Interview mit einer Vulkanexpertin Vulkane verlieren ihre Geheimnisse

Vulkan in Aktion: Der Ätna auf Sizilien Foto: dpa/Salvatore Allegra

Die Physikerin Eleonora Rivalta vom Geoforschungszentrum in Potsdam sieht derzeit in Island die größte Gefahr eines Vulkanausbruchs. Doch auch in Deutschland gibt es aktive Vulkane.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Können sich Vulkane gegenseitig beeinflussen – und wovon hängt ihre Gefährlichkeit ab? Die Physikerin und Vulkanexpertin Eleonora Rivalta gibt Antworten.

 

Frau Rivalta, auf Sizilien spuckt der Ätna Lava und Asche, in Island droht ein Ausbruch des Fagradalsfjall und auch unter den Phlegräischen Feldern bei Neapel brodelt es. Ist diese Häufung normal?

Man kann davon ausgehen, dass weltweit immer um die 20 Vulkane gleichzeitig am Ausbrechen sind. Über das ganze Jahr gerechnet sind es im Durchschnitt ungefähr 50. Die derzeitige Aktivität liegt also im üblichen Bereich. Aber viele nehmen das derzeit besonders stark wahr, weil es sich um Vulkane handelt, die in Europa liegen.

Besteht ein Zusammenhang zwischen den vulkanischen Aktivitäten in verschiedenen Gebieten?

Vulkane, die weit auseinander auf verschiedenen tektonischen Platten liegen, können sich nicht beeinflussen. Anders ist es bei Vulkanen, die nur 50 oder 100 Kilometer voneinander entfernt sind. Die können zum Beispiel an derselben Magma-Ader liegen. Möglich ist auch, dass ein ausbrechender Vulkan ein Erdbeben auslöst, dessen Erschütterungen einen anderen Vulkan erreichen, der kurz vor dem Ausbruch steht. Das kann dann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Von welchen Vulkanen geht derzeit die größte Gefahr aus?

Eindeutig vom Fagradalsfjall in Island. Man kann davon ausgehen, dass er sehr bald ausbrechen wird – möglicherweise schon in den nächsten Tagen. Aber die Isländer sind gut vorbereitet, auch wenn es nicht schön ist, wenn man eine ganze Kleinstadt evakuieren muss. Bei einem Ausbruch auf den Phlegräischen Feldern wäre es viel schwieriger, die Menschen in Sicherheit zu bringen. Die Gefahr hängt aber nicht nur von der Dichte der Besiedlung ab, sondern auch vom Vulkantyp. In Island sind zwar große Lavaflüsse zu erwarten, aber auf den Phlegräischen Feldern könnte es heftige Explosionen und pyroklastische Ströme aus vulkanischer Asche und Gasen geben, die sich extrem schnell ausbreiten.

Lassen sich Vulkanausbrüche inzwischen besser vorhersagen?

Auf jeden Fall. Wir verstehen die Gesetzmäßigkeiten besser, nach denen sich Magma bewegt und aufsteigt. Dabei helfen uns die Daten aus der Überwachung von Vulkanen, die öfter ausbrechen wie zum Beispiel der Ätna oder der Kilauea auf Hawaii. Deren Signale können wir inzwischen recht gut interpretieren. Schwieriger ist es bei Vulkanen, deren Ausbrüche so weit zurückliegen, dass es keine Daten gibt. Bei den Phlegräischen Feldern war der letzte Ausbruch 1538.

Aber der Zeitpunkt eines Ausbruchs lässt sich bis jetzt nicht genau vorhersagen.

Das stimmt. Trotzdem können wir den Zeitraum heute dank der Fortschritte in der mathematischen Modellierung besser eingrenzen als früher. Wir können auch genauer abschätzen, wohin und wie schnell die Lava fließen wird. Das hilft bei der Entscheidung, wo man evakuieren muss und wie lange im Voraus. Vor 15 oder 20 Jahren war das noch nicht möglich.

Bei Erdbeben ist es noch schwieriger, die Leute rechtzeitig zu warnen. Warum?

Bei einem Erdbeben lösen sich die Spannungen zwischen tektonischen Platten – wann, lässt sich nicht vorhersagen. Wir wissen zwar im Voraus auch nicht genau, wann eine Magmakammer bricht. Der Unterschied ist aber, dass sich Erdbebenwellen sehr schnell ausbreiten, sodass kaum Zeit für Evakuierungen bleibt. Magma fließt dagegen langsam. Häufig dauert es Tage, bis es nach oben kommt. Das verschafft uns wertvolle Zeit, um die Menschen in Sicherheit zu bringen.

Manche Forscher diskutieren über einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und Vulkanausbrüchen. Ist da was dran?

Wenn kilometerdicke Eisschichten wie auf Grönland oder in der Antarktis wegtauen, sinkt der Druck auf den Boden darunter. Dadurch kann das Gestein im Untergrund auch ohne zusätzliche Wärmezufuhr schmelzen und Magma bilden, das nach oben drängt. Vieles deutet darauf hin, dass es solche Prozesse in der Erdgeschichte gegeben hat.

Und heute?

Durch das Auftauen von Permafrostböden infolge höherer Temperaturen steigt das Risiko, dass ganze Bergflanken wegbrechen. Wenn das bei einem Vulkan passiert, kann es zu gewaltigen Explosionen kommen. Ein Beispiel ist der Ausbruch des Mount St. Helens 1980 im US-Bundesstaat Washington, bei dem die Energie von 1600 Hiroshima-Atombomben freigesetzt wurde.

Vulkane können ihrerseits das Klima beeinflussen.

Natürlich – vor allem durch die Gase und die Asche, die bei Eruptionen freigesetzt werden. Bei größeren Ausbrüchen hat das eine kühlende Wirkung, weil weniger Sonnenlicht auf die Erde gelangt. Man versucht diesen Effekt ja inzwischen auch künstlich zu erzeugen, indem man zum Beispiel Schwefeldioxid in der Atmosphäre verteilt. Vulkane machen das ganz umsonst.

Wie hoch ist das Risiko eines Vulkanausbruchs in Deutschland?

Deutschland ist sicher kein Hotspot des Vulkanismus. Aber auch in der Eifel gibt es Vulkanfelder, die noch als aktiv anzusehen sind. Geologen verzeichnen dort einen Anstieg des Geländes um rund einen Millimeter pro Jahr. Das deutet auf eine langsame Akkumulation von Magma hin, die irgendwann zu einem Ausbruch führen könnte.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Vulkan besucht?

Ich beschäftige mich vor allem mit der Modellierung von Magmabewegungen und sitze daher die meiste Zeit am Rechner. Aber im August war ich in Neuseeland und habe dort mehrere Vulkane besucht. Auch die größte neuseeländische Stadt Auckland mit rund zwei Millionen Einwohnern liegt auf einem Vulkanfeld. Die letzte Eruption war dort vor weniger als 1000 Jahren – das ist geologisch eine kurze Zeit. Theoretisch könnte dort jederzeit Magma aufsteigen und eine Katastrophe auslösen.

Expertin für Vulkane

Position
 Eleonora Rivalta ist Arbeitsgruppenleiterin in der Sektion Erdbeben- und Vulkanphysik des Geoforschungszentrums (GFZ) Potsdam und außerordentliche Professorin an der Universität Bologna. Ein Arbeitsschwerpunkt der Physikerin ist die Bewegung und Speicherung von Magma in der Erdkruste.

Institut
 Das GFZ ist Deutschlands nationales Zentrum zur Erforschung der festen Erde. Neben der Erdoberfläche untersucht das GFZ auch Hydrosphäre, Atmosphäre und Biosphäre sowie chemische, physikalische und biologische Prozesse auf unserem Planeten.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Island