Interview mit Dürr-Chef Dieter „Wir stehen an einer Zeitenwende bei Dürr“

Exklusiv Mit der Übernahme von Homag, einem Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen, ist der Expansionsdrang von Ralf Dieter noch nicht gestillt. Der Chef des weltgrößten Anbieters von Lackieranlagen kündigt weitere Übernahmen an.

Kundenkontakte  sind Dürr-Chef  Dieter wichtig:   „Ich bin kein Manager, der Kaffee trinkt und sich die Zahlen anschaut Foto: factum/Weise
Kundenkontakte sind Dürr-Chef Dieter wichtig: „Ich bin kein Manager, der Kaffee trinkt und sich die Zahlen anschaut Foto: factum/Weise
Stuttgart – - Die Übernahme von Homag, einem Anbieter von Holzbearbeitungsmaschinen, durch Dürr kam überraschend. Dürr-Chef Ralf Dieter erläutert die Hintergründe, die nächsten Schritte und kündigt weitere Akquisitionen an.
Herr Dieter, die Überraschung ist gelungen. Haben Sie Ihr Faible für Holz entdeckt?
Wie kommen Sie darauf?
Warum sonst kaufen Sie Homag, einen Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen?
Da muss ich etwas ausholen. Dürr hat seit der Krise von 2009 den Umsatz fast verdoppelt. Bei allen wichtigen Kennziffern steht das Unternehmen gut da. Dazu beigetragen haben zum einen die dynamisch wachsenden Schwellenländer und zum anderen Innovationen, die unsere Marktposition gestärkt haben. Weiteres Wachstum ist aber wichtig für Dürr. Doch unsere Möglichkeiten im Kerngeschäft mit der Autoindustrie sind begrenzt. Ein größerer Zukauf war also nur außerhalb des Autogeschäftes denkbar.
Und warum dann ausgerechnet Homag?
Homag hat alle unsere Kriterien erfüllt, wie beispielsweise, dass der Zukauf außerhalb des Autogeschäfts sein muss, dass es sich um keinen Sanierungsfall handeln darf und dass das Unternehmen in seiner Nische Weltmarktführer sein soll.
Synergieeffekte waren also nicht wichtig?
Die Frage nach Synergieeffekten stellt sich vor allem, wenn ich etwas addiere, das mit meinem Stammgeschäft unmittelbar zu tun hat. Das ist bei Homag nicht der Fall. Homag soll auch künftig selbstständig am Markt agieren. Dennoch gibt es einige Vorteile. Dazu gehört der Einkauf. Wenn wir den zusammenlegen, wird das für Homag und Dürr deutliche Effekte haben. Und dann die regionale Expansion: Homag hat in China einen großen Standort; trotzdem dürfte das Unternehmen von den jahrelangen Dürr-Erfahrungen dort und in anderen Schwellenländern profitieren.
Kann man mit Holzbearbeitungsmaschinen ausschließlich Holz bearbeiten?
Es gibt Unternehmen, die bearbeiten mit Homag-Maschinen auch Kunststoff und Steine. Oder denken Sie an Kohlefaser. Wenn sich die Karosserie mit Kohlefasern durchsetzen sollte, finden sich plötzlich Gemeinsamkeiten mit dem Autogeschäft von Dürr.
Benötigen Sie kein spezifisches Wissen über den Markt für Holzbearbeitungsmaschinen? Bei Lackiermaschinen sprechen Sie „nur“ Automobilhersteller an, Homag bedient viele – vom Handwerker bis hin zu Konzernen wie Ikea.
Wir sind gewohnt mit einer breiten Industriekundschaft umzugehen. Nehmen sie die Dürr-Tochter Schenck. Deren Auswuchtmaschinen verkaufen wir an weit über 40 000 Kunden, Homag hat 80 000 Kunden.
Die Börse hat aber eher skeptisch reagiert.
Das sehen wir nicht so. Wir sind überrascht, dass wir am Tag drei nach der Bekanntgabe wieder den Kurs von zuvor erreicht hatten. Wir haben damit gerechnet, dass es länger dauert, bis wir den Märkten die Logik der Transaktion erklärt haben werden.
Homag soll zum Dürr-Wachstum beitragen. Enthält ein Thema wie Energieeffizienz nicht mehr Wachstumsfantasien?
Stimmt, aber das ist ein langer Weg. Der Bereich wächst ordentlich, aber von niedrigem Niveau aus. Der Markt muss sich erst entwickeln. Das Pflänzchen, das wir gesetzt haben, benötigt vermutlich noch fünf Jahre.
Kleine Pflanzen benötigen besonders viel Pflege. Haben Sie genügend Managementkapazitäten für alle Bereiche?
Dürr hat bei einem Umsatz von 2,4 Milliarden Euro zwei Vorstände. Das funktioniert deshalb, weil unsere Geschäftsbereiche selbst globale Verantwortung tragen. Wir haben gute Leute, denen muss der Vorstand nicht täglich auf den Zahn fühlen. Das erwarten wir auch vom Homag-Management. Homag hat ausreichend Managementkapazität.
Wird der Dürr-Vorstand nicht aufgestockt?
Auf absehbare Zeit nicht. Ob dies auf Dauer so bleibt, muss der Aufsichtsrat beurteilen.
Sie verstehen Dürr eher als Holding, die operative Führung liegt bei den Geschäftsbereichen.
Ich bin kein Manager, der Kaffee trinkt und sich die Zahlen anschaut. Wenn es um den Verkauf einer Lackieranlage geht, erwarten die Kunden meine Anwesenheit. Daran wird sich nichts ändern.