Interview mit Felix Huby "Berlin ist das ideale Altersheim"

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Der schwäbische Bestsellerautor Felix Huby spricht über seine Wahlheimat Berlin, seine Wurzeln und seinen letzten Bienzle-Krimi.

Bald wird er 73, doch Hubys Freude am Fabulieren ist ungebrochen. Foto: factum/Granville 4 Bilder
Bald wird er 73, doch Hubys Freude am Fabulieren ist ungebrochen. Foto: factum/Granville

Stuttgart - Im Fernsehen ist Ernst Bienzle längst pensioniert worden. Nun ermittelt der Stuttgarter Hauptkommissar auch zum letzten Mal als Romanfigur. "Adieu Bienzle" heißt das Werk, das der Autor Felix Huby zurzeit auf einer Lesetour vorstellt. An diesem Tag ist der 72-Jährige per Bahn aus Berlin ins fränkische Ansberg gereist. Während des Gesprächs genießt Huby die regionale Küche. Er isst langsam und redet schnell.

Herr Huby, hat man Ihnen in Berlin bereits das Auto abgefackelt?

Ich wohne in Grunewald, da ist noch nichts Derartiges passiert. Das Thema wird aus meiner Sicht ohnehin zu sehr aufgebauscht. In Berlin gibt es fast anderthalb Millionen Autos, davon wurden 160 angezündet. So richtig los ging es damit erst, als die Boulevardzeitungen täglich berichteten - einschließlich detaillierter Anleitung, wie man ein Auto zum Brennen bringt. Das ruft Nachahmungstäter auf den Plan.

Man liest in letzter Zeit auch einiges über den angeblich grassierenden Schwabenhass in unserer Bundeshauptstadt.

Den gibt es tatsächlich, vor allem im Prenzlauer Berg. Die Aversion gegen meine Landsleute ist nicht ganz unberechtigt. Die kommen in die Stadt, kaufen die schönsten Altbauwohnungen, renovieren sie für viel Geld und vertreiben dadurch die Einheimischen, die die Preise nicht mehr bezahlen können. Einerseits suchen die schwäbischen Emigranten ein alternatives Lebensgefühl, gleichzeitig wollen sie ihre provinzielle Betulichkeit weiter pflegen. Das funktioniert nicht. Selbstverständlich trifft dieser Befund nicht nur auf die Schwaben zu. Sie sind zum Sinnbild geworden für all die wohlhabenden Neu-Berliner, die vermeintlich der Stadt ihre Identität rauben.

Gehören Sie nicht zu diesem Typus?

Ich bin ein Schwabe, und ich habe als Drehbuchautor gutes Geld verdient. Aber ich stelle meinen beruflichen Erfolg nicht offen zur Schau. Auch für mein Empfinden fahren in Berlin mittlerweile viel zu viele dieser fetten Geländewagen herum.

Es ist nicht verboten, einen Porsche Cayenne oder einen Audi Q 7 zu besitzen.

Aber es ist dumm. In den Protzdingern sitzen meistens 30-jährige Blondinen, die nicht einmal wissen, welche Unmengen Benzin solche Karren schlucken. Diese Damen fahren in Geländewagen Kinder zur Schule oder sich selbst zum Shopping. Das ist lächerlich für meine Begriffe.

In Stuttgart gehören schlanke Damen in dicken Kisten quasi zum Stadtbild - und kaum jemand regt sich darüber auf.

In Stuttgart fällt dieses Milieu auch weniger auf, weil Stuttgart insgesamt eine reiche Stadt ist, obwohl es natürlich auch dort viel zu viele arme Leute gibt. Aber ein Prekariat, das in Berlin ganze Bezirke prägt - schauen Sie nach Wedding oder Hohenschönhausen - gibt es in Stuttgart nicht. Man muss nur die Arbeitslosenquoten vergleichen, dann erkennt man den eklatanten Unterschied.

Warum sind Sie Ende der 80er Jahre ins arme Berlin ausgewandert?

Die meisten meiner Auftraggeber, Filmproduzenten wie die Ufa, saßen in Berlin. Ich musste fast jede Woche in die Hauptstadt fliegen. Dazu kam: meine Frau wurde nie richtig warm mit den Schwaben. Sie stammt aus Ostpreußen und hat in Berlin studiert. Wir Schwaben bilden eine gefestigte Gesellschaft, da kommt man von außen schwer rein. Und es wird erwartet, dass man gewisse Spielregeln einhält.

Und diese gesellschaftlichen Pflichten gibt es in Berlin nicht?

In Berlin ist das Leben unordentlicher und freier. Ursprünglich hatte ich mit meiner Frau vereinbart, dass wir nur fünf Jahre bleiben und dann wieder nach Stuttgart gehen. Thaddäus Troll hat gesagt: "Es gibt zwei Sorten Schwaben: die Weltläufigen und die Verhockten." Ich gehöre eigentlich zu den Verhockten. Ich habe mich in Stuttgart wohlgefühlt, aber nun will ich auch nicht mehr von Berlin weg - allein deshalb, weil Berlin für mich das ideale Altersheim ist. Ich fahre mit der S-Bahn von Grunewald bis Friedrichstraße, dann kann ich zu Fuß zwei Opern, fünf Theater, diverse Kinos und viele gute Lokale erreichen.

Wenn man mit der Stadtbahn von Degerloch zum Schlossplatz fährt, findet man ein ähnlich breites Kulturangebot.

Sie sind ein Lokalpatriot, das finde ich schön! Ich gebe Ihnen auch prinzipiell recht: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich Stuttgart ungeheuer entwickelt. Früher musste man noch in eine Heslacher Taxifahrerkneipe hocken, wenn man nach Mitternacht etwas trinken wollte. Das hat sich sehr geändert. Berlin empfinde ich trotzdem als noch anregender.

Sie wollen mir also weismachen, dass Sie gar kein Heimweh mehr haben?

Das habe ich nicht behauptet. Mir fehlt die schwäbische Landschaft. Dieses Brandenburg ist ja wirklich nur eine riesige Streusandbüchse. Wenn ich mit dem Flugzeug in Echterdingen einschwebe und sehe unter mir die Alb und den Schönbuch, dann spüre ich immer ein freudiges Kribbeln im Bauch.

Wie hat sich die Auseinandersetzung über das Bahnprojekt Stuttgart 21 auf das Image der Schwaben ausgewirkt?

Positiv, denke ich. Zumindest in meinem Berliner Umfeld sagen die Leute: "In Stuttgart zeigen die Bürger ein neues Selbstbewusstsein, sie haben mit ihrem Protest für eine neue Qualität von Demokratie gesorgt." Ich bin in den vergangenen Monaten oft gefragt worden, ob ich nicht auf einer Veranstaltung gegen Stuttgart 21 sprechen will. Aber dafür bin ich zu weit weg und nicht gut genug informiert.