Interview mit Felix Ensslin "Widerspruch steckt in der Sache!"

Von Die Fragen stellte  


Sie mögen das Thema nicht.


Wissen Sie, die Frage, was einen prägt, ist kompliziert. Natürlich hat meine Familiengeschichte mir Schwierigkeiten bereitet. Wenn man als 14-Jähriger im Kino einen Film sieht und die Erwachsenen einem mitteilen, "diese Figur ist deine Mutter, und die andere Figur bist du", wirkt das verstörend. Aber in gewissem Sinne macht jeder die Erfahrung, dass er im Diskurs anderer Leute eine Rolle spielt und dass er mit Erwartungen konfrontiert ist, die auf ihn wie ein Auftrag wirken, mit dem er sich identifizieren soll. Das scheitert immer, und so entstehen Identitäten. Das geschieht jedem!

Einverstanden. Gleichwohl ist Ihre Situation speziell, weil Sie - wie Ihr Vater bereits ein Jahr nach Ihrer Geburt geschrieben hat - eine "Angelegenheit des öffentlichen Lebens" sind. Kürzlich ist ein Briefwechsel zwischen Ihrer Mutter und Ihrem Vater aus den Jahren 1968/69 erschienen, in dessen Zentrum der Sohn Felix steht. Man erfährt beispielsweise, dass Ihre Eltern Ihnen den Spitznamen "Pütsche-Mütsche" gegeben haben. Privater geht's kaum. Warum haben Sie die Rechte dafür rausgerückt?


Zu dieser Frage habe ich ja ein Nachwort geschrieben, in dem ich darauf eingehe, warum gerade diese Briefe wichtig für mich waren. Sie eröffnen die Möglichkeit, in eine Zeit, in der eben noch nicht alles entschieden war, Einblick zu nehmen. Sonst liest man die Geschichte ja immer rückwärts: Weil sie mit Toten endet, muss sie immer schon vom Tod bestimmt gewesen sein. Das war aber nicht so. Ein Stück Trauerarbeit, wenn Sie so wollen. Es ist ja nicht so, dass ich je die Wahl gehabt hätte, ob das Leben von Gudrun und Bernward oder ihr Verhalten als Eltern in die Öffentlichkeit geraten oder nicht. Die Entscheidung wurde von anderen getroffen, und zwar lange, bevor ich Entscheidungen treffen konnte.

Das Buch befriedigt den Voyeurismus. Man erfährt auf 250 Seiten, wie sich Ihre getrennten Eltern um das Sorgerecht gezankt haben.


Wer den vorbildlich editierten Briefwechsel "Notstandsgesetze aus Deiner Hand" so liest, den kann ich nur bedauern.

Der Stuttgarter Andres Veiel verfilmt zurzeit die tragische Liebesgeschichte Ihrer Eltern. Das Werk soll im kommenden Jahr in die Kinos kommen. Was erwartet uns?


Veiel ist ein Filmemacher von fast schwäbischer Redlichkeit. Ich habe mit ihm geredet, aber ich kenne das Drehbuch nicht. Und das will ich auch nicht: Ob der Film gut wird, liegt allein in Veiels Verantwortung.

Dann beleuchten wir stattdessen Ihren Verantwortungsbereich. Sie sind an der Kunstakademie für Ästhetik und Kunstvermittlung zuständig. Können Sie die Begriffe in wenigen Worten erklären?


Das geht nicht mit ein paar Worten.

Nehmen Sie sich ausreichend Raum!


Ästhetik ist eine relativ junge Teildisziplin der Philosophie. Im Groben beschäftigt sie sich mit allen Aspekten der ästhetischen Erfahrungen, dem Verständnis, wie diese Erfahrungen einzuordnen sind in dem Spektrum von Erfahrungsmöglichkeiten und welchen Platz sie einnehmen innerhalb der Gesellschaft. Kunstvermittlung ist der problematischere Begriff, weil darunter Unterschiedliches verstanden wird, beispielsweise Kunstpädagogik, aber auch Kuratieren oder Kunstkritik.

Ist nicht alles Kunst, was innerlich berührt?


Nein. Da müssten Sie erst mal klären, woher das, was Sie für Ihr "Inneres" halten, kommt, welches "Äußere", etwa welche historischen, diskursiven, gesellschaftlichen und familiären Voraussetzungen Sie darin selbstverständlich als Ihr Ureigenstes empfinden. Aber warum fragen Sie das?

Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man Kunst und ihre Wirkung theoretisch fassen kann. Jeder muss doch für sich selbst entscheiden dürfen, was er kunstvoll findet.


Wenn Sie Kant fragen würden, dann wäre die Antwort, dass das, was Sie als sinnlich angenehm empfinden, keine Kunst ist. Und wenn Sie nach Ihrem reinen Geschmack bewerten, dann ist das ein ästhetisches Urteil und steht damit im Raum des Diskurses, der Suche nach Allgemeinheit. Sie behaupten: Subjektivität kann nicht Gegenstand von allgemeinen Erörterungen sein. Aber es ist fraglich, was denn "selbst entscheiden" heißt: Wie Sie eingangs sagten, kommen Sie automatisch auf vermeintlich eigene Vorstellungen, wenn Sie die Narben in meinem Gesicht sehen - dabei stammt Ihre Wahrnehmung aus einem Film.




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