Für seinen ersten englischsprachigen Spielfilm „The Room Next Door“ hat sich Pedro Almodóvar des Themas Sterbehilfe angenommen und Tilda Swinton sowie Julianne Moore für die Hauptrollen verpflichtet. Beim Festival in Venedig gab es dafür den Goldenen Löwen, den der spanische Filmemacher zum Videotelefonat stolz hinter sich ins Regal gestellt hat.
Herr Almodóvar, Ihr neuer Film „The Room Next Door“ ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Sigrid Nunez. Tauschen Sie sich in einem solchen Fall mit der Autorin aus?
Nein, gar nicht, denn werkgetreue Adaptionen haben mich noch nie interessiert. Ich habe Nunez überhaupt erst getroffen, als mein Drehbuch längst fertig war. Eine solche Vorlage ist für mich nie mehr als ein Mittel zur Inspiration, und es geht immer darum, aus dem Werk von jemand anderem mein eigenes zu machen. In diesem Fall waren es an ihrem Roman vor allem zwei Dinge, die mich interessiert haben: die Freundschaft zweier Frauen, die sich seit vielen Jahren kennen, und natürlich das zentrale Anliegen in dieser Geschichte. Also dass die eine angesichts ihrer unheilbaren Krebserkrankung die andere bittet, im Nebenzimmer zu verweilen, während sie mit Hilfe einer Tablette ihrem Leben ein Ende setzt. Davon ausgehend habe ich dann meine ganz eigene Geschichte entwickelt, die in vielen Punkten weit abweicht von der Vorlage.
Sterbehilfe dieser Art ist für viele Menschen nach wie vor ein heikles Thema, das kontrovers diskutiert wird. Sehen Sie Ihren Film als ein Plädoyer dafür?
Unbedingt. Ich weiß natürlich, dass es unterschiedliche Meinungen gibt zu diesem Thema und längst nicht alle Länder im Umgang damit so weit sind wie mittlerweile Spanien. Aber für mich persönlich ist die Sache eigentlich sehr klar und einfach, alles andere als kontrovers. In meinen Augen geht es da um eine Frage der Menschlichkeit, und es sollte ein Grundrecht sein, dass man über sein eigenes Leben entscheiden kann. Sicherlich muss die Politik eingreifen, um genau das möglich zu machen. Davon abgesehen allerdings gilt für mich: Nur mich selbst geht es etwas an, wenn mein Leben mir durch eine Krankheit, Schmerzen oder ähnliches unerträglich geworden ist.
Also sehen Sie „The Room Next Door“ auch als politischen Film?
Auf jeden Fall, zumal er mittels einer von John Turturro gespielten Nebenfigur auch einen Kommentar zum grassierenden Neoliberalismus und dem Erstarken der extremen Rechten auf der ganzen Welt abgibt. Außerdem schließen sich das Bekenntnis zur Sterbehilfe und der Gedanke, dass es einen Gott gibt, letztlich aus. Insofern ist eine Geschichte wie diese auch eine anti-religiöse und damit politische Angelegenheit.
Welchen Raum nimmt der Tod in Ihrem Leben ein? Ist das etwas, worüber Sie viel nachdenken?
Nicht wenn ich es vermeiden kann. Mein Verhältnis zum Tod und zum Sterben ist ein eher unreifes. Ich kann und will eigentlich nicht verstehen, dass unser Leben zu Ende gehen muss. Und der Gedanke, dass der Tod einen von einem Moment auf den nächsten ereilen kann, ist unvorstellbar für mich.
Konterkarieren Sie den Tod im Film auch deswegen wieder einmal mit möglichst farbenfrohen Bildern?
Da bin ich nicht der erste, denken Sie an die roten Wände und Fußböden in Ingmar Bergmans „Schreie und Flüstern“. Aber ja, natürlich war es mir, als jemandem der Farben liebt, wichtig, dass über meinem Film kein düsterer Schleier aus Grau- und Schwarztönen liegt, nur weil es hier ums Sterben geht. Vielmehr wollte ich mit den Kulissen, den Requisiten, den Kostümen die Lebendigkeit feiern, gerade auch die der sterbenden Martha. „The Room Next Door“ ist für mich trotz oder gerade wegen der Thematik ein leuchtender und vor allem optimistischer Film.
Die von Tilda Swinton gespielte, an Krebs erkrankte Protagonistin in „The Room Next Door“ wettert gegen jene Menschen, die eine solche Krankheit auch als Möglichkeit für spirituelles Wachstum sehen. Spricht sie Ihnen damit aus der Seele?
Vollkommen. Mit einem solchen positiv aufgeladenen Blick auf „Krankheit als Chance“ kann auch ich nichts anfangen. Was ja nicht heißt, dass man sich seinem Schicksal kampflos ergibt. Im Gegenteil: auch Tildas Figur im Film versucht, den Krebs zu besiegen bevor er sie besiegt. Aber sie sträubt sich gegen diese Vorstellung davon, dass jeder, der der Krankheit nicht erliegt, ein Überlebender ist. Eine Art Held also. Denn das impliziert, dass alle anderen Verlierer sind, die nicht genug gekämpft haben.
Eine letzte Frage noch mit Blick auf den 75. Geburtstag, den Sie gerade gefeiert haben: fühlen Sie sich inzwischen eigentlich alt?
Alt im Sinne von: bereit fürs Abstellgleis? Kein bisschen. Deswegen freue ich mich auch jetzt schon darauf, gleich im kommenden Jahr mit der Arbeit am nächsten Film zu beginnen. Nur körperlich merke ich natürlich doch hin und wieder, dass meine Jugend eine Weile her ist. Wenn ich daran denke, wie ich in den 80er Jahren die ganze Nacht lang durchfeiern konnte und trotzdem am nächsten Morgen hinter der Kamera stand, erscheint mir das dann doch sehr weit weg.
Der Regisseur und sein Film
Karriere
Pedro Almodóvar, Jahrgang 1949, ist der spanische Meisterregisseur unserer Zeit. Seit den 1980er Jahren begeistert er mit seinen häufig autobiografisch gefärbten Stoffen ein internationales Publikum. Seine Geschichten sind stets dicht und emotional, sie vereinen oft Drama und Komödie. Sein Filmtitel „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ („Mujeres al borde de un ataque de nervios“) ist zum geflügelten Wort geworden.
Politik
Der offen schwul lebende Almodóvar steht mit seinem Werk auch für die gesellschaftliche Öffnung Spanien nach Ende der Franco-Diktatur. Die erstaunliche Modernisierung, die das Land erlebt hat, spiegelt sich in vielen Filmen – die Geister der Vergangenheit bleiben aber stets gegenwärtig.
The Room Next Door.
Spanien 2024. Regie: Pedro Almodóvar. Mit Julianne Moore und Tilda Swinton. 107 Minuten. Ab 12 Jahren