der Meinung sein, dass man Autos, die im Kreis fahren, nicht unbedingt braucht. Aber wir sind Hightech, wir sind Innovation, und wir haben die Unterstützung von unzähligen Menschen. Bei mir zu Hause in Österreich unterstützen Politiker aller Couleur das Rennen, weil sie den Mehrwert erkennen. Die Wertschöpfung des Rennens in der Steiermark und Umgebung stimmt.

Toto Wolff – ein Wiener mit Benzin im Blut

Karriere
 Torger Christian „Toto“ Wolff ist am 12. Januar 1972 in Wien geboren. Er fuhr früher Autorennen, war später Unternehmer und ist seit 2013 Motorsportchef bei Mercedes; er folgte dem langjährigen Teamleiter Norbert Haug. Unter Wolff feierte Lewis Hamilton sechs seiner sieben WM-Titel und Nico Rosberg einen WM-Erfolg in der Formel 1.

Privatleben
 Wolff lebt mit seiner Frau, der schottischen Ex-Rennfahrerin Susie Wolff, auf der Schweizer Seite des Bodensees. Mit ihr hat er ein Kind, dazu kommen zwei weitere Kinder aus seiner vorherigen Ehe. 

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