InterviewInterview mit dem Theologen Jürgen Moltmann „Gottebenbildlichkeit ist die Würde jedes Menschen“

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Es könnte aber lange dauern, bis muslimische Männer beispielsweise akzeptieren, dass Frauen bei uns gleichberechtigt sind.
Sie werden das rasch lernen müssen, sonst wären sie hier fehl am Platz. Die Gleichberechtigung ist eine westliche Errungenschaft aus dem Zeitalter der europäischen Aufklärung und des modernen Humanismus. Sie verwirklicht aber auch christliche Erkenntnisse, im Buch Genesis heißt es: „Gott schuf den Menschen ihm zu Bilde, zum Bilde Gottes schuf er sie, Mann und Frau.“ Gottebenbildlichkeit ist die Würde jedes Menschen, jeder menschlichen Person, Männer und Frauen gleichermaßen.
Sie sind seit 1952 mit der feministischen Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel verheiratet. Waren Sie sich in der Auslegung der Bibel stets einig, oder gab es Differenzen?
Wir haben viel über Glaubensfragen diskutiert, aber nie vor dem Frühstück. Oft ging es darum, wie man mit dem Bösen umgeht: Männer töten es und verbreiten damit wieder Böses, Frauen verwandeln das Böse in Gutes und stiften damit Frieden. Diese Verhaltensmuster waren auch bei Elisabeth und mir angelegt, aber mit den Jahren habe ich eingesehen, dass es besser ist, wie die heilige Martha den Drachen zu zähmen, als ihn wie der heilige Georg umzubringen.
Sie haben nun ein biblisches Alter erreicht . . .
. . . ich muss Sie korrigieren: Nach Psalm 90 beginnt das „biblische Alter“ bei 70 Jahren und endet bei 80 Jahren. Das nächste „biblische Alter“ findet man bei Abraham und Hiob, sie wurden jeweils über 145 Jahre alt.
Ich frage anders: Sie werden in wenigen Tagen 90 Jahre alt und wissen, dass Ihre Zeit auf Erden recht begrenzt ist. Haben Sie eine Vorstellung davon, was danach kommt?
Um erneut Ernst Bloch zu zitieren: Ich bin neugierig, was ich sehen werde. Es wird gewiss kein Nichts eintreten, ich bin für jede Überraschung offen. Jesus ist auferstanden. Wir werden ihm folgen, ob wir an ihn glauben oder nicht.
Welchen Plan verfolgt Gott damit, dass er Sie so lange auf dieser Welt lässt?
Das weiß ich nicht, aber ich habe eine Vermutung: Als 17-Jähriger erlebte ich die Zerstörung meiner Heimatstadt Hamburg. Der Schulfreund, der neben mir an der Flakbatterie stand, wurde von der Bombe getroffen, die mich verschonte. Damals habe ich zum ersten Mal nach Gott geschrien und mich gefragt, warum ich nicht tot bin, sondern lebe. Darauf suche ich noch immer eine Antwort. Vielleicht muss ich so lange auf dieser Welt umherirren, bis ich sie gefunden habe.
Dieses „Umherirren“ führte Sie unter anderem zu Kelly Gissendaner, einer zum Tode Verurteilten. Wie kam es zu der Begegnung?
Kelly machte im Gefängnis im US-Staat Georgia eine Ausbildung zur Seelsorgerin, dabei stieß sie auf meine Bücher. Sie schickte mir einen Aufsatz, den sie über Dietrich Bonhoeffer verfasst hatte. Daraus entwickelte sich eine Brieffreundschaft. Uns verband das Wissen, was es bedeutet, gefangen zu sein – ich war von 1945 bis 1948 in britischer Kriegsgefangenschaft. Unsere Korrespondenz drehte sich um die Frage, ob man auch hinter Stacheldraht Freiheit finden kann. Einmal schickte ich ihr ein kleines Stück Stoff, gemustert, mit blauem Rand und ein paar Worten dazu: „Wenn dir die Tränen kommen, nimm mein Taschentuch.“ Sie schrieb zurück: „Das ist die herzlichste Geste, die ich in 18 Jahren Haft erlebt habe. Danke. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel mir das bedeutet.“ 2011 habe ich Kelly im Gefängnis besucht.

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