Interview mit dem Psychologen Pinker "In den 70ern war es schlimmer als heute"

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Wir leben in grausamen Zeiten? Das beruhe auf einer verzerrten Wahrnehmung, sagt der US-Psychologe Steven Pinker im StZ-Interview.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Serienmörder,Terroristen,Bürgerkriege: Viele glauben, es steht nicht gut um die Welt. Mit dieser pessimistischen Einschätzung will Steven Pinker aufräumen und führt dazu in seinem 1200 Seiten dicken Buch "Gewalt" viele Statistiken und psychologische Erklärungsmuster an. Seiner Ansicht nach leben wir heute in einer ungewöhnlich friedlichen Welt.

Herr Pinker, halten Sie die Menschen für die künftigen Probleme gerüstet?

Bisher ist es uns gelungen, Wohlstand und Wissen in fantastischem Ausmaß zu steigern und die Gewalttätigkeiten zu verringern. Daher haben wir die Werkzeuge, um diesen Trend auch in Zukunft fortzusetzen. Es gibt allerdings keine Garantie, dass wir diese Werkzeuge auch benutzen.

Welche Werkzeuge meinen Sie?

Wir sind in der Lage, die Welt zu analysieren, und haben gute Ideen. Ebenso wichtig sind die sozialen Errungenschaften: Meinungsfreiheit, Bildung und Informationstechnologien zum Beispiel. Durch kritische Prüfung erkennen wir die schlechten Ideen und sondern sie aus.

Wer täglich von Konflikten und Gewalt in der Zeitung liest, wird Ihren Optimismus womöglich nicht teilen.

Ich bin nicht unbedingt optimistisch, ich bin lediglich nicht pessimistisch. Die schlechten Nachrichten in der Zeitung belegen doch nur, dass die Welt voller Probleme ist. Aber sie zeigen nicht die Richtung an, und sie zeigen schon gar nicht, dass es schlimmer wird.

Aber haben wir denn nicht einen Wendepunkt erreicht? Wir verbrauchen die natürlichen Ressourcen in einer beeindruckenden Geschwindigkeit und finanzieren unseren Lebensstandard mit gigantischen Krediten. Zudem fordern ärmere Länder immer stärker ein, auch vom Wachstum zu profitieren.

In dieser pessimistischen Einstellung werden ganz unterschiedliche Trends zusammengemischt, die nicht mehr gemein haben als die Tatsache, dass sie problematisch sind. Man kann doch nicht sagen: Oh Gott, dies läuft schlecht und jenes auch - und daraus den Schluss ziehen, dass alles den Bach runtergeht. Abgesehen davon lassen sich Probleme im Prinzip doch lösen.

Trotzdem bleibt ein Gefühl von Unsicherheit: Wer weiß schon, wie sich die Dinge entwickeln werden?

Ach, in den 70er Jahren war es doch viel schlimmer als heute!Damals hätten sowjetische Truppen in Westeuropa einmarschieren können. Viele hatten Angst vor einem nuklearen Krieg, der alles Leben auf der Erde auslöschen würde. Die Inflationsrate lag höher als heute und es gab zwei Ölkrisen, in denen die Leute an den Tankstellen Schlange standen. Und in den damaligen Kriegen in Asien, Afrika und Lateinamerika starben sehr viel mehr Menschen als heutzutage. Man muss die Situation von damals mit der von heute vergleichen, um einen Trend herauszulesen.

Statistiken haben nicht unbedingt den besten Ruf, sie gelten als manipulierbar. Den persönlichen Überzeugungen wird mehr Wert beigemessen.

Deshalb haben wir Schulen und Universitäten, Zeitungen und Zeitschriften. Menschen neigen zwar dazu, sich auf persönliche Erfahrungen zu verlassen, aber es ist unsere Aufgabe als Lehrer oder Journalist, sie an die Fakten zu erinnern.

Wie gehen Sie da vor?

Ich sage nicht, dass ich alle im Alleingang überzeugen kann. Wir brauchen eine Gesellschaft, die sich an Fakten orientiert und nicht an Vorurteilen, an Statistiken und nicht an Anekdoten. Deshalb sollte schon in der Schule mehr Statistik unterrichtet werden. Statistik ist unverzichtbar, wenn man die Welt verstehen will.

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