InterviewInterview mit der Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Degerloch „Der Verkehr hat zugenommen“

Von Tilman Baur 

Große Baustellen, verstopfte Straßen und Falschparker: Die Verkehrsprobleme waren 2018 das bestimmende Thema in Stuttgart-Degerloch. Im Interview spricht die Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold außerdem über den Einzelhandel, das Vereinssterben und ihre persönlichen Wünsche.

Brigitte Kunath-Scheffold ist seit 18 Jahren Bezirksvorsteherin in  Degerloch. Foto: Tilman Baur
Brigitte Kunath-Scheffold ist seit 18 Jahren Bezirksvorsteherin in Degerloch. Foto: Tilman Baur

Degerloch - Große Baustellen, verstopfte Straßen und Falschparker: Die Verkehrsprobleme waren im vergangenen Jahr das bestimmende Thema in Degerloch. Doch es gibt noch mehr Dinge, die der Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold am Herzen liegen. Da wäre etwa der Einzelhandel im Bezirk, das neue Haus der Kirche und das Vereinssterben. Außerdem spricht sie im Interview über ihre persönlichen Wünsche für Degerloch.

Eine neue Sitzgruppe am Rubensplätzle, Radbügel vor dem Schreibfant: überall wird in Degerloch ausgebessert, um unliebsame PKW in die Schranken zu weisen. Wie sehr plagt der Verkehr den Bezirk?

Sicher musste der Bezirksbeirat punktuell eingrenzende Maßnahmen beantragen. Das hatte unterschiedliche Gründe. Ich bin seit 18 Jahren Bezirksvorsteherin, und im Blick zurück nehme ich schon auch wahr, dass der Verkehr zugenommen und sich das Verkehrsverhalten verändert hat. Man kann aber längst nicht davon sprechen, dass Degerloch im Verkehr erstickt.

Sie teilen aber die Ansicht, dass der Verkehr die Lebensqualität im Bezirk erheblich beeinflusst?

Für die Bewohner in der Epplestraße und in den Nebenstraßen ist das sicher so.

In Stuttgart findet derzeit ein Umdenken statt, auch durch Gerichtsurteile erzwungen. Es gibt Fahrradstraßen, mehr Radwege, Tempobeschränkungen, mehr Blitzer. Man hat den Eindruck, da tut sich was. Das sehe ich hier nicht.

Warum nicht? Das Verkehrsaufkommen ist hier doch deutlich geringer als in der Stadt. Was den Radverkehr angeht: da fordern wir seit Jahren Nachbesserungen. Man kann sich hier natürlich mit dem Rad fortbewegen, aber ich teile Ihre Meinung, dass das nicht ganz so einfach ist.

Dient die Boulevardisierung von Straßen, wie aktuell auf der Felix-Dahn-Straße geplant, als Blaupause für Degerloch, oder sind das nur kosmetische Eingriffe?

Das ist keine Kosmetik. Es handelt sich dabei aber eher um eine ordnende Maßnahme, um es den Verkehrsteilnehmern leichter zu machen.

Hand in Hand mit dem vielen Verkehr geht der Parkplatznotstand. Viele Einzelhändler im Ortskern leiden darunter – und ihre Kunden. Welche Lösung sehen Sie mittelfristig?

Deshalb wird Degerloch einer der ersten Außenbezirke sein, in denen das Parkraummanagement eingeführt wird. Das ist schon beschlossen. Die Frage ist nur, wann die Fachverwaltung das umsetzt. Und unser Positionspapier sieht eine Shared-Space-Lösung vor.

Dann fallen also weitere Parkplätze weg. Setzen Sie darauf, dass die Menschen umdenken und nicht mehr mit dem großen Mercedes einkaufen gehen?

Im besten Fall wäre das so, ja.

Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, das Zentrum attraktiver zu machen?

Einem Gutachten des Gewerbe- und Handelsvereins zufolge braucht der Handel einen Discounter als Frequenzbringer für den inhabergeführten Handel. Da gibt es aber auch ganz andere Stimmen. Es ist schwierig, zu sagen, wer da recht hat.

Dieses Entwicklungsprojekt an der Felix-Dahn-Straße schwebt seit Jahren wie ein Geist über Degerloch. Könnte es den Bezirk voranbringen?

Das liegt derzeit nicht in der Hand des Bezirksbeirats. Die Verwaltung prüft das seit 2016. Soweit ich weiß, gibt es noch immer eine Gemeinderatsvorlage, die sich in ämterübergreifender Abstimmung befindet.

Wie sehr ärgern Sie sich, dass dieses Projekt nicht vorankommt?

Ich bin ein ungeduldiger Mensch und wünsche mir, dass solche Dinge schneller vorankommen – schon allein, um Klarheit zu schaffen. Aber nach 18 Jahren im Amt habe ich gelernt, dass es manchmal länger geht.

Die im Positionspapier angeführten Vorschläge sind aber keine Spielereien, sondern dringende Anliegen, die auf Umsetzung warten?

Ja. Wenn sie umgesetzt würden, wäre das eine wesentliche Verbesserung für Degerloch.

Während die Epplestraße brummt, wirkt das alte Zentrum Degerlochs rund ums Bezirksrathaus teils wie ausgestorben. Was läuft da schief?

Na ja, das Herz des Bezirks schlägt ja nicht nur auf der Straße. Das Bezirksrathaus ist ein offener Ort der Begegnung geworden, nicht nur eine Behörde. Mit dem Haus der Kirche und möglicherweise einem Bürgerhaus am Agnes-Kneher-Platz ist dieser Bereich das eigentliche Herz Degerlochs. Vieles ist in Bewegung und in Entwicklung. Von der vorgesehenen Öffnung des Kirchgartens erwarte ich mittelfristig zudem eine deutliche Steigerung der Aufenthaltsqualität.

Richten wir den Blick in die Zukunft. Wo sähen Sie den Bezirk gerne in zehn Jahren? Welche Verbesserungen wünschen Sie sich umgesetzt?

Zum einen soll die Mitte Degerlochs deutlich aufgewertet werden. Darüber würde ich mich freuen. Ich wünsche mir, dass die Nahversorgung auf dem Haigst gesichert bleibt. Darüber hinaus liegt mir das soziale Miteinander am Herzen. Die Vereinskultur verändert sich stark, immer mehr Vereine hören auf. Das Miteinander wird weniger, das ist eine Gefahr. Ich wünsche mir, dass das alle Engagierten deutlich vor Augen haben. Mir war es immer wichtig, die ganze Gesellschaft im Blick zu haben.

Werden wir in zehn Jahren über den Epple-Boulevard flanieren können?

Ja, das glaube ich schon. Wir werden auf jeden Fall einen Shared Space haben vom Lindenplätzle bis zum Albplatz. Trotzdem wird das Verkehrsproblem gravierend und belastend bleiben. Denn löst man ein Problem an einer Stelle, verdrängt man es und es entsteht anderswo ein Neues. Aber dann werden sich wieder neue Lösungen finden.

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