Herr Hoerr, Sie sind am 11. März nach zwei Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender wieder an die Spitze von Curevac zurückgekehrt. Vier Tage später, an einem Wochenende mit Gerüchten, die USA wollten Ihr Unternehmen kaufen, waren Sie plötzlich verschwunden.
Ingmar Hoerr: Ich hatte ein Aneurysma. In meinem Kopf ist eine Arterie gerissen. Das hat mich in einem Hotel in Berlin erwischt. Angestellte des Hotels haben mich bewusstlos auf meinem Zimmer gefunden, nachdem meine Assistentin sich Sorgen gemacht hatte. Dann hat zum Glück alles sehr gut funktioniert: Ich bin von einem sehr guten Arzt in der Charité operiert worden und dann für fast sechs Wochen in ein künstliches Koma versetzt worden.
Woran können Sie sich erinnern?
Hoerr: Mein Erinnerungsvermögen setzt erst einige Wochen später ein. Ich war im Aufwachprozess extrem desorientiert. In der Charité haben sich auch russisch-sprachige Pflegekräfte um mich gekümmert. Ich habe dann gedacht, ich sei vom russischen Geheimdienst KGB entführt worden. Ich wusste überhaupt nicht, was los war, und habe zeitweise noch nicht mal meine Frau erkannt. Ich habe dann auch lange mit den Ausfällen unterschiedlicher Art gekämpft: Ich saß anfangs im Rollstuhl, und mein Gedächtnis war sehr eingeschränkt. Aber ich bin Kämpfen gewohnt, und das war ein Kampf gegen mich – oder auch für mich – selbst. Das war vielleicht auch der Grund, weshalb alles gut ausgegangen ist. Zum Glück habe ich erst sehr spät erfahren, dass meine Überlebenswahrscheinlichkeit sehr gering war.
Wie geht es Ihnen jetzt?
Hoerr: Ich bin wieder ganz gut beieinander, körperlich und geistig. Auch mein Kurzzeitgedächtnis ist viel besser. Ich mache gute Fortschritte und bin zufrieden.
Herr Haas, Sie waren mit Ingmar Hoerr in Berlin. Wie haben Sie das erlebt?
Franz-Werner Haas: Ingmar und ich kennen uns schon viele Jahre. Wir wollten mit dem Sammeltaxi – wir sind immer noch Schwaben – zum Flughafen fahren. Als er nicht kam, dachte ich, er müsse schon unterwegs sein. Erst später wurde mir klar, dass ihm etwas passiert war. Ich wusste aber nicht, ob er einfach nur gestürzt ist oder einen Schlaganfall hatte.
Waren Sie in Berlin, um über einen Einstieg des Bundes bei Curevac zu verhandeln, nachdem es den Versuch von Donald Trump gab, Ihr Unternehmen in die USA zu lotsen?
Hoerr: Daran kann ich mich nicht so genau erinnern. Ich glaube, es waren eher lockere Gespräche. Franz, weißt du das?
Haas: Wir haben uns mit Vertretern verschiedener Ministerien getroffen. Wir waren überzeugt, dass wir mit unserer mRNA-Technologie – also der Nutzung von Botenstoffen, die für die Kommunikation zwischen den Zellen zuständig sind – und den im Aufbau befindlichen Produktionskapazitäten eine Lösung für die Eindämmung des Coronavirus in Händen halten.
Das Wochenende hatte für Sie noch eine weitere Herausforderung parat.
Haas: Ich bin samstags spätabends aus Berlin zurückgekehrt, und am Sonntagmorgen um 7 Uhr weckte mich meine Frau mit den medial verbreiteten Nachrichten, dass Donald Trump Curevac angeblich übernehmen wollte. Vor unserem Firmensitz in Tübingen gab es im Laufe des Sonntags sogar Demonstrationen gegen einen Verkauf in die USA. Wir haben dann sehr schnell klar dementiert – das war eine große Teamleistung an einem sehr extremen Tag.
Herr Hoerr, wieso sind Sie im März nach zwei Jahren als Aufsichtsratschef wieder Vorstandschef geworden?
Hoerr: Es war klar geworden, dass sich Curevac komplett auf die Herstellung eines Impfstoffs gegen Covid-19 konzentrieren musste. Ich hatte die Kenntnisse dafür.
Haas: Curevac hat bis Anfang des Jahres in den Bereichen Impfstoffe, Krebsforschung und Proteintherapien gearbeitet. Im Januar haben wir in einer klinischen Studie festgestellt, dass unser Tollwutimpfstoff sehr potent ist. Und nach der Entschlüsselung des Sars-CoV-2-Virus waren wir davon überzeugt, dass wir den Schlüssel für die Bekämpfung von Covid-19 in der Hand hielten. Darauf konzentrieren wir uns seitdem mit aller Kraft.
Das scheint Sie und andere beflügelt zu haben. Noch vor einem Jahr hieß es, die Entwicklung eines Vakzins gegen Covid-19 könne zehn Jahre dauern, jetzt ging es in weniger als zwölf Monaten. Wie ist das möglich?
Haas: Es kann leicht 20 Jahre dauern, eine neue Technologie zu entwickeln, wie es Ingmar Hoerr durch die Nutzung der Boten-RNA als Träger medizinischer Anwendungen gelang. Vor 15 Jahren hat Curevac die erste Produktionsanlage für solche Moleküle aufgebaut. Wenn die Technik aber etabliert ist, dann können solche Entwicklungen sehr schnell gehen. Vermutlich hat die mRNA-Technik bei den Impfstoffen derzeit ihren besten Anwendungsbereich, deshalb braucht man auch nur so geringe Dosen im Mikrogrammbereich. Hinzu kommt: Es gibt ein ganz klares Ziel – das sogenannte Spike-Protein im Coronavirus. In der Krebsbekämpfung muss man gegen körpereigene Zellen kämpfen, das ist viel schwieriger. Und zu guter Letzt: Der Wettbewerb, etwa durch das US-Unternehmen Moderna oder Biontech aus Mainz, treibt uns alle an. Es ist ein Wettlauf gegen den Virus und die Zeit.
Wenn alles so schnell gehen musste, gibt es Kompromisse bei der Wirksamkeit des Impfstoffs oder der Zulassung?
Haas: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Wirksamkeit des Impfstoffs von bis zu 95 Prozent ist überragend. Zum Vergleich: Ein normaler Grippeimpfstoff hat eine Wirksamkeit von 40 bis allenfalls 75 Prozent. Und die Zulassungsbehörden prüfen alles äußerst gründlich und nach den anerkannten Standards. Natürlich muss man nun die Geimpften längere Zeit begleiten und überprüfen, welche Nebenwirkungen auftreten und auch wie lange sie geschützt sind. Künftig, wenn wir ausreichende Produktionskapazitäten haben, sind wir bei einer Mutation des Virus sogar noch schneller mit der Versorgung von mRNA-basierten Impfstoffen als zuvor.
Wenn Curevac der Vorreiter der mRNA-Technologie war, warum sind Ihnen Moderna und Biontech voraus?
Haas: Zum einen haben wir Zeit gebraucht, aus verschiedenen Kandidaten den besten Produktkandidaten zu bestimmen, mit dem wir dann die klinische Entwicklung und Produktion begonnen haben. Zum Zweiten haben wir den Impfstoff allein entwickelt und hatten keinen Pharmariesen wie Pfizer an unserer Seite. Und zum Dritten haben wir Zeit investiert in die Stabilität des Moleküls: All unser Wissen der letzten 20 Jahre steckt darin.
Aber kommen Sie dann nicht zu spät?
Hoerr: Es gibt nicht genügend Impfstoff weltweit. Die gesamte Welt muss immunisiert werden, schon aus ethischen Gründen. Und alle müssen ein Interesse daran haben, das Virus weltweit zu bekämpfen. Wenn es – womöglich mutiert – aus einer anderen Ecke der Welt zurückkehrt, dann leiden alle. Außerdem sprechen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen möglicherweise anders auf verschiedene Impfstoffe an. Zu guter Letzt hat unser Impfstoff auch Vorteile gegenüber dem der Wettbewerber.
Nämlich welche?
Haas: Die Dosis, die verabreicht werden muss, ist geringer als bei anderen Vakzinen. Außerdem kann unser Impfstoff drei Monate bei Kühlschranktemperatur gelagert werden, was enorme Vorteile gegenüber Produkten bringt, die bei minus 70 Grad aufbewahrt werden müssen. Das ist vor allem in Entwicklungsländern von Vorteil. Aber auch die Impfung etwa in Altenheimen in Industrieländern ist mit unserem Impfstoffkandidaten viel einfacher.
Woher kommen die großen Unterschiede in der Kühlung?
Hoerr: Es war mir immer sehr wichtig, bei der Entwicklung möglichst nah an der Natur zu bleiben, also die mRNA ohne chemische Modifikationen zu erstellen. Das dauert länger in der Entwicklung, hat aber auch das Potenzial, die Lagerfähigkeit zu verbessern. Außerdem haben wir durch unsere lange Zusammenarbeit mit der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die Impfprogramme in Entwicklungsländern fördert, den Fokus unserer Arbeit neben der Wirksamkeit immer auch auf Haltbarkeit gelegt. Soweit ich weiß, arbeiten die anderen an dieser Stelle jetzt nach.
Inwieweit teilen Sie und Ihre Wettbewerber Forschungsergebnisse?
Hoerr: Ich war sehr früh mit Biontech-Gründer Ugur Sahin in Kontakt, genauso wie mit Moderna-Chef Stéphane Bancel. Wir haben uns gegenseitig gestärkt, das war extrem wichtig. Wir sehen uns als Gemeinschaft. Wir brauchen einander. Das Brett, das wir bohren, ist einfach zu dick für ein Unternehmen allein.
Haas: Die an der Covid-19-Impfstoffentwicklung beteiligten Unternehmen kommunizieren sehr offen in der Grundlagenforschung und auch der klinischen Entwicklung und sind entsprechend gut über die Daten der anderen Produktentwicklungen informiert. Das ist ein internationaler Kodex, und es würde das Vertrauen erschüttern, wenn einige mit Daten hinter dem Berg hielten. Einzige Ausnahme ist anfänglich der russische Sputnik-Impfstoff; das ist nicht gut.
Was halten Sie von der Initiative der Welthandelsorganisation, den Schutz für geistiges Eigentum für Covid-19-Impfstoffe auszusetzen?
Haas: Ich halte das für absolut richtig. Es gibt zwei Schulen. Die eine sagt: Es sollen gar keine Patente dafür erteilt werden. Das wäre innovationsfeindlich. Etwas anderes ist es, wenn man ein Schutzrecht grundsätzlich anerkennt, das in dieser dramatischen Situation aber aussetzt und nicht durchgesetzt wird.
Sie haben Anfang der Woche verkündet, dass Sie nun in die letzte große Erprobungsphase für Ihren Impfstoff gehen. Wann rechnen Sie mit einer Zulassung?
Haas: Wir testen den Wirkstoff nun an mehr als 35 000 Probanden. Im ersten Quartal 2021 wollen wir vorläufige Daten haben; auf dieser Basis glauben wir, eine vorläufige Zulassung für unseren Impfstoff zu erhalten, vorausgesetzt, die Ergebnisse entsprechen unseren hohen Erwartungen. Im zweiten Quartal könnten wir mit der Impfung beginnen. Die endgültige Zulassung käme dann später im Jahr.
Es geht nun darum, möglichst schnell möglichst viel Impfstoff zu erstellen. Wie viele Dosen haben Sie schon, wie viele können Sie bis wann liefern?
Haas: Wir gehen da ziemlich ins Risiko. Den Impfstoff produzieren wir seit Ostermontag. Das, was wir dieses Jahr produzieren, benötigen wir vor allem für unsere Studien. Für die Massenproduktion haben wir ein Produktionsnetzwerk aufgebaut. Wir wollen 2021 bis zu 300 Millionen Dosen herstellen, 2022 werden es bis zu 600 Millionen Dosen.
Wie schnell geimpft werden kann, hängt von den Zulassungsbehörden und der Impfbereitschaft ab. Sinkt diese derzeit?
Hoerr: Die Dinge gehen Hand in Hand. Die Zulassungsbehörden müssen extrem verantwortungsbewusst arbeiten, das tun sie. Eine gewisse Impfskepsis nehme ich schon wahr, was ich einerseits verstehen kann, andererseits aber auch sehr befremdlich finde. Um dagegen zu wirken, hilft nur maximale Transparenz. Wir müssen erklären, warum wir den Impfstoff so schnell entwickeln konnten, was die neue Technologie bedeutet. Und auch die Grenzen unserer Erkenntnis deutlich machen: So wissen wir etwa noch nicht, ob Geimpfte nicht nur sich selbst, sondern auch andere schützen, indem sie das Virus nicht mehr weitergeben.
Nach Ihrer Einschätzung: Bis wann können wesentliche Teile der deutschen Bevölkerung geimpft sein?
Haas: Bis zum Sommer könnten besondere schutzbedürftige Gruppen geimpft sein. Bis Ende 2021 sollten auch all diejenigen geimpft werden können, für die noch spezifische Studien durchgeführt werden müssen, wie etwa Kinder oder Menschen mit Vorerkrankungen. Klar ist: Was wir jetzt machen, gilt auch für die Zukunft. Es wird weitere Ausbrüche dieser Art geben. Wir wissen bloß nicht, wann sie kommen.
Kann man beim Impfstoff frei wählen?
Haas: Davon gehe ich aus. Allerdings gilt das wohl innerhalb gewisser Grenzen und insbesondere nach medizinischen Vorgaben. Möglicherweise sind manche Impfstoffe für bestimmte Menschen besser oder schlechter geeignet. Auch da müssen alle Daten offengelegt werden.
Sind die Impfstoffe alle gleich teuer?
Haas: Es gibt unterschiedliche Ansätze. Jedenfalls müssen die Kosten abdeckt sein, aber es sollte auch nicht teurer sein als ein klassischer Grippeimpfstoff. Curevac wird seinen Impfstoff wegen der geringen erforderlichen Dosis und der günstigen Logistik zu einem sehr kompetitiven Preis anbieten.
Wann wird Curevac Gewinne erzielen?
Haas: Wir stecken gerade in der Jahresplanung. Als ich die Zahlen zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, da hätte jemand eine Null zu viel eingetragen. Im Ernst, wir wachsen extrem schnell und fahren die Produktionskapazitäten sehr schnell hoch. Wir werden 2021 noch keine schwarzen Zahlen schreiben, aber 2022 sollte es so weit sein.
Haben Sie viel Personal aufgebaut?
Haas: Auch da gilt: Wir wachsen sehr schnell. Wir haben 2020 mehr als 170 neue Mitarbeiter in Tübingen eingestellt. Jetzt arbeiten bei uns 560 Beschäftigte. Für unsere Standorte Tübingen und Frankfurt suchen wir mehr als 200 weitere Mitarbeiter. Wir sind als Arbeitgeber attraktiv: Dieses Jahr haben sich mehr als 12 000 Experten bei uns beworben.