Jung, weiblich, sympathisch – das ist längst nicht alles, was das Popduo Boy so interessant macht. Frontfrau Valeska im Interview.  

Stuttgart - Sie nennen sich Boy, sind aber weiblich, sie singen auf Englisch, kommen jedoch aus Deutschland und der Schweiz. Sonja Glass und Valeska Steiner bilden das vielversprechende Popduo und haben mit ihrem Erstling "Mutual Friends" einen echten Überraschungserfolg gelandet. Das Album, ein Mix aus Kammer-Pop und lyrischen Balladen, ist auf Herbert Grönemeyers Grönland-Label erschienen. Frontfrau Valeska Steiner spricht über Musik, Anspruch und Inhalte.

 

Frau Steiner, Sie beide haben sich in einem Popkurs an der Hochschule für Musik in Hamburg kennengelernt. War das wie ein Ferienlager mit Musik machen?

Das stimmt, es war eine einzige Klassenfahrt. Sie dauerte nur sechs Wochen, es ist ja kein richtiges Studium, sondern eher Workshop und Kontaktbörse. Jungen Musikern wird die Möglichkeit gegeben, sich zusammen mit anderen in verschiedenen Konstellationen auszuprobieren. Man weiß jedoch nie, ob die eine Band oder die eine Person dabei ist, mit der man zusammen Musik machen will. Sonja und ich haben uns aber relativ schnell gefunden. Aus dem Popkurs haben sich schon viele Bands entwickelt, wie Wir sind Helden und Fotos. Es hat allerdings noch zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich dann nach Hamburg gezogen bin und die Stilfindung begann.

Hat sich Ihre Zusammenarbeit verändert, seit Sie am selben Ort wohnen?

Der Schreibprozess ist bei uns relativ isoliert. Boy funktioniert am besten, wenn Sonja bei sich zu Hause musikalische Playbacks macht und sie mir diese per E-Mail schickt. Ich überlege mir dazu Melodie und Text. So geht es dann hin und her, bis am Ende ein Song steht. Das ist extrem unromantisch und auch ein bisschen absurd, weil wir nur eine Viertelstunde voneinander entfernt wohnen. Das Problem ist, dass jede von uns Ruhe und einen eigenen Rhythmus braucht.

Auf dem Album fällt auf, dass es einige leise Balladen gibt, aber auch tanzbare Gute-Laune-Stücke. Lieben Sie Gegensätze?

Es gibt Alben, bei denen ist man zwölf Stücke lang in einer Stimmung. Das ist irgendwie auch gut, uns war aber wichtig, eine Abwechslung zu haben. Vielleicht sind diese beiden Seiten einfach in uns, die eher melancholische und die lebensbejahende.

Musikalisch werden Sie in der anspruchsvollen Popecke verortet. Haben Sie Vorbilder?

Susanne Vega mag ich sehr gerne, sie hat ja den Ansatz, Geschichten zu erzählen, und benutzt ihre Stimme nicht als Schnörkelmaschine. Ich bevorzuge den einfachen, unmittelbaren Gesang.

Als Hamburger Schule wurde eine lose Musikbewegung bezeichnet, die Ende der 80er Jahre entstand. Den Bands wurde ein hoher intellektueller Anspruch zugemessen. Inwieweit ist Boy Hamburger Musik?

Zur Hamburger Schule gehören wir zumindest nicht. Natürlich ist unsere Musik von der Stadt beeinflusst, aber es gibt hier ja nicht nur die Hamburger Schule. Die meisten unserer Songs sind in der Zeit entstanden, als ich von Zürich nach Hamburg gezogen war und diese neue Stadt für mich gewinnen musste. Von Sonja stammen eher die musikalischen Ideen, von mir die Texte. Diese sind inspiriert von der Aufbruchsstimmung, andererseits schwingen in ihnen Nostalgie und Heimweh mit. Ich erzähle auch Geschichten von Menschen, die mir unterwegs begegnet sind.

Grönemeyer ließ die Korken knallen

Bei den meisten Bands sind die Männer im Mittelpunkt. Bei Ihnen sind sie im Hintergrund. Wie arbeitet es sich auf diese Art?

Auf dem Album sind wahnsinnig viele Soundschichten und -flächen. Diese mit fünf, sechs Leuten nachzubilden ist relativ schwer. Deshalb klingen wir live ein bisschen roher, aber sicher nicht aggressiver. Für die Tour haben wir eine feste Liveband. Ob die Männer dabei im Hintergrund sind, ist die Frage. Sonja und ich sind schon der Kern. Philipp Steinke hätten wir sehr gerne als Keyboarder dabeigehabt, aber er konzentriert sich im Moment mehr aufs Komponieren. Er braucht als Produzent einen gewissen Abstand.

Sollte man als Band ein politisches Sendungsbewusstsein haben?

Es ist wichtig, dass es Bands gibt, die so etwas haben. Unser Anspruch ist weniger, eine politische Message zu transportieren, als einfach Geschichten aus dem eigenen Leben zu erzählen, die uns berühren. Dass es bislang keine politischen Themen sind, ist keine bewusste Entscheidung. Es hat sich bisher einfach noch nicht ergeben.

Ihr Album ist bei Grönemeyers Label Grönland erschienen. War Herbert Grönemeyer Ihr Entdecker?

Die Geschichte geht so: im vergangenen Jahr gaben wir unsere Demos bei allen möglichen Plattenfirmen ab, und es kamen erst einmal sehr wenig positive Reaktionen. Einige sagten, sie wüssten nicht, wie man unseren Stil vermarkten könne. Das war ein ziemlicher Dämpfer für uns, weil wir sehr viel Arbeit und Zeit in die Songs investiert hatten. Unsere Konsequenz war, das Album selbst herausbringen zu wollen. Gleichzeitig versorgten wir einen zweiten Schwung Plattenlabels mit den Demos. Die Ersten, die sich daraufhin zurückmeldeten, waren die Leute von Grönland. Herbert hat uns also nicht persönlich entdeckt, aber er muss mit allem einverstanden sein, was unter seinem Namen erscheint.

Bei der Vertragsunterzeichnung hat Grönemeyer angeblich selbst die Korken knallen lassen. Stimmt das?

Ja, es war ein sehr herzlicher Empfang, und Herbert Grönemeyer sagte, er freue sich, dass wir jetzt bei Grönland seien. Im Nachhinein war es sehr gut für uns, dass es nirgendwo anders geklappt hat. Grönland ist eines der letzten Labels in Deutschland mit der Philosophie, Künstler nachhaltig aufzubauen und sie nicht glattzuschleifen. Für uns ein Segen.

Auch Grönland will Platten verkaufen. Haben Sie mit Grönemeyer und seinen Mitarbeitern über das Marketing gesprochen?

Das Label und wir sind natürlich daran interessiert, Platten zu verkaufen. Es wurde über Promotion gesprochen, aber über Marketingstrategien und große Werbekampagnen lustigerweise überhaupt nicht. Über den Erfolg der Platte sind wir selbst ein bisschen erstaunt. Ich freue mich wahnsinnig, dass unsere Musik abgefeiert wird. Aber wir machen schon so lange Musik und haben so viele Musiker im Freundeskreis, dass wir das Ganze nüchtern betrachten. Ich glaube, man sollte sich von dem Hype nicht verrückt machen lassen.

Boy spielt am Mittwochabend im Club Schocken in Stuttgart. Das Konzert ist leider ausverkauft.