InterviewFilderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub „Die Bahn hat Filderstadt unterschätzt“

Der Filderstädter OB Christoph Traub sagt, dass die aktuellen Probleme mit den Bussen nicht hinzunehmen sind. Foto: Judith A. Sägesser
Der Filderstädter OB Christoph Traub sagt, dass die aktuellen Probleme mit den Bussen nicht hinzunehmen sind. Foto: Judith A. Sägesser

Die Busse fahren in Filderstadt nicht so, wie sie sollen, die S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen wird teurer: Der Nahverkehr hält die Stadt ziemlich auf Trab. Was sagt Oberbürgermeister Christoph Traub zu all dem?

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Filderstadt - Das Thema Nahverkehr hat Filderstadt seit Monaten fest im Griff. Seien es die Busse, die stark in die Kritik geraten sind, sei es die geplante einjährige S-Bahnsperrung wegen Stuttgart 21, sei es die teurer gewordene S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen. Christoph Traub, der Oberbürgermeister von Filderstadt, lässt im Interview ein anstrengendes Jahr Revue passieren.

Seit einem Jahr gibt es das neue Linienbündel. Die Probleme mit den Bussen wie Verspätungen und Ausfälle reißen nicht ab.

Wir haben damit gerechnet, dass es bei der Umstellung holpern wird. Aber dass wir einen Umstellungszeitraum von einem Jahr haben, in dem die Problemlage nicht abnimmt, und dass Unzulänglichkeiten in der Schülerbeförderung auftreten, das können wir nicht hinnehmen. Wir können aber wegen der Komplexität des Vergabeverfahrens in Richtung der Busunternehmen wenig tun, weil der ÖPNV über das Landratsamt organisiert wird.

Hat die Stadt überhaupt eine Handhabe?

Ich habe Landrat Heinz Eininger angeschrieben: Wir planen für Januar einen Runden Tisch zum Thema mit allen Betroffenen. Da wollen wir die Probleme beschreiben und Lösungen finden, die schnell umgesetzt werden können.

Der Jugendgemeinderat fordert, die Verträge mit den Betreibern zu kündigen.

Das Vergaberecht in Deutschland ist sehr kompliziert. Es ist nicht so einfach, wie der Jugendgemeinderat es sich vorstellt. Was wir aber gerade massiv tun, ist, die Probleme gegenüber dem Landratsamt zu formulieren. Das Landratsamt muss dann klären, wo Abweichungen und eventuell Verstöße zu den Bedingungen vorliegen, die das Unternehmen im Vergabeverfahren zugesagt hat. Dann ist zunächst der Landkreis gehalten, mit dem Unternehmen zu sprechen und darauf zu pochen, dass Vergabekriterien und Ausschreibungsinhalte eingehalten werden müssen.

Probleme macht auch die S-Bahn-Verlängerung von Bernhausen nach Neuhausen. Filderstadts Anteil wird auf über sechs Millionen Euro steigen, doppelt so viel wie bisher gedacht. Wie schultert die Stadt das?

Meine persönliche Haltung ist die, dass wir hier oben auf den Fildern, speziell in Filderstadt, alle Verkehrsmittel nutzen müssen, die wir zur Verfügung haben, um so etwas wie eine kommunale Verkehrswende gestalten zu können. Dazu gehört auch dieses kurze Schienenstück. Wir stellen im Haushalt die Mittel zur Verfügung, um den Projektpartnern zu signalisieren: Wir als Stadt sind bereit, das Projekt umzusetzen. Das Grunddilemma ist, dass wir in Deutschland für solche Vorhaben viel zu lange Planungszeiten haben. Die ersten Beschlüsse zur S-Bahn-Verlängerung sind 2001 gefasst worden. Bis zur Fertigstellung werden etwa 25 Jahre vergangen sein.

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Der Bau hat ja noch nicht begonnen. Was passiert, wenn es noch teurer wird?

Die Vermittlung eines solchen Projekts bei ständiger Kostensteigerung ist sehr schwierig. Wenn wir erreichen wollen, dass Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen, müssen es verlässliche Verkehrsmittel sein. Da schließe ich Planungszeit, Finanzierung und letztlich auch einen zuverlässigen Fahrplan und erschwingliche Tickets ein. Wir sind jetzt bei Gesamtkosten von 209 Millionen Euro für 3,9 Kilometer. Das heißt, ich vergrabe pro Kilometer rund 50 Millionen Euro. Wenn die S-Bahn-Verlängerung noch teurer würde, glaube ich, dass irgendwann die Frage gestellt wird: Ist das volkswirtschaftlich noch zu vertreten?

Als OB können Sie nicht bewirken, dass solche Projekte schneller vorankommen, oder?

Richtig. Aber unsere Aufgabe als Kommune ist es, den Entscheidern Fakten und Argumente zu liefern. Wir merken, dass das auf Bundesebene ankommt, es gibt Absichtserklärungen zu einem Planungsbeschleunigungsgesetz. Ich glaube, dass wir uns noch mehr Gehör verschaffen müssen. Wenn wir es nicht schaffen, Verkehrsmittel, die klimaneutraler unterwegs sind, in der Planung, in der Umsetzung und der Finanzierbarkeit zu beschleunigen, dann ist alles, was wir aktuell zum Thema Klimaschutz diskutieren, geradezu absurd.

Was Sie auch schwer beeinflussen können, ist die einjährige S-Bahn-Sperrung zwischen Flughafen und Bernhausen während der Arbeiten von S 21. Welche Handhabe haben Sie beim Schienenersatzverkehr?

Wir haben sofort Gespräche mit der Bahn aufgenommen. Da erkenne ich, dass die Bahn als planende Organisation die Zusage einhält, eng mit uns zusammenzuarbeiten und auf die Anforderungen, die wir formulieren, einzugehen.

Welche Anforderungen sind das?

Wir müssen das Fahrgastaufkommen, das wir im Moment am S-Bahnhof Bernhausen haben, mit einem verlässlichen Schienenersatzverkehr Richtung Echterdingen beziehungsweise Richtung Stuttgart bringen. Ich glaube, dass man bei der Bahn Filderstadt unterschätzt hat: Wir haben hier eine Umstiegszahl zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln von knapp 10 000 Menschen am Tag. Jede S-Bahn, die hier im Halbstundentakt abfährt und ankommt, müsste mit sieben Gelenkbussen ersetzt werden. Die kriege ich im Moment weder irgendwo abgestellt, noch kriege ich sie durch den Tagesverkehr. Mit einem profanen Busersatzverkehr wird es nicht funktionieren. Wir brauchen eine komplexere Lösung.

Welche?

Wir werben dafür, noch mal zu schauen, ob es nicht ein Bauverfahren gibt, das die S-Bahn-Sperrung verkürzt oder gar obsolet macht, oder rechtzeitig einen verlässlichen Ersatzverkehr zu organisieren. Ich habe die Idee, die Busse über die B 27 fahren zu lassen, schon früher aufgeworfen. Wir werden es nicht schaffen, den kompletten Umstiegsverkehr im Zentrum Bernhausens abzuwickeln. Ein Interims-Knotenpunkt kann auch woanders geschaffen werden. Hier müssen vielfältige Lösungsansätze geprüft werden.




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