Interview mit den Personalchefs von Daimler und Bosch „Transparenz führt oft zu Neiddebatten“

Wilfried Porth (re.) ist Personalchef bei Daimler, Christoph Kübel hat diese Funktion bei Bosch. Beide sitzen außerdem im Präsidium und der Vollversammlung der IHK Region Stuttgart. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Wilfried Porth (re.) ist Personalchef bei Daimler, Christoph Kübel hat diese Funktion bei Bosch. Beide sitzen außerdem im Präsidium und der Vollversammlung der IHK Region Stuttgart. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Höhe der Gehälter von IHK-Chefs sind umstritten. Kritiker fordern eine Offenlegung der Gehälter auch in Stuttgart. Was Wilfried Porth und Christoph Kübel, IHK-Präsidiumsmitglieder und Personalschefs bei Daimler beziehungsweise Bosch, darüber denken, verraten sie im Interview.

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Stuttgart - Noch bis zum 26. Juli können Unternehmen die Vertreter für die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart wählen. Auch Porth und Kübel kandidieren wieder. Im Interview sprechen sie auch über die Vorwürfe der Kammerkritiker.

Herr Porth, Herr Kübel, die Wahlbeteiligung bei IHK-Wahlen ist extrem gering. Warum ist es bislang noch nicht gelungen, mehr Interesse der Unternehmen an der Arbeit der IHK zu wecken?
Porth: Das Thema niedrige Wahlbeteiligung ist nicht nur ein Phänomen bei IHK-Wahlen. Das gibt es auch in der Politik. Unser Ziel ist es die Wahlbeteiligung zu steigern, weil die IHK wertvolle Arbeit leistet.
Eine Wahlbeteiligung, die lediglich bei 9 Prozent liegt, ist schon etwas Besonderes.
Kübel: Wir können alle Mitglieder nur ermuntern zu wählen. Schließlich repräsentiert die IHK die wirtschaftlichen Interessen unserer Region.
Porth: Es gibt leider auch viele Unternehmen, die sagen: Es läuft doch gut. Warum soll ich mich da noch besonders engagieren und wählen.
Die Kammergegner empfinden das nicht so. Was würde es denn für die Handlungsfähigkeit der Vollversammlung bedeuten, wenn die Kakteen künftig mehr Vertreter stellen würden als nach der letzten Wahl?
Kübel: Die Vollversammlung wird von den IHK-Mitgliedern demokratisch gewählt. Sie ist ein Gremium, in dem es unterschiedliche Interessen gibt. Diese muss man diskutieren, um dann zu Lösungen zu kommen. Das hat bisher funktioniert – auch wenn die Interessen manchmal sehr unterschiedlich waren. Unser Ziel ist es, diesen Prozess zum Wohl aller Mitgliedsunternehmen und der Wirtschaftsregion Stuttgart fortzusetzen.
Wie gelingt es, die Auseinandersetzung mit den Kammergegnern zu professionalisieren. In der Vergangenheit wurden Differenzen geradezu krawallartig ausgetragen.
Porth: Krawallartige Szenen habe ich nicht in Erinnerung.
Die Kaktusgruppe ist einmal ausgezogen, so dass die Vollversammlung nicht mehr beschlussfähig war. Viele Streitigkeiten landen vor Gericht.
Porth: Jeder hat das gute Recht die Versammlung zu verlassen, wenn er dies für richtig hält. Und natürlich gab es hitzige und nicht immer fruchtbare Diskussionen. Wir wollen und unterstützen einen kritischen und offenen Dialog. Aber oft wurde dabei gar nicht die ganze Breite der Themen behandelt, mit denen die IHK zu tun hat. Manche haben einzelne Themen herausgegriffen und die Vollversammlung als Bühne benutzt, um ihre grundsätzlichen Einzelpositionen darzustellen. Uns geht es darum, dass man die Aufgaben der IHK und die dazu nötige Meinungsbildung offen und effizient gestaltet. Zur Demokratie gehört aber auch, dass Themen nach der zehnten Behandlung nicht immer wieder besprochen werden.
Es gibt ja immer wieder Diskussionen über die Gehälter der Geschäftsführung. Könnte man den Kritikern denn nicht den Wind aus den Segeln nehmen, wenn man in dieser Frage eine Transparenzoffensive starten würde – und die Gehälter offen legt?
Porth: Das ist vollkommen transparent für die gewählten Gremien, die über solche Fragen entscheiden.
Kübel: Und gewählt werden sie von den Mitgliedern der Vollversammlung.
Manche IHKs weisen das Gehalt der IHK-Geschäftsführung für die Öffentlichkeit einsehbar einzeln aus. In Stuttgart wird nur gezeigt, was die Geschäftsführung insgesamt verdient, nicht, was der einzelne bekommt. Das fördert natürlich allerhand Gerüchte.
Porth: Das Wichtigste ist, dass die Geschäftsführung für die IHK eine gute Arbeit abliefert. Auch in Unternehmen und Verbänden gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen. Manche weisen das Gehalt für eine Gruppe aus, andere für einzelne Geschäftsführer. Wir könnten natürlich eine Grundsatzdiskussion über die Transparenz von Gehältern führen, die über die IHK hinaus geht. In Deutschland wollte man durch Transparenz Exzesse bei den Gehältern vermeiden. Tatsächlich aber hat die Transparenz in vielen Fällen zu Gehaltserhöhungen geführt – und zudem zu einer Neiddebatte.
In der Vergangenheit gab es auch bei der Stuttgarter IHK die Überlegung, mit den Gehältern transparenter umzugehen. Derzeit ist das also kein Thema mehr?
Porth: Warum soll es denn ein Recht der IHK-Mitglieder geben, einzelne Gehälter zu erfahren? Die IHK hat Gremien, an die sie Aufgaben wie die Gehälter delegiert hat. Dort werden Zahlen angeschaut und mit anderen Gehaltsstrukturen und Wettbewerbsdaten verglichen. Auf dieser Basis wird entschieden, ob die Gehälter angemessen sind. Die Gehälter müssen zudem auch so gestaltet sein, dass die IHK ein attraktiver Arbeitgeber ist – und: Es ist nicht jedem zuzumuten, dass sein Gehalt in der Zeitung steht.
Ein weiteres strittiges Thema ist die Pflichtmitgliedschaft? Ist diese denn überhaupt noch zeitgemäß?
Kübel: Für mich ist die Pflichtmitgliedschaft ein Ausdruck der Solidarität. Die IHK ist verpflichtet, allen ihren Mitgliedern dieselben Leistungen zu bieten, unabhängig davon, ob sie einen Beitrag zahlen oder nicht. Die IHK ist eine Solidargemeinschaft der Unternehmen.
Würden Sie so weit gehen, zu sagen, gerade die, die Pflichtmitgliedschaft am stärksten kritisieren, profitieren am meisten davon?
Kübel: Wenn man sich die Beitragsstruktur anschaut, sieht man, dass 40 Prozent der Mitglieder keinen Beitrag zahlen. Sie beteiligen sich also finanziell nicht an der Arbeit der IHK, können aber ihre Leistungen in Anspruch nehmen. Es ist richtig, dass die Höhe des Beitrags vom Ertrag der Unternehmen abhängt. Genau das ist doch unsere Solidargemeinschaft.
Porth: Was man sicher nochmal diskutieren müsste, ist die Frage, ob jemand wirklich Unternehmer und somit Pflichtmitglied ist, wenn er drei Solarzellen auf seinem Dach hat und seinen Strom ins Netz liefert. Aber grundsätzlich leistet die IHK für alle Unternehmen eine extrem wichtige Arbeit.
Zum Beispiel?
Porth: Man muss doch nur mal unser duales Ausbildungssystem anschauen, um das wir in der ganzen Welt beneidet werden. Das ist ein richtiger Exportschlager. Das würde ohne die IHK nicht funktionieren. Wenn bei Berufsausbildung und Prüfungen jeder sagen könnte, er macht da nicht mit, dann wären wir fast in einer Brexit-ähnlichen Diskussion.
Kübel: Gerade auch für Start-ups in der vernetzten Welt, die wir dringend brauchen, ist die Beratung durch die IHK wichtig. Da geht es um Rechtsfragen, um Marktchancen und vieles mehr.
Was hat die IHK darüber hinaus erreicht in den letzten Jahren?
Porth: Um ein Beispiel zu nennen: Wir haben das Thema Verkehrsinfrastruktur weiter diskutiert und wir sind weiter dabei, eine Lösung für die Verkehrsprobleme und die gesamten Umweltthemen zu finden, die sich beispielweise auch aus der Stuttgarter Kessellage ergeben. Auch die Frage, wie wir Flüchtlinge möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integrieren können, beschäftigt uns.
Kübel: Darüber hinaus passen wir die Ausbildungsinhalte an. Zum Beispiel integrieren wir IT-Themen in die Lehrpläne, da diese in der vernetzten Industrie immer wichtiger werden.
Sie kandidieren in der Industrie-Gruppe der IHK Region Stuttgart. Welches sind für Sie die wichtigsten Themen?
Porth: Wir wollen weiter die Interessen der Wirtschaft bündeln. Dann haben wir eine stärkere Position – auch gegenüber der Politik. Zudem brauchen wir neuen Erfindergeist in unserer Region, wir brauchen mehr Start-up-Unternehmen. Die Leute haben tolle Ideen, aber sie sind in vielen Dingen nicht firm: Das reicht von der Bürokratie bis zur Frage möglicher Ansprechpartner für Förderanträge. In dieser Frage ist die IHK künftig noch deutlich stärker gefordert, als dies in der Vergangenheit der Fall war.
Kübel: Um die Herausforderungen einer vernetzten Welt erfolgreich meistern zu können, müssen wir die Innovationskraft in Baden-Württemberg stärken. Die IHK kann Impulse setzen, indem sie die Rahmenbedingungen für Start-ups verbessert, z. B. durch die Beratung bei Förderanträgen und den Wissenstransfer zwischen Unternehmen und Wissenschaft. Dem demografischen Wandel begegnen wir mit dem Ausbau der dualen Ausbildung und Weiterbildungsangeboten in allen Lebensphasen unserer Mitarbeiter.
Hat Baden-Württemberg bei Innovationen Nachholbedarf?
Kübel: Wir haben in Baden-Württemberg viele hochattraktive, technologisch führende Unternehmen. Mit der IHK ist es uns wichtig, gute Rahmenbedingungen für den Wirtschaftsstandort zu schaffen. Dazu gehört für mich auch, Digitalisierung bereits in Schulen zum Thema zu machen. Dabei können wir unterstützen.
Porth: Wir müssen einfach sehen, dass wir mittlerweile in einer Zeit leben, in der es nicht nur um technische Innovationen geht. Es geht um neue Geschäftsmodelle. Und dazu ist eine andere Art der Zusammenarbeit nötig. Warum entstehen so viele Unternehmen im Silicon Valley, in Israel oder in Berlin? Warum sind wir da in Stuttgart noch ein Stück weit hinten dran? Das sind die Themen, bei denen die IHK auch gegenüber der Politik eine gute Plattform ist. Wir müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen an diese Welt anpassen.
Was meinen Sie?
Porth: Es kann doch nicht sein, dass Politiker in das Silicon Valley fahren und dort alles großartig finden, aber nicht erkennen, dass dort beispielsweise im Hinblick auf Arbeitszeitgesetze viel mehr Flexibilität möglich ist. In Deutschland müssen die Beschäftigten stempeln, elf Stunden Arbeitspause machen und sich mit Werkverträgen und Dienstverträgen herumschlagen. All das passt nicht zu der neuen Welt.
Kübel: Bei Bosch setzen wir auf Ergebnisorientierung statt Präsenzkultur. Wir wollen die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben deutlich verbessern. Und unsere Mitarbeiter nutzen das intensiv. Ich bekomme aber von den Beschäftigten die Rückmeldung, dass wir in Deutschland Gesetze anpassen müssen. Ein Beispiel: Wenn Sie tagsüber die Schulvorführung Ihrer Kinder besuchen und die Zeit abends nacharbeiten wollen, müssen Sie laut Gesetz elf Stunden Ruhepause einhalten, bevor Sie Ihren Rechner am nächsten Tag wieder hochfahren. Um unseren Mitarbeitern in solchen Situationen mehr Flexibilität und Selbstbestimmtheit zu ermöglichen, wünschen wir und viele unserer Mitarbeiter uns eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes.

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