InterviewInterview mit Doping-Experte Striegel Ohne Doping kein Spitzensport?

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)
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Es geistern sehr viele Zahlen zum Dopingproblem im Sport herum. Von zehn über 30 Prozent bis hin zu einigen, die glauben, dass im Spitzensport auf dem Topniveau fast alle gedopt sind. Was denken Sie?
Im Fitnesssport wissen wir von Untersuchungen, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Athleten dopen. Im olympischen Hochleistungssport gibt es bekanntlich Disziplinen, die anfällig sind für Doping, andere sind es weniger, aber: ich halte unterm Strich zehn bis 15 Prozent gedopter Athleten im Hochleistungssport für realistisch, ohne dass ich dafür aber jetzt einen Beweis hätte.
Derzeit wird auch über den Status quo des Antidopingkampfes debattiert. Ist er gescheitert, wie nicht wenige glauben?
Es ist nicht alles schlecht, was getan wird, auch wenn das Ganze noch viel Potenzial hat. Angesichts der finanziellen Ausstattung der Nationalen Antidopingagentur ist der Wirkungsgrad sogar ganz gut.
Die Zahl der positiven Proben in Deutschland beträgt über die Jahre hinweg betrachtet aber gerade mal ein Prozent.
Geld ist nicht alles. Aber wenn der Staat sich einen effektiveren Antidopingkampf und einen sauberen Sport wünscht, muss er auch mehr dafür ausgeben.
Sie sprechen von Effektivität. Wie sähe denn ein wirkungsvoller Kampf aus?
In puncto intelligente Kontrollen haben wir zum Beispiel noch Potenzial. Aber entscheidend ist aus meiner Sicht etwas ganz anderes: Wir müssen massiv in die Entwicklung von Nachweisverfahren investieren, um mit dem pharmazeutischen Fortschritt einigermaßen mithalten zu können. Die Dopingfahnder kämpfen gegen die Arzneimittel von Konzernen, die Milliarden für Entwicklung ausgeben. Dem gegenüber stehen Labore mit einem Etat von einer Million. Ein ziemlich ungleicher Wettlauf.
Von welchen Summen reden wir?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Aber bei einem aufwendigen Nachweis geht das in den Millionenbereich, da ist man weltweit gesehen schnell bei Kosten von 20 oder 30 Millionen Euro. Es sollten vor allem Laboratorien gefördert werden, die eine innovative Forschung betreiben. Wichtig ist dabei eine längerfristig gesicherte Förderung.
Sind die Pharmakonzerne ein Schlüssel? Das Epo-Derivat Cera etwa soll vom Hersteller für einen Nachweis markiert worden sein.
In dem Fall hat das funktioniert. Natürlich könnte man in der EU alle Firmen zwingen, dopingrelevante Substanzen mit einem Marker zu versehen. Aber es ist heute so einfach, über das Internet für wenig Geld hochreine Substanzen in China zu bestellen, dass eine Markierungspflicht auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre.

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