Legendäres „Lesenswert-Reitgespräch“: Denis Scheck beim Interview im Sattel mit der Schriftstellerin Juli Zeh. Foto: SWR/Thomas Ernst
Er ist im Remstal, oder besser auf dessen Höhen, auf den Berglen, aufgewachsen und gilt als Deutschlands wichtigster Literaturkritiker. Kurz vor seinem Gastspiel in Fellbach äußert er sich im Gespräch über sein seriöses Auftreten, die „Reitgespräche“ mit Juli Zeh, sein Lesetempo und über sein Faible für Fellbacher Wein.
Dirk Herrmann
22.09.2024 - 10:56 Uhr
Als einer von drei Gästen ist der 59-jährige gebürtige Stuttgarter Denis Scheck auf Einladung der Kulturgemeinschaft Fellbach gemeinsam mit den Autorinnen Lena Gorelik und Nell Zink am 25. September in der Musikschule zu erleben. Kurz davor stellt sich der Literaturexperte mit der spitzen Zunge unseren Fragen.
Herr Scheck, Konzernchefs halten Bilanzpressekonferenzen im Poloshirt. Sie hingegen sind stets wie aus dem Ei gepellt vor der Kamera – mit Anzug, Weste und farblich abgestimmter Krawatte, Einstecktuch und Kniestrümpfen. Eine Marotte oder ein Hinweis, wie seriös Sie es mit Ihren Tipps meinen?
Wer Wert auf Seriosität legt, ist im Feuilleton vielleicht nicht unbedingt richtig. Ich schätze die Seriosität meiner verehrten Kolleginnen und Kollegen in etwa so hoch ein wie die von Gebrauchtwagenhändlern, Schiffschaukelbesitzern und Veranstaltern von Damen-Schlamm-Catch-Turnieren. Aber von Thomas Mann habe ich gelernt, dass Formen kein leerer Wahn sind. Und wenn man schon die ärmste Sendung im deutschen Fernsehen moderiert, sollte man wenigstens den Anstand besitzen, sich das nicht ansehen zu lassen.
Stets aus dem Ei gepellt, mit farblich zur Krawatte und den Strümpfen passendem Einstecktuch: Denis Scheck. /Alexander Hornoff
Fast legendär war Ihr sattelfestes Gaul-an-Gaul-Interview mit der Schriftstellerin Juli Zeh. „Reitgespräche“ hieß es. Wie kommt man nur auf so ein ungewöhnliches Format?
Juli Zeh ist eine passionierte Reiterin. Ich habe diese Form des Interviews einmal mit meinem alten Freund aus Übersetzertagen, Harry Rowohlt, entwickelt, von dem ich wusste, dass er als junger Mann genau wie ich auch eher gegen seinen Willen reiten lernen musste. Er hatte damals eine Western-Parodie veröffentlicht, also lag es nahe, das Gespräch im Sattel zu führen. Das haben wir dann zwei-, dreimal wiederholt, bis wir es tatsächlich mit einem Foto ins Editorial der Pferdezeitschrift „Cavallo“ schafften. Insbesondere die Bildunterschrift machte uns stolz: „Das gerittene Interview setzt sich mehr und mehr durch.“
Die donnerstägliche Sendung „Kunscht“ wurde entsorgt, „Lesenswert“ soll 2025 eingestellt werden. Was sagen Sie zum kulturellen Kahlschlag im TV?
Jammern hilft jedenfalls gar nichts. Es gilt, Banden zu bilden – und an Stelle der alten kulturellen Lagerfeuer neue zu entfachen.
Und was ist mit dem ominösen, bösen „N-Wort“? Pippi Langstrumpfs Papa heißt ja schon länger „Südseekönig“. Sie haben diese „übergriffige politische Korrektheit“ seinerzeit kritisiert. Hält Ihr Zorn bei diesem Thema an?
Offen gestanden habe ich größere Sorgen. Es ist schlicht eine Frage der Höflichkeit, Rücksicht darauf zu nehmen, wer wie angesprochen werden möchte. Ich bin ein höflicher Mensch – oder bemühe mich zumindest darum, einer zu sein. Niemand hindert uns daran, klüger zu werden und unserem Denken ein Upgrade zu verleihen. Andererseits ist es eine Frage des Respekts vor der Kunst, nicht bewaffnet mit den billigen Selbstgewissheiten unserer Gegenwart in kanonischen Texten herumzuredigieren – auch nicht in kanonischen Texten der Kinderliteratur. Eines steht fest: Spätere Generationen werden herzhaft über uns lachen.
Beim „Reitgespräch“ durch den sonnigen Wald mit der Autorin Juli Zeh. Foto: SWR Presse/Bildkommunikation
Dass man Sie des „Rassismus“ geziehen hat, stecken Sie mit breitem Kreuz weg?
Das gehört zum Berufsrisiko. Neulich schrieb einer im Netz über mich: „Ich finde man sollte ihn umbringen, alles andere wäre viel zu milde, man muss ihn und seine ganze Familie ausrotten …. Tötet diesen Antichristen der Literatur! Und das ist auch noch zu wenig...“ Schön, dass Literaturkritik auch im 21. Jahrhundert noch so starke Gefühle zu entfesseln weiß.
Winnetou hat auch einen schweren Stand, scheint aber unverwüstlich.
Mit Karl May können Sie mich jagen. Den fand ich schon als Jugendlicher recht langweilig.
Was ist mit dem Gendern – geben auch Sie sich, wie unsereins, mit gewissem Widerwillen in Ihren Moderationen und Büchern diesem Trend hin?
Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen – oder wie das Lampedusas Gattopardo so schön ausdrückt: „Alles muss sich ändern, wenn alles bleiben soll, wie es ist.“ Zu meinen Lieblingsautorinnen zählen große Vordenkerinnen der Freiheit und der Gleichberechtigung wie Dorothy L. Sayers, Ursula K. LeGuin, Hannah Arendt oder Virginia Woolf. Und von unserem schwäbischen Landsmann Friedrich Schiller weiß ich, dass es „dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als Liebe“.
Die „Lesenswert“-Moderatoren im Kulturzentrum Mainz: Ijoma Mangold, Felicitas von Lovenberg und Denis Scheck (von links). Foto: Alexander Kluge (SWR-Pressestelle,Fotoredaktion)
Ein gewisse Lust an der Provokation kann man Ihnen nicht absprechen. Dass Sie miserable Bücher de facto „in die Tonne“ werfen, hat Ihnen etwa in der Süddeutschen Zeitung den Vorwurf eingebracht, dies sei das Gegenteil von Respekt.
Ich erweise den Werken Paulo Coelhos, Sebastian Fitzeks, Stephenie Meyers und Rebecca Yarros genau den Respekt, den sie verdienen. Was soll man zu Autoren sagen, die wie Peter Hahne Sätze schreiben wie „Die Höhenflüge seiner Lebensziele kann man nicht auf Sand bauen“? Auf einen groben Klotz gehört nun mal ein grober Keil.
Ihr Anspruch ist auch in Ihrem neuen Buch „Schecks Bestsellerbibel“ nachzulesen: „Der gewissenhafte Kritiker muss jedes Buch von der ersten bis zur letzten Zeile lesen.“ Da kann man nur ungläubig den Hut ziehen. Wie schaffen Sie dieses Pensum? Lektüre bei Tag und Nacht? Lediglich vier Stunden Schlaf? Völliger Verzicht auf Fußball-Länderspiele, Bergdoktor und Lanz?
Dass man ein Buch tatsächlich liest, ehe man sich in der Öffentlichkeit darüber äußert, erscheint mir ein literaturkritischer Minimalkonsens. So viel lese ich übrigens gar nicht – drei, vier Bücher in der Woche. Schließlich mache ich das hauptberuflich. Und meine notorische Zurückhaltung bei der Gartenpflege, im Haushalt und bei zeitraubenden Hobbys ist ja bekannt.
Literaturkritiker Denis Scheck (rechts) und Autor Andreas Ammer im Oktober 2011 in Köln bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises für die Moderation und Konzeption der Sendung „Druckfrisch – Neue Bücher mit Denis Scheck“. Foto: dapd/Roberto Pfeil
Dabei sind doch „Ulysses“ oder Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ Wälzer, die die meisten ein Leben lang nicht schaffen. Fehlt diesen Scheiternden nur die Energie zum Lesen?
Hier gilt Georg Christoph Lichtenbergs schöner Satz: Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, muss das nicht unbedingt am Buch liegen. Tatsächlich besitzen wir nicht immer die idealen Voraussetzungen, um ein bestimmtes Buch zu genießen – wir sind dann eben buchstäblich noch nicht reif dafür.
Nicht ganz so dick ist mit gut 400 Seiten Ihr neues Werk. Es liest sich allerdings recht flott und ist auch grafisch durchaus leserfreundlich aufgemacht.
Mich freuen besonders die Illustrationen des wunderbaren Torben Kuhlmann, der in seinen faszinierenden Bilderbüchern wie „Armstrong“ oder „Lindbergh“ die lange verborgenen technischen Meisterleistungen der Mäuse ins rechte Licht rückt. Und auch der Verlag hat sich wirklich ins Zeug gelegt und auch ein herstellerisch einfach schönes Buch produziert, mit einem ordentlichem Register und lesefreundlichem Satzspiegel. Die E-Book-Version ist sogar mehr als doppelt so umfangreich.
Sie sind in Berglen aufgewachsen. Empfinden Sie den Besuch im Remstal noch als Rückkehr in die Heimat?
Nein, ich war zum Glück nur wenige Jahre in diesem öden Kaff, wo mich mein Stiefvater hinverschleppt hatte und man nur dem Nichts beim Nichten zuschauen konnte.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Fellbach? Man hört, als Feingeist schätzen Sie den Wein, da wäre ein echter Lämmler sicher nicht verkehrt bei Ihrem Auftritt hier, sofern’s kein Trollinger ist?
Tatsächlich ist Fellbach ja eine echte Kapitale des Weins, und mit den exzellenten Weinen von Aldinger und Schnaitmann, Haidle aus Stetten oder Wöhrwag aus Untertürkheim lässt sich mein Heimweh nach Schwaben ganz gut bekämpfen.
Literaturkritiker, TV-Moderator, Übersetzer und Autor
Herkunft Denis Scheck wird am 15. Dezember 1964 in Stuttgart als Sohn eines Poliers und einer Sekretärin geboren. Mit acht Jahren zieht er mit seiner Familie „in ein abgelegenes Dorf in der Nähe Stuttgarts“, heißt es auf Wikipedia. Gemeint sind die Berglen.
Fernsehen Einer breiten Öffentlichkeit ist Denis Scheck bekannt als Literaturkritiker und Moderator von Sendungen wie „Kunscht!“, „Lesenswert“ und „Druckfrisch“. Er ist außerdem Übersetzer englischsprachiger Autoren.
Werk Gerade erschienen: „Schecks Bestsellerbibel: Schätze und Schund aus 20 Jahren“ (Verlag Piper, 28 Euro).
Podiumsgespräch In einer Veranstaltung der Kulturgemeinschaft Fellbach geht es am Mittwoch, 25. September, um 19 Uhr in der Musikschule Fellbach um das Thema: „Wir frei ist Literatur heute?“ Darüber diskutieren Deutschlands bekanntester Literaturkritiker Denis Scheck, die 1981 in St. Petersburg geborene und in Stuttgart aufgewachsene Schriftstellerin Lena Gorelik sowie die aus Kalifornien stammende Erzählerin Nell Zink. Die Moderation hat Silke Arning vom SWR.