InterviewInterview mit Ernst-Ulrich von Weizsäcker "Endlich wird über einen Nationalpark geredet"

Von Stefan Jehle 

Wie sieht ein ökologisch profilierter Sozialdemokrat das grün-rote Experiment im Land? Ernst-Ulrich von Weizsäcker zeigt sich optimistisch.

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Stuttgart - Wie sieht ein ökologisch profilierter Sozialdemokrat das grün-rote Experiment in Baden-Württemberg? Ernst-Ulrich von Weizsäcker zeigt sich optimistisch.

Herr von Weizsäcker, 1920 wurde in einem Flügel des Neuen Schlosses in Stuttgart - als einziger Spross der Familie - Ihr Onkel Richard von Weizsäcker geboren. Hat dieser Ort für Sie eine besondere Bedeutung?

Genau diese Tatsache, der eher zufällige Geburtsort des Onkels, hatte eine geringe Bedeutung. Aber Stuttgart lag für die Familie Weizsäcker doch immer irgendwo im Zentrum.

Konnten Sie sich vor einem Jahr vorstellen, dass in diesem Schloss jetzt ein SPD-Finanzminister residieren würde, Vizeministerpräsident in einer grün-roten Landesregierung?

Ich hätte es kaum zu träumen gewagt.

Welche Bedeutung kommt aus Ihrer Sicht diesem Regierungswechsel zu?

Das bodenständige baden-württembergische Volk, darf lernen, muss lernen, soll lernen, dass Sozialdemokraten und Grüne im Kern äußerst anständig sind und vernünftig regieren können. Erfolgsorientiert, bodenständig, auf moderne Arbeitsplätze und langfristige Umweltsicherung ausgerichtet.

Sie sind anerkannter Umweltwissenschaftler, Experte für Nachhaltigkeit: Sehen Sie da erste wichtige Pflöcke, die von Grün und Rot eingerammt wurden?

Endlich wird auch in Baden-Württemberg über einen Nationalpark geredet. Endlich hat das Thema einer ökologischen Industrie den richtigen Stellenwert in der Wirtschaftspolitik. Endlich hört die über Jahrzehnte fühlbare Bremserrolle Baden-Württembergs bei Windenergie und anderen Umweltfragen auf. Und gleichzeitig sickert im Volk ein, dass die ökologische Orientierung der Landesregierung der Wirtschaft überhaupt nicht schadet.

Mitunter gibt es unterschiedliche Ansichten zwischen Grün und Rot. Vergangenes Jahr hatte man zeitweilig den Eindruck, dass das alte rot-grüne Spiel "Koch und Kellner" wieder aufleben wollte. Beschäftigt Sie das?

Die Mehrheitsverhältnisse geben Ausgewogenheit vor. Und nach meiner Beobachtung wird die Ausgewogenheit prima eingehalten.

Ist es für die SPD grundsätzlich ein Malus, wenn sie in einer Regierung mit den Grünen nur die zweitstärkste Partei stellt? Geht das an das Selbstwertgefühl?

Die Grünen haben unter Winfried Kretschmann bewundernswert darauf geachtet, dass in der Funktionszuteilung im Kabinett die SPD keinerlei Minderwertigkeit empfinden muss.

Heißt das: die SPD hat bei der Verteilung von Posten sogar besser abgeschnitten, als sie hätte erwarten können?

Ja.