Interview mit dem Mobilitätsforscher Andreas Knie „Der Verbrennermotor gehört aus der Stadt verbannt“

Von Dr.  

Der Geschäftsführer des „Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel“ in Berlin Andreas Knie sagt voraus, dass es in der Zukunft keine Privatautos mehr in Innenstädten geben wird.

Andreas Knie fordert mehr E-Autos. Foto: InnoZ
Andreas Knie fordert mehr E-Autos. Foto: InnoZ

Stuttgart - Einen radikalen Wandel in der Verkehrspolitik verlangt Andreas Knie. Das Parken müsse viel teurer und das Radfahren stärker gefördert werden.

Herr Knie, Stuttgart will mit der blauen Plakette die Schadstoffe minimieren. Ist das ein richtiger Weg?
Das ist zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wir hätten allerdings schon viel früher damit beginnen müssen, den Verbrennermotor aus den Innenstädten zu verbannen.
Angesichts der häufig mit Autos verstopften Straßen klingt das ziemlich weltfremd.
Sie haben recht. Wir haben momentan 45 Millionen Personenwagen in Deutschland. Davon sind 99,9 Prozent mit Verbrenner ausgerüstet. Aber wir sind ja ein innovatives, ingenieurkompetentes Land. Die deutschen Hersteller können elektrische Fahrzeuge bauen. Wir müssen den Menschen nun sagen, dass wir demnächst die Neuzulassung von Verbrennern nicht mehr erlauben. Und wir müssen anfangen, die Grenzwerte für Kohlendioxid und andere Schadstoffe zurückzuschrauben. Wir sollten am Ende bei einem Wert von 50 Gramm CO2 landen, der nur mit elektrischen Fahrzeugen zu schaffen ist. Der Prozess muss jetzt starten, denn die Gesundheit der Menschen hat schon lange genug gelitten.
E-Fahrzeuge sind aber relativ teuer.
Wir werden rasch auf die entsprechenden Stückzahlen kommen, so dass der Preis sinkt. Zudem sollten wir nicht immer nur ans Auto, sondern auch an andere Verkehrsmittel denken – gerade in Stuttgart: ans Rad, an die Straßenbahn, an den öffentlichen Verkehr.
Sie reden also dem Verbot von Diesel- und Benzinautos das Wort?
Ich rede nicht von einem Verbot, sondern von Grenzwerten, die längst überfällig sind und die dazu führen, dass faktisch keine Verbrenner mehr zugelassen werden.
Wann ist es so weit?
Um die Städte konsequent sauber zu halten, sollten Städte wie Stuttgart schon ab 2020 damit beginnen, dass sie große Areale für Verbrenner sperren, die diese Grenzwerte nicht einhalten. Generell sollten spätestens ab 2030 gar keine Verbrenner mehr zugelassen werden.
Graben Sie so unserer Automobilindustrie das Wasser ab?
Nein, wir katapultieren die Hersteller auf ein neues Niveau. Die Industrie ist gut beraten, rasch umzusteuern. Es gibt nämlich bereits Städte in China und Europa wie Peking oder Oslo, die diesen Weg verfolgen wollen. Mancherorts gibt es schon Gebiete, die mit zweirädrigen Verbrennermotoren nicht mehr befahren werden dürfen. Die Planungen für weitere Verbote laufen.
Warum dauert der Wandel etwa zur fahrrad-freundlichen Stadt so lange?
Es hat sich schon einiges getan. In Hamburg, Berlin oder München hat sich der Fahrradanteil in den letzten zehn Jahren verdoppelt. 20 Prozent aller Wege werden bereits mit dem Fahrrad bestritten. Noch sind die Städte aber voller Autos, weil wir nirgendwo eine nennenswerte Parkraumbewirtschaftung haben, die auch den öffentlichen Verkehr attraktiv macht.
Was muss geschehen?
Erstens muss die Parkraumbewirtschaftung eine ehrliche Kostenstruktur abbilden. Ein Parkplatz muss je Tag etwa 20 Euro kosten – auch für Anwohner. Bei dem Preis wird sich jeder überlegen, ob er einen Privatwagen braucht. Zweitens muss mittels einer App künftig der Gebrauch von Rädern, Bahnen und Autos zu koordinieren sein. Zukünftig wird alles im Verkehr durch die digitale Brille angeschaut. Die Verkehrsmittel werden nur interessant sein, wenn sie sofort verfügbar sind. Zeitgemäß sind nur elektrische Autos die geteilt werden. In der Stadt von morgen gibt es kein Privateigentum mehr an Verkehrsmitteln.
Wie lässt sich Carsharing noch fördern?
Indem Sie öffentliche Flächen bereitstellen. Bald fähren diese Autos autonom und sind so noch effizienter. Das autonome Fahrzeug ist ständig unterwegs, sammelt die Fahrwünsche ein, organisiert diese schlau und nimmt sechs bis zwölf Leute mit. Damit haben Sie ein intelligentes, digital gesteuertes Anruf-Sammeltaxi. In den USA sind solche Modelle schon sehr weit gediehen.
Sonderthemen