Interview mit dem Pulitzer-Preisträger Smith Wer hat Amerikas Träume gestohlen?

Vor fünfzig Jahren hat Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a Dream“ gehalten – der Journalist Hedrick Smith zieht Bilanz. Foto: Verlag
Vor fünfzig Jahren hat Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a Dream“ gehalten – der Journalist Hedrick Smith zieht Bilanz. Foto: Verlag

„I have a Dream“ heißt die Rede, die der Bürgerrechtler Martin Luther King vor fünfzig Jahren gehalten hat. Barack Obama wird am Mittwoch an diesen historischen Moment erinnern. Wie es um das Land jenseits aller Symbolpolitik steht, erklärt der Pulitzer-Preisträger Hedrick Smith im Interview.

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Stuttgart – - Für die Obama-Generation ist er ein Idol: Vor fünfzig Jahren, am 28. August 1963, hielt Martin Luther King vor 250 000 Teilnehmern einer Bürgerrechtsdemonstration in Washington seine Rede mit dem Titel „I have a Dream“. Doch die Vereinigten Staaten von Amerika entsprechen heute überhaupt nicht dem Traum vom gerechten Land, für den sich der Bürgerrechtler eingesetzt hat. Davon ist der US-Journalist Hedrick Smith überzeugt. Sein Buch „Who stole the American Dream?“ erklärt, warum in den USA alles schief gelaufen ist und warum die Reichen immer reicher geworden sind.
Mr. Smith, Sie waren als Reporter der „New York Times“ dabei, als am 28. August 1963 200 000 Aktivisten in Washington aufmarschierten. Für uns heute stellt sich Dr. Kings Rede mit ihrem Refrain „I have a dream“ als unglaublich dramatisches Ereignis dar. Aber in Ihrem neuen Buch schreiben Sie von einer ruhigen, ja, fröhlichen Atmosphäre.
Präsident Kennedy und die örtlichen Behörden waren auf Gewalt eingestellt. Sie befürchteten Angriffe aus den Vororten in Virginia. Ich hatte die Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten mitverfolgt, und es hatte eben immer wieder diese Ausschreitungen, ja, Schlachten in Alabama und andernorts gegeben. Aber der Marsch auf Washington war eine völlig friedliche Feier der Demokratie, ein Aufruf an den Kongress, endlich neue Bürgerrechtsgesetze zu verabschieden.
Heute gibt es wieder das Gefühl, dass sich dringend etwas ändern muss. In Ihrem neuen Buch lautet Ihr Urteil, die USA seien eher eine Plutokratie, eine Herrschaft der Reichen, als eine Demokratie.
Der Reichtum ist heute viel konzentrierter verteilt als in den sechziger Jahren. Damals wurden die Profite der US-Konzerne mit der Mittelschicht geteilt. Amerika war ein Modell für die Welt. Heute liegen vierzig Prozent der Kaufkraft in den Händen der Allerreichsten, dem einen Prozent, das die Macht hat. Sogar die Bank of America sagt in einer Studie, seit Spanien im 16. Jahrhundert habe es nicht mehr eine so einseitige Vermögensverteilung gegeben. Zwei Drittel der Wirtschaftszuwächse der Nation von 2002 bis 2007 landeten bei den Superreichen. Das ist etwas völlig anderes als die Vision, die Dr. King hatte. Sein Traum handelte ja genau so von Jobs für alle wie von den gleichen Bürgerrechten.
Sie beschreiben, wieso die USA so leiden: Der Grund sei die verkehrte Wirtschafts- und Steuerpolitik seit Mitte der siebziger Jahre.
Ich nenne das die „Keil-Ökonomie“ – ein Keil wird in die Gesellschaft getrieben. Unsere Wirtschaft wächst, wir erfinden neue Produkte, steigern unsere Effizienz, aber die Früchte werden nicht mehr „zum Wohle der größtmöglichen Anzahl“ verteilt.Ein Kernpunkt ist, dass die USA im Zuge der Globalisierung zunehmend Jobs ins Ausland exportiert haben. Die Gehälter hier sind gleichzeitig so unter Druck gekommen, dass – inflationsbereinigt – ein Arbeiter im Jahr 2011 so viel verdient hat wie 1978. Drei Jahrzehnte Stillstand, während die Bezahlung der Vorstandschefs sich vervielfacht hat.
Die Profite der Konzerne sind auch gestiegen, weil sie keine Pensionsverpflichtungen mehr haben. Und weil sie zudem keine Steuern zahlen für ihre Aktivitäten im Ausland.
2005 lag der Steuersatz großer Konzerne bei 5,4 Prozent statt bei 35 Prozent in den Achtzigern. Bekamen früher acht von zehn Beschäftigten eine Betriebsrente bis an ihr Lebensende, wurde zunehmend die Last der Altersvorsorge von den Konzernbüchern auf die Scheckbücher der Bürger ausgelagert. Die mussten über sogenannte 401K-Pläne selbst vorsorgen. Weil diese an Fonds gebunden sind, deren Wert von der Börse abhängig ist, ist das Ersparte vieler Amerikaner heute nichts mehr wert. Sie können es sich gar nicht leisten, in Ruhestand zu gehen.
Sie sind der Überzeugung, dass daran der Einfluss der Wirtschaftslobby auf das politische Washington schuld sei. In „The Power Game“ haben Sie das schon 1988 beschrieben. 1992 waren die Leute dann so frustriert, dass der Protestkandidat Ross Perot ein Fünftel der Stimmen bei der Präsidentschaftswahl erhielt. Aber geändert hat sich nichts. Seit den Clinton-Jahren scheint auf dem Kapitol alles festgefahren zu sein.
Das ist sicher der Zustand, den das Ausland mit Washington heute verbindet. Aber warum sind wir da angelangt? Es hat eine fundamentale Machtverschiebung stattgefunden, die seit über zwei Generationen abläuft: von „People Power“, der Macht des Volks in den Märschen der Bürgerrechtler und in der mächtigen Arbeiter- und Verbraucherbewegung, hin zu den Kräften der Deregulierung, die zum einseitigen Vorteil der Wirtschaftselite gewesen ist. Es gab eine Revolte der Bosse, in der sie zurückschlugen, und das hat sich seit den Jahren der Carter-Regierung verfestigt. Zehntausende von Lobbyisten nehmen tagein, ­tagaus auf Gesetze Einfluss. Sie bekamen die Kapitalsteuer gekürzt. Das Insolvenzrecht wurde umgeschrieben. Es folgten die großen Steuerkürzungen unter den Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush. Diese Verfilzung zwischen Wirtschaft und Politik geht aber keineswegs einseitig auf die Republikaner zurück. Barack Obamas früherer Stabschef Jack Lew gehörte als Citigroup-Manager sogar zu den Heuschrecken, die auf den Kollaps des Immobilienmarktes wetteten. Die Wall Street hat den Insider-Zugang ins Weiße Haus.
Die Deregulierung ist ideologisch begründet. Das Argument lautet: Es ist uramerikanisch, auf Freiheit und Verantwortung des Einzelnen zu setzen. Alles andere sei Sozialismus. Was sagen Sie dazu?
Die Umfragen sind dazu sehr klar. Wenn Sie Männer fragen, vor allem weiße, dann sagen die Ihnen genau dies: Freiheit und Marktkapitalismus machten Amerika aus. Wenn Sie Frauen fragen, sagen die Ihnen, für sie sei wichtig, dass es gerecht zugehe, dass Familien nicht leiden. Und wenn Sie Männer oder Frauen fragen, ob ihnen denn die Resultate der Deregulierung gefallen, also die Keil-Ökonomie mit auseinanderklaffenden Einkommen, bekommen Sie Umfrage für Umfrage die Antwort, dass die Mehrheit das überhaupt nicht gut findet. Nehmen Sie die letzte Präsidentschaftswahl. Da ging es letztendlich darum, dass Mitt Romney, der Republikanerkandidat, der ultimative Managertyp ist, der Leute aus Profitgier auf die Straßen gesetzt hat. Doch Präsident Obama wurde wieder­gewählt. Es war übrigens auch so, dass ­seine Demokraten im Kongress zusammengerechnet viel mehr Stimmen hatten als die Republikaner. Die Republikaner haben aber im Haus ihre Mehrheit gehalten, weil die Wahlkreise zu ihrem Vorteil geschnitten sind.
Die Wahlreform steht ganz oben auf der Liste Ihrer Rezepte gegen die Krise. Sie schlagen vor, die Vorwahlen nicht auf die eingeschriebenen Anhänger einer Partei zu beschränken, sondern für die Gesamtbevölkerung zu öffnen.
Die Art, wie wir Kandidaten auswählen, favorisiert Radikale, auf beiden Seiten. Im Falle der Republikaner hat sich das aber ­besonders negativ entwickelt. Ein radikaler Flügel dominiert die Partei, obwohl es genügend Republikaner gibt, die durchaus pragmatisch ticken. Wir hatten republikanische Präsidenten wie Eisenhower und auch Nixon, die Exzesse kontrollierten und innenpolitisch nie die Mittelschicht aus dem Auge verloren haben. Im Gegenteil, unter ihnen blühte die Mittelschicht zum Nutzen aller.
Sie listen eine Reihe von Reformgruppen auf wie „Americans elect“. Aber für einen Marsch auf Washington wie vor fünfzig Jahren hat es noch nicht gereicht. Wann könnte eine kritische Masse der Proteste erreicht sein, wenn es nicht mal im Gefolge der Eigenheimkrise geklappt hat? „Occupy Wall Street“ ist verpufft.
Die Umwälzungen, die ich in meinem Buch beschreibe, haben zwei Generationen gedauert. Sie werden viele Jahre brauchen, ehe sie zu korrigieren sind. Aber ich denke, da gärt etwas. Die Menschen verabscheuen zum Beispiel diese Unsummen an Wahlkampfspenden. Aber noch immer zweifeln zu viele Bürger, dass sie wirklich selbst etwas ändern können.
Sie zitieren Deutschland als positives Beispiel, weil es seine Wirtschaft exportorientiert gehalten hat, mit einem viel größeren Anteil an Industriejobs als die USA. Ist es aber nicht vor allem die deutsche Neigung, dem Staat mehr Macht zuzugestehen, die hier hilfreich war? Kurzarbeitergeld, das in Deutschland in der letzten Krise viele Jobs gerettet hat, wäre in den USA undenkbar.
Nochmal: Amerika ist vielschichtiger, als es aussehen mag. George W. Bushs Finanzminister Henry Paulson, ein Wall-Street-Mann erster Güte, hatte gar kein Problem, Milliarden Dollar des Staates in die Hand zu nehmen, als es darum ging, den Feuersturm der Lehman-Krise zu löschen. Und mit ­Teilen dieses Geldes für die Banken hat Präsident Obama dann ja auch General ­Motors durch Verstaatlichung vor dem ­Exitus gerettet. In Krisenzeiten hat es immer die Bereitschaft gegeben, staatlich in den Markt einzugreifen. Präsidenten beider Parteien haben dabei auch ganz zielgerichtete Industrie-Förderpolitik betrieben. Sogar Ronald Reagan!
Zurück zum Druck, Reformen einzuleiten: Könnte 2014 schon eine Kongresswahl sein, die eine Wende bringt?
Ich bezweifle es, obwohl es nicht ausgeschlossen ist. Wenn nämlich der Etatstreit an den Republikanern kleben bleibt.
Die Rede ist davon, dass es wie 1994 zu einer Zwangsschließung der Bundesregierung kommen könnte, weil der Kongress kein Geld mehr genehmigt . . .
Ja, das könnte sein, und wenn Obama sich schlau anstellt, könnte er den Republikanern das ans Bein binden. Die Blockadehaltung der Republikaner könnte ein Schuss ins Knie werden.
Also ist doch ein neuer Marsch auf Washington denkbar?
Es gibt noch nicht diese nationale Bewegung wie wir sie vor fünfzig Jahren hatten. Aber zum Jubiläum der „I have a dream“-Rede hält Barack Obama eine Ansprache. Er wird es da tun, wo Dr. King stand, am Lincoln Memorial in Washington. Also ganz große Symbolik. Vielleicht ergibt sich daraus ein Moment, der uns zusammenschweißt und einen neuen Ruck auslöst.




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